Erzählschema Amicus und Amelius

Diese Seminararbeit ist bereits 2016 in einem Seminar der Germanistischen Mediästivik entstanden. Ich bin der Ansicht, dass Institutionen, die maßgeblich das sogenannte forschende Lehren bei ihren Lehrveranstaltungen anwenden, kein Recht haben, Studierende, deren Ideen sie im Rahmen des synergetischen Effekts übernehmen, auch noch zu diskriminieren, in irgendeiner Form fertigzumachen, anzuschreien, zu beleidigen und so zu tun, als seien sie von alleine auf die Beiträge gekommen, die nachher in ihrer Forschungsliteratur ihnen Anerkennung einbringen. Das gilt für Seminararbeiten und es gilt auch für Abschlussarbeiten und Dissertationen.

Definition des Begriffs ‘Erzählschema’

Als Erzählschema wird ein „für mehrere oder auch alle narrativen Texte typischer Handlungs- oder Erzählablauf“ bezeichnet.

„In weiterem Sinne umfaßt Erzählschema nicht nur Handlungsstrukturen, sondern typische Muster von Erzählungen und Erzählvorgängen insgesamt, also auch Formen der literarischen Gestaltung […] und pragmatische Aspekte.“[1]

Kurze Zusammenfassung „Amicus und Amelius“

Amelius, ein Grafensohn und Amicus, ein Rittersohn, sehen sich sehr ähnlich und werden in frühester Kindheit enge Freunde. Als beide erwachsen sind, stirbt Amicus Vater. Neider vertreiben ihn von seinem Hof und Erbe. Er beschließt mit seinen Getreuen an Amelius Hof zu gehen, um von seinem Freund Unterstützung zu erhalten. Amicus ist unterdessen auf dem Weg zu seinem Freund, um ihn nach dem Tod seines Vaters zu trösten. Sie treffen sich nicht an, beschließen aber jeweils den anderen zu suchen. Amicus trifft auf seiner Suche einen Edelmann, der ihm seine Tochter anvertraut und seinen Getreuen Reichtum verspricht. Nach langer Suche treffen sich die Freunde schließlich und gehen an den Hof des Frankenkönigs Karl.

Amicus bekommt nach einigen Jahren Sehnsucht und reist zu seiner Frau. Zuvor rät er seinem Freund sich von der schönen Königstochter und dem treulosen Ardecius fernzuhalten. Amelius hält sich nicht an diesen Rat: Er verführt die Prinzessin und freundet sich mit Ardecius an. Daraufhin beschuldigt dieser Amelius vor dem König die Jungfernschaft seiner Tochter geraubt zu haben. Um seine Unschuld zu beweisen, nimmt Amelius einen Zweikampf gegen Ardecius an. Zur gleichen Zeit kommt Amicus zurück und schlägt Amelius vor, statt seiner für ihn zu kämpfen. Sie tauschen ihre Kleidung und der Zweikampf findet statt. Amicus gewinnt das Duell für Amelius und kehrt zu seiner Frau zurück, während Amelius die Prinzessin heiratet.

Kurz darauf wird Amicus aussätzig. Er kann nicht mehr aufstehen und sogar seine Frau will ihn wegen seiner Krankheit ermorden. Diener bringen ihn in die Nähe von Amelius Haus, wo dieser seinen Freund erkennt und ihn aufnimmt. Eines nachts kommt der Engel Rafael zu Amicus und erzählt ihm von dem Heilmittel: Amelius soll seine Kinder töten, damit Amicus sich in ihrem Blut waschen kann. Amelius begeht die Tat und wäscht seinen Freund mit ihrem Blut, das ihn heilt. Auch die Kinder werden durch Gottes Gnade wieder lebendig. Amelius und seine Frau leben aus Dankbarkeit fortan keusch, während Amicus auf seine Burg zurückkehrt und sie zurückerobert.

Ruhe finden Amicus und Amelius nicht, denn es kommt zum Krieg zwischen dem Papst und den Langobarden. Beide kämpfen in König Karls Heer auf Seiten des Papstes. Dieser gewinnt den Krieg. Amicus und Amelius aber sterben, werden beide unverwundet nebeneinanderliegend gefunden und gemeinsam begraben.

Allgemeines

Der Amicus und Amelius-Stoff war seinerzeit sehr beliebt und entfaltete sich im mittelalterlichen Europa. „Die Stofftradition setzt ein mit der mittellateinischen Versbearbeitung des Radulfus Tortarius vom Ende des 11. Jahrhunderts und sie reicht bis über den Ausgang des Mittelalters hinaus.“[2] Die Forschung geht davon aus, dass die Amicus-Amelius-Tradition noch älter ist als die älteste Überlieferung.[3]

Aufgrund der Verbreitung gibt es verschiedene Varianten des Stoffes. Auch wenn beide Freunde in einigen Versionen am Hof Karls des Großen tätig werden, „bleibt doch die Verknüpfung mit dem karolingischen Sagenkreis lose und ohne Gewicht für die Handlung. Es gibt Versionen, in denen ein anderer Fürst an Karls Stelle tritt.“[4]

In einigen Versionen endet die Geschichte mit dem Heilungswunder, in anderen mit dem gemeinsamen Tod der Freunde und der Vereinigung im gemeinsamen Grab.

Grundstruktur aller Varianten

Trotz verschiedener Fassungen liegt allen Varianten eine bestimmte Struktur zugrunde. Zunächst wird die Gleichheit der beiden Freunde dargestellt. Diese ist für den Fortgang der Erzählung essentiell, denn es ergibt sich der gegenseitige Treuebeweis, ohne den die folgenden Strukturelemente nicht aufgebaut werden könnten: Amicus kämpft für Amelius, dieser opfert später seine Kinder für den aussätzigen Freund.

Silke Winst geht von einer Dreiteilung der Geschichte aus:

1. Konstruktion von Gleichheit

2. Identitätstausch im Gottesurteilskampf

3. Kindesopfer zur Aussatzheilung“[5]

Zweiteilung innerhalb der Grundstruktur

Weiterhin stellt Winst fest, dass in dem Gerüst der Amicus-Amelius-Geschichte „der adlig-höfische wie der religiös-christliche systematische Zusammenhang historischer Deutungs- und Verstehensmuster“[6] besteht, und so ebenfalls eine Einteilung und Unterscheidung auf dessen Grundlage möglich macht.

Bei den Geschichten mit religiös-christlichem Zusammenhang wird die Freundschaft der beiden mit einer speziellen Erzählstruktur, welche religiöse Symbole und Einflechtungen enthält, vorangetrieben.

Laut Winst haben die religiös-christlichen Texte „folgende zusätzliche Erzählkomplexe:

1. Kindheitsgeschichte mit religiöser Legitimation der Freundschaft:

Geburt zweier gleicher Kinder von unterschiedlichen Eltern, mit Statusdifferenz: Grafensohn (Amelius) und Rittersohn (Amicus); Treffen auf einer Romreise; gemeinsame Papsttaufe mit identischen Bechern als Taufgeschenken; Konstituierung der Freundschaft und temporäre Lebensgemeinschaft der Knaben.

2. Langjährige Suche:

Soziale Isolation beider Freunde; Amicus‘ Herrschaftsverlust nach dem Tode seines Vaters und Amelius freiwilliger Fortgang aus seinem Verwandtschaftskollektiv; Amicus‘ Ersatzfamilie, Heirat einer Ritterstochter-, Hilfe des Pilgers; Zusammentreffen der Freunde; nochmalige Freundschaftsschließung.“

Die Texte können aufgrund verschiedener Erzählschemata weiter unterteilt werden.“[7]

Die religiösen Motive fehlen in den adelig-höfischen Geschichten, wo diese dann ersetzt werden, etwa durch andere adelige Aktivitäten oder eine genauere Beschreibung der Freundschaftsbeziehung von Amicus und Amelius.

Die Gleichheit als essentielles Element im Grundgerüst der Erzählung

Die Freundschaft von Amicus und Amelius basiert auf der Gleichheit, die zu Beginn die Geschichte einleitet, und dann auch für den weiteren Handlungsverlauf notwendig ist.

Winst hat das Freundschaftsmodell, das in allen Amicus-Amelis-Varianten vorkommt analysiert und beschreibt drei Einheiten, die wiederum mehrere Bestandteile enthalten.

„1. Gründung der Freundschaft […]:

a) Gleichheit     b) Freundschaftsschwur     c) Lebensgemeinschaft

2. Prüfung […]:

a) Trennung     b) Gottesurteilskampf     c) Kindesopfer

3. Vereinigung […]:

a) Gemeinsames Leben     b) Gemeinsamer Tod     c) Gemeinsames Grab“[8]

Parallelen und Unterschiede zu Hartmann von Aues „Armer Heinrich“

Eine Gemeinsamkeit der beiden Werke beruht auf der Aussatzstrafe durch Gott, wobei in beiden Texten die Motivation nicht deutlich wird. Der arme Heinrich vermutet, dass er wegen seiner weltlichen Lebensführung von Gott gestraft wird. Amicus könnte sich wegen seiner nicht ordnungsgemäßen Teilnahme am Zweikampf schuldig gemacht haben. [9]

Eine ebenfalls ähnlich erscheinende Komponente der beiden Werke ist die Freiwilligkeit des Opfers, beim armen Heinrich durch das Mädchen, bei Amicus und Amelius opfert Amelius seine Kinder. Kurt Ruh beschreibt Hartmanns Werk auch als „Hohes Lied des opferbereiten Pächtermädchens“, wobei er hier Parallelen in der Freiwilligkeit des Opfers von der Meierstochter und von Amelius sieht. Nur die Motivation, aus dem das Opfer erbracht wird, ist jeweils eine andere.[10]

Ein Unterschied besteht im Vollzug der Opferung. Das Mädchen überlebt, weil Heinrich seine Krankheit anerkennt. Amelius tötet seine Kinder und diese werden durch Gottes Gnade wieder lebendig.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

„Amicus und Amelius“ des Andreas Kurzmann. Salzburg, UB, Cod. M I 138.

Sekundärliteratur

Martinez, Matias: s. v. Erzählschema, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 1 (1997), S. 506-507.

Ruh, Kurt: Hartmanns Armer Heinrich. ‚Erzählmodell und theologische Implikation‘, in Henning, Ursula (Hg.): Mediaevalia litteraria. FS Helmut de Boor, München 1971, S. 315-329.

Vielhauer, Inge: Amis und Amiles. Geschichte einer Freundschaft am Hofe Karls des Grossen, Amsterdam 1950.

Winst, Silke: Amicus und Amelius. Kriegerfreundschaft und Gewalt in mittelalterlicher Erzähltradition, Berlin 2009.

Diskussionsimpulse für Amicus und Amelius

Inwiefern könnte Hartmann von Aue sich der Amicus-Amelius-Vorlagen bedient haben?

Könnte es einen Grund geben, warum die Motivation für den Aussatz nicht eindeutig ist? Welchen Nutzen oder Nachteil könnten sowohl Autoren, als auch Leser durch diese eventuell beabsichtigte Unklarheit haben? Oder ist dies vielleicht nicht wichtig?


[1] Martinez, Matias: s. v. Erzählschema, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 1 (1997), S. 506-507. [2] Winst, Silke: Amicus und Amelius. Kriegerfreundschaft und Gewalt in mittelalterlicher Erzähltradition, Berlin 2009, S. 5. [3] Ebd., S. 15. [4] Vielhauer, Inge: Amis und Amiles. Geschichte einer Freundschaft am Hofe Karls des Grossen, Amsterdam 1950, S. 5. [5] Winst, Silke: Amicus und Amelius. Kriegerfreundschaft und Gewalt in mittelalterlicher Erzähltradition, Berlin 2009, S. 5. [6] Ebd., S. 12. [7] Ebd., S. 18-19. [8] Ebd., S. 47. [9] Die Motivierung wird in den vielen Bearbeitungen des Textes unterschiedlich dargestellt, wobei auch jeweils der Anspruch an die Zielsetzung, etwa im religiösen Kontext und anderen, relevant ist. [10] Ruh, Kurt: Hartmanns Armer Heinrich. ‚Erzählmodell und theologische Implikation‘, in Henning, Ursula (Hg.): Mediaevalia litteraria. FS Helmut de Boor, München 1971, S. 315-329, hier: S. 320.

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