Grenzen der Erkenntnis: McEwans Was wir wissen können als literarische Reflexion über Wahrheit und Überlieferung
Der Roman Was wir wissen können von Ian McEwan greift ein Thema auf, das besonders für mich als Literaturwissenschaftlerin äußerst interessant ist: Wie viel lässt sich mit Quellensichtung, Wissen über Biographien, zeitgenössischem Kontext, literarischen Werken und Aussagen von Zeitzeugen über die vergangene Wahrheit rekonstruieren? Für die Beantwortung dieser Frage versetzt McEwan seinen Protagonisten in die…
Michael Ende: Die unendliche Geschichte – zeitlose Weisheit in fantastischem Gewand
1. Dezember 2025 | Der Literarische Adventskalender 2025 startet in diesem Jahr mit einem Klassiker: Michael Endes Werk Die unendliche Geschichte gehört seit seiner Veröffentlichung 1979 zu den zeitlosen Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur und wirkt weit über das Genre hinaus. Bastian Balthasar Bux taucht durch ein geheimnisvolles Buch in die Welt Phantásiens ein und…
Hey guten Morgen, wie geht es dir? – Alter, Ausbeutung, Depression, Sehnsucht
Martina Hefters Roman Hey guten Morgen, wie geht es dir? wird oft zunächst mit dem Phänomen des Love-Scamming verbunden. Tatsächlich habe ich das auch in meinem Einführungsbeitrag zum Buch getan. Doch aufmerksame Leserinnen und Leser werden bei der Lektüre schnell bemerken, dass es um sehr viel mehr geht. Mich interessieren insofern diesmal neben den offensichtlichen…
Wolfram von Eschenbach: Parzival – Mittelalterlicher Gralsroman heute noch aktuell
Ein Meisterwerk ist Parzival, eines der bedeutendsten Werke höfischer Literatur des Mittelalters, verfasst von Wolfram von Eschenbach um 1200-1210. Ich würde meine Liebe für die mittelalterliche Literatur verhehlen, wenn ich nicht mindestens eines dieser großartigen Werke unterbrächte. Das Nibelungenlied habe ich schon in meinem Beitrag zur strukturellen Gewalt gegen Frauen behandelt (eine Abwandlung meiner Bachelorarbeit),…
Adalbert Stifters Brigitta: Die wahre Schönheit der Seele
Adalbert Stifters Novelle Brigitta gehört zu den stillen Meisterwerken des Biedermeier‑Realismus. In dieser Reflexion betrachten wir die zentrale Bedeutung der inneren Schönheit, die literarische Verbindung von Landschaft und Gefühlen, die moralischen Fragestellungen des Texts und wie Stifter durch Naturbeschreibung und Figurenzeichnung grundlegende existenzielle Themen entfaltet. Die Novelle wurde erstmals 1844 veröffentlicht und bleibt bis heute…
No & ich – Delphine de Vigan – Gewalt und Solidarität
Bei No & ich von der französischen Autorin Delphine de Vigan bin ich Wiederholungleserin. 2007 ist das Buch erschienen, 2008 dann auch in der deutschsprachigen Übersetzung. Ich kann nicht mehr zurückverfolgen, wo ich das Buch einst gekauft habe oder ob es ein Geschenk war. Ich hatte es schon einmal gelesen. Warum kam der Impuls ausgerechnet…
Ted Lasso – Fußball, Optimismus, aus Literatur lernen
Als Ted Lasso seinen Spielern Bücher schenkt, wirkt das zunächst wie eine weitere Marotte dieses unerschütterlichen Optimisten. Doch die Szene ist mehr als ein Gag. Sie behauptet etwas Radikales: dass Literatur Menschen verändern kann – nicht abstrakt, sondern konkret. Nicht als Bildungsornament, sondern als Handlungsmotor. In einer Serie, die vom Profifußball handelt, wird ausgerechnet das…
Olga Martynova – Der Engelherd
Der mögliche Erwerb nicht-propositionaler Erkenntnis durch Lektüre [Johanna sagte:] »Ich denke oft, die Nazis haben so viel Schuld auf uns Deutsche geladen, die jedoch nie gebüßt wurde.« [Lu antwortete: »…] wir sind die lebensunfähigste Generation aller Zeiten, von Neurosen befallen wie noch nie in der Geschichte, alle depressiv, alle entnervt, handlungsunfähig […].«[1] Die Schuld betrifft…
To Kill a Mockingbird: Harper Lees unbequeme Wahrheiten über Rassismus
To Kill a Mockingbird von Harper Lee erschien 1930, ins Deutsche übersetzt wurde der Titel mit Wer die Nachtigall stört. Das Buch wurde 1961 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, dem wichtigsten US-amerikanischen Medienpreis für Literatur, Journalismus und Musik. Auch die Verfilmung mit Gregory Peck in der Rolle des Atticus Finch von 1962 erhielt drei Oscars. Die…