Brot und Spiele

Der nervige Casting-Kult in Deutschland ist eine Neverending-Story

Brot und Spiele: Nerviger Casting-Kult

Im alten Rom bestand die Volksbelustigung aus blutigen Gladiatorenspielen: Nur die besten Kämpfer überlebten oder wurden begnadigt. Heutzutage kann das Volk vom Sofa aus entscheiden wer eine Runde weiter darf. Und die Begnadigung findet statt, nachdem die heutig Herrschenden, bestehend aus einer drei- bis sechsköpfigen Jury von mehr oder weniger bekannten Prominenten, ihren Daumen entweder positiv oder negativ geneigt hat. „Casting-Show“, so nennt sich die Neuauflage der altertümlichen Feste. Früher herrschte ein Kaiser, der über die Durchführung der blutrünstigen Festivitäten entschied, die Volk und Pöbel mit Brot und Spielen zufrieden- und ruhigstellte. Heute besteht die einstige kaiserliche Macht aus einem Konglomerat verschiedenster Machtinstanzen der Wirtschafts-, Finanz- und Medienwelt, die an der öffentlichen Hinrichtung der zum Casting geladenen Charaktere ordentlich verdienen.

Die Juroren-Prominenz, bekannt aus der vornehmlich deutschen, und sogar europäischen, Film-, TV- und Gesangslandschaft, gibt ihre jeweilige, mehr oder weniger vorformatiert-einstudierte Meinung über die Talentstufe der weiblichen und männlichen Teilnehmer direkt vor der Kamera preis. Sterben muss da keiner mehr! Zumindest nicht physisch. Wenngleich ein Blick in die angstverzerrten Gesichter der jungen Talente aufgrund manch herber Kritik seitens der vermeintlichen Jury-Gottheiten durchaus psychische Schäden nach sich ziehen könnte. Wenn etwa Dieter Bohlens höhnische Kritik zart besaitete Künstlerherzen ohne Mitleid, gleich einer scharf gewetzten Gladiatorenlanze, brutal durchbohrt, dann scheint dies eben nur für FAST alle Anwesenden auch wirklich lustig zu sein. Aber genau darum geht es ja bei Formaten, die unter der Thematik „Brot und Spiele“ zu fassen sind.

Mit Fantasie zum Applaus

Seit über zehn Jahren läuft „Deutschland sucht den Superstar“ im Fernsehen und die breite Masse wird es nicht leid, sich für die vielen, und leider oftmals doch talentfreien Selbstdarstellungs-Spezialisten fremdzuschämen. Frei nach dem Motto: „Wenn ich die sehe, merke ich erst wie intelligent ich bin“, lässt sich in der Mittagspause herrlich mit den Kolleginnen und Kollegen über die zuletzt gesehene Show und dort aussortierte Kandidatinnen und Kandidaten ablästern – da ist der Rüffel vom Chef wegen der verpatzten Auftragsarbeit schnell vergessen und ein Thema mit dem Typen aus dem Kopierladen ist auch schnell gefunden.

Aber die deutsche TV-Landschaft hat noch mehr zu bieten. Schließlich gibt es viele Methoden der Publikumsunterhaltung– es ist für jeden etwas dabei. In „Das Supertalent“ zum Beispiel bekommt jeder mit einem besonderen Talent eine Chance. Dabei unterliegt die Umschreibung „besonderes Talent“ keiner spezifischen Definition, der menschlichen Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, was genau unter eben diese Kategorie der individuellen Genialität fallen soll. Da zertrümmert beispielsweise eine Frau mit ihren Brüsten, groß wie Kirchturmglocken, Melonen. Oder eine halbnackte Frau führt als Nixe verkleidet in einem Cocktailglas-ähnlichen Becken Kunststücke vor, die man eher von einem Delfin, mindestens aber von einer Robbe erwartet hätte. Fischhappen gibt es nicht zur Belohnung. Egal. Talent ist Talent, und ins Fernsehen möchte schließlich jeder mal. Überhaupt geben derartige Darbietungen allen Menschen Hoffnung und erwecken zumindest den Anschein, dass man sich mit dem eigenen Talent auch ein wenig Bühnenscheinwerfer ins Gesicht schmeißen lassen könnte.

Shows ohne Dieter Bohlen gibt es aber auch. Wie zum Beispiel „Popstars“, bekannt geworden mit dem dominant-sensiblen Tanzbär Detlef D. Soost oder „X-Faktor“ mit Heulboje Sarah Connor. Und jetzt wird „The Voice of Germany“ aus dem Boden gestampft. Künstler wie Xavier Naidoo und Nena sollen die ultimativ geilste Stimme Deutschlands finden. Und können nebenbei ganz uneigennützig für die eigenen Songs die Werbetrommel rühren. Endlich! Darauf hat das Volk gewartet! Diese Show, der Jesus unter den Casting-Shows, erlöst die Menschen von allem gesanglichen Bösen. Und auch die Kritiken sind nicht ganz so „dieterbohlisch“ wie bei DSDS. Fragt sich nur, was nach dem fulminanten Finale überbleibt? Hören will das doch später keiner mehr. Nur zusehen, wie sich angehende Gesangsamöben vor der Kamera zum Affen machen – das wollen die Zuschauer von heute wirklich sehen.

Unerkannt im Massengrab der Unterhaltungsbranche

Geändert hat sich im Vergleich mit dem antiken Rom prinzipiell wenig, womöglich ist die Qualität der Sitzgelegenheit heute besser. Die offenkundige Motivation hinter dem vermeintlichen Glitzer-Glamour der deutschen Casting-Shows bekamen auch schon die Gladiatoren im alten Rom zu spüren, allerdings ungleich blutiger und brachialer. Die endeten nach den Spielen nämlich unerkannt im Massengrab, wo ihre leblosen und vom Kampf verstümmelten Körper in der kalten Erde verschüttet wurden. Und heute verrotten die stimmlichen Ergüsse der frisch gekrönten Casting-Blindgänger auf der eigenen Youtube-Seite oder dümpeln ungestreamt in den Untiefen von Spotify herum. Heute wird bei Veranstaltungen à la Brot und Spiele eben anders gestorben. Aber immerhin bleibt den Lebenden die Erinnerung an die kurze Zeit auf der Bühne und der Traum vom Ruhm.

 

Der Beitrag stammt ursprünglich aus dem Jahr 2012, ist daher bezüglich der aufgerufenen Shows und TV-Sendungen überholungsbedürftig. Diese sind jedoch austauschbar mit aktuellen Formaten.

Bildquellen

  • Gladiatoren: pixabay.de – links: ArsAdAstra / rechts: Mohd Zuber Saifi

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