Zitiert: Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry

Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry gehört zu den Klassikern der Weltliteratur und ist für Jung und Alt gleichermaßen faszinierend. Ähnlich der Unendlichen Geschichte von Michael Ende oder Peter Pan von J. M. Barrie oder Alice im Wunderland von Lewis Caroll hat das Buch eine inspirierende Wirkung, werden zu allen Zeiten gültige und jedem Menschen bekannte Themen angesprochen. Es geht unter anderem um Freundschaft und die Relevanz von zwischenmenschlichen Beziehungen, um die Vergänglichkeit des Lebens, um Liebe, um Kreativität und Fantasie, die Bedeutung von Mitgefühl und Empathie sowie um die Suche nach Identität und einem Sinn in der Welt. Das Buch hat viele wichtige Botschaften – jede und jeder kann sich das herausziehen, was gerade wichtig ist. Darum will ich heute wichtige und einprägsame Zitate mit einigen Erläuterungen und Deutungen zu den Figuren und wichtigen Themen zur Verfügung stellen.

Zum Einstieg das wohl bekannteste Zitat

„Adieu“, sagte der Fuchs. „Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Aus: Saint-Exupéry, Antoine de: Der Kleine Prinz. Mit Illustrationen des Autors. Ins Deutsche übertragen von Grete und Josef Leitgeb. 173.-180. Tausend. 1999 Zürich, S. 72.

Dieses Zitat könnte möglicherweise auch als Schlüsselzitat für das gesamte Buch gelten, denn die Verbindungen zwischen Menschen, die sind nicht sichtbar und doch sind sie so wesentlich für das Leben an sich.

Eine kleine Zusammenfassung von Der Kleine Prinz

Nach einer Notlandung in der Wüste trifft ein Pilot auf den kleinen Prinzen, einem Jungen von einem anderen Stern. Der Pilot versucht, sein Flugzeug zu reparieren und beginnt dann mit dem kleinen Prinzen zu interagieren, sodass er nach und nach durch dessen Erzählungen mehr über ihn erfährt. Der kleine Prinz erzählt dem Piloten von seinen Reisen zu verschiedenen Planeten und den eigenartigen Bewohnern, die er dort getroffen hat. Alle Begegnungen des kleinen Prinzen mit den Planetenbewohnern sind Metaphern für bestimmte menschliche und gesellschaftliche Zwänge oder Gepflogenheiten bzw. Verhaltensweisen. Die wichtigste Beziehung unterhält der kleine Prinz mit einer Rose, die er jedoch auf seinem Heimatplaneten zurückgelassen hat. Nicht nur der kleine Prinz lernt auf seiner Reise durch das Universum viel über Freundschaft, Liebe, Verluste und den Sinn des Lebens, sondern auch Leserinnen und Leser können einiges mitnehmen, wenn sie offen für die im Werk enthaltenen Botschaften sind.

Zum Autor: Antoine de Saint-Exupéry

Man kann es sich denken, Antoine de Saint-Exupéry war ein französischer Schriftsteller und Pilot.

Er wurde am 29. Juni 1900 in Lyon geboren und verschwand am 31. Juli 1944 während eines Fluges über dem Mittelmeer nach einem Abschuss durch die deutsche Luftwaffe. Saint-Exupéry war ein erfahrener Pilot. Seine Erfahrungen ließ er oft in seine literarischen Werke einfließen. Neben Der Kleine Prinz ist Saint-Exupéry auch für andere Werke bekannt, darunter Nachtflug (Vol de nuit) und Wind, Sand und Sterne (Terre des hommes). Sein Stil zeichnet sich durch eine philosophische Tiefe aus, die sich Leserinnen und Leser erst nach und nach erschließen können. Auch Der Kleine Prinz ist ein Roman, der verschiedenen Ebenen bedient, die über das Treffen eines Piloten mit dem Bewohner eines anderen Sterns hinausgeht. Zum einen wird die Geschichte des kleinen Prinzen erzählt, dann gibt es die moralbasierten Metaebenen und die Symboliken, die alle für sich eine Bedeutung haben, einen eigenen Beitrag zur Geschichte liefern und auch für die Figuren wichtig sind und wiederum auch für jede Leserin und jeden Leser eine eigene Bedeutung haben können. Saint-Exupéry schrieb Der Kleine Prinz während seines Exils in den Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs. Das Buch wurde zu einem zeitlosen Klassiker der Weltliteratur und hat seit seiner Veröffentlichung 1943 zahllose Leser auf der ganzen Welt berührt und inspiriert.

Wichtige Figuren in Der Kleine Prinz

Ich werde folgend die wichtigsten Figuren einführen und auch immer mal wieder ein paar passende Zitate einstreuen. Anschließend komme ich dann zu den großen Themenbereichen und werde dort ebenfalls einige Zitate mit aufführen.

Der kleine Prinz

Der Kleine Prinz ist die zentrale Figur des Buches – immerhin ist der Name titelgebend. Er ist ein Junge von einem anderen Planeten, der auf der Suche nach Wissen und Freundschaft ist. Der kleine Prinz verkörpert Unschuld, Neugierde und die Sehnsucht nach Sinn und Bedeutung im Leben. Eigentlich steht er damit stellvertretend für jeden Menschen. Hand auf’s Herz – wem geht es nicht so? Auf seinen Reisen zu den verschiedenen Planeten lernt er viele Planetenbewohner kennen, erlebt viel und lernt viel, erhält darüber hinaus auch wichtige Lektionen über Freundschaft, die Liebe, Menschlichkeit und das Leben. Ja, vielleicht ist die Reise des kleinen Prinzen eine Heldenreise, eine Heldenreise wie sie die großen Helden der Antike bestritten wie Odysseus, oder Helden des Mittelalters wie Siegfried oder aber Luke Skywalker ein Held aus einer weit, weit entfernten Galaxie. Und damit gleicht er der kleine Prinz auch wieder uns, seinem Lesepublikum. Wir alle befinden uns auf der Reise des Lebens und wir lernen viel über uns durch die Kommunikation mit anderen Menschen.

Der Pilot

Der Erzähler der Geschichte ist der Pilot. Er trifft nach einer Notlandung in der Wüste den kleinen Prinzen. Möglicherweise schreibt hier de Saint-Exupéry aus einer fiktionalen Ich-Perspektive. Und genau wie ein Erzähler auch, fungiert der Pilot als Vermittlungsinstanz zwischen der Hauptfigur, dem kleinen Prinzen und den Leserinnen und Lesern, auch und gerade, weil er der Erzählung des kleinen Prinzen lauscht. Durch seine Interaktionen und über das Zuhören gewinnt der Pilot ebenfalls eine umfassendere Einsicht in das Leben und die menschliche Natur. Und weil es ihm so geht, kann es auch den Leserinnen und Lesern so ergehen. Aus der Lektüre lernen?! – Ja, das ist möglich, denke ich. Man kann Einsichten aus dem Lesen gewinnen oder man kann sie mit eigenen Erfahrungen verbinden oder man kann über das Gelesene reflektieren oder mit anderen diskutieren – die Möglichkeiten sind zahllos.

Der Fuchs

Der Fuchs vermittelt dem kleinen Prinzen wichtige Lektionen über Verbundenheit, das Vertraut machen und Beziehungen. Das Zitat weiter oben enthält ja die sehr wichtige Lektion, dass man nur mit dem Herzen gut sieht, weil das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist. Beziehungen, die durch das Vertraut machen mit jemandem entstehen, sind mit unsichtbaren Banden verknüpft: gemeinsame Erinnerungen, das Wissen um die Vorlieben und Abneigungen einer anderen Person, die Talente und Potentiale sind nicht sichtbar, aber wenn man davon weiß, sind sie für einen selbst vorhanden sowie die eigenen Emotionen in Bezug auf andere, zu denen Liebe oder Freundschaft gehören. Sie alle sind nicht sichtbar im Gegensatz zu materiellen Dingen wie Autos oder Kleidung. Der Fuchs lehrt den kleinen Prinzen auch die Bedeutung von Bindung und Vertrauen und ermutigt ihn, seine Rose zu lieben und zu schützen. Außerdem erklärt er ihm, warum sie einzigartig für ihn ist.

Die Rose

Rosen stehen für die Liebe, sie stehen auch für Verbundenheit. Die Rose im Roman steht für die Heimat des kleinen Prinzen. Sie ist für ihn einzigartig, alle anderen Rosen habe nichts mit ihr gemein, denn er hat Lebenszeit für sie aufgebraucht. Insofern steht die Rose auch für Einzigartigkeit und Schönheit, darüber hinaus auch für die Vielfalt der Natur und in einem übergeordneten Sinne auch für den Wert eines jeden Lebewesens. Zugleich benötigt die Rose aber auch Schutz, weil sie verletzlich ist, sie bedarf der Fürsorge und Verantwortung – wie der Fuchs es dem kleinen Prinzen gesagt hat. Möglich auch, dass der kleine Prinz durch die Rose erkennt, wie wichtig es ist, sich selbst zu lieben. Wer sich selbst nicht liebt, der kann auch andere nicht richtig lieben.

Die Rose ist allerdings nicht überaus freundlich zu dem kleinen Prinzen, weswegen er seinen Heimatplaneten verlässt und auf Reisen geht. Sie nötigt ihm zum Beispiel Gewissensbisse auf, weil er sich angeblich nicht gut genug um sie kümmert.

„So hatte der kleine Prinz trotz des guten Willens seiner Liebe rasch an ihr zu zweifeln begonnen, ihre belanglosen Worte bitter ernst genommen und war sehr unglücklich gewesen.“ (S. 31)

Im Nachhinein bereut der kleine Prinz allerdings, dass er seine Rose beim Wort genommen hat und er vertraut dem Piloten daher an:

„Ich habe das damals nicht verstehen können! Ich hätte sie nach ihrem Tun und nicht nach ihren Worten beurteilen sollen. Sie duftete und glühte für mich. Ich hätte niemals fliehen sollen! Ich hätte hinter all den armseligen Schlichen ihre Zärtlichkeit erraten sollen. Die Blumen sind so widerspruchsvoll! Aber ich war zu jung, um sie lieben zu können.“ (S. 31)

Laut diesem Zitat sind Taten wichtiger als Worte. Ich denke aber, das kommt immer auf die Situation an. Wer Lügen verbreitet, aber seinen Handlungen entsprechend richtig handelt, ist nicht besser als ein Lügner – zum Beispiel.

Die Bewohner der verschiedenen Planeten

Auf seinen Reisen zu verschiedenen Planeten trifft der kleine Prinz auf eine Vielzahl eigenartiger Bewohner.

Der erste Planet und der König

Er thront auf seinem Thron und hält den kleinen Prinzen für seinen Untertan. Er beansprucht Herrschaft über alles und jeden. Er repräsentiert Autorität und Macht, damit einhergehend aber auch Rechthaberei, Einsamkeit und Leere. Er gibt Befehle für alles und legt Wert auf Gehorsam, Ungehorsam duldet er nicht. Der König entspricht dem in der Erwachsenenwelt vorkommenden Prinzip der machthabenden Hierarchie, das auf Gehorsam und Autorität basiert. Es geht dabei aber nicht um echten Respekt, es ist ein Schein, der allein auf der Rolle des Königs beruht und nicht mit seinem Selbst zu tun hat. Wahre Führung, das erkennt der kleine Prinz hier, basiert nicht nur auf Autorität und Macht und Kontrolle, sondern auch auf Mitgefühl und Verständnis, die man nicht einfach vortäuschen kann. „Er gab sich den Anschein großer Autorität.“ (S. 40) Und der kleine Prinz stellt nur fest: „Die großen Leute sind sehr sonderbar.“ (S. 40)

Der zweite Planet und der Eitle

Der Name ist Programm. Er ist unentwegt damit beschäftigt, Bewunderung für seine eigene Schönheit und Eleganz zu suchen.

„Bewunderst du mich wirklich sehr?“ fragte er den kleinen Prinzen.
„Was heißt bewundern?“
„Bewundern heißt erkennen, daß ich der schönste, der bestangezogene, der reichste und der intelligenteste Mensch des Planten bin.“
„Abe du bist doch ganz allein auf deinem Planeten!“
„Mach mir die Freude, bewundere mich trotzdem!“
„Ich bewundere dich“, sagte der kleine Prinz, indem er ein bißchen die Schultern hob, „aber wozu nimmst du das wichtig?“ (S. 42)

Aufgrund dieses selbstzentrierten Interesses für das eigene Ich hat er kein Interesse an den Bedürfnissen anderer. Er ist damit ein Paradebeispiel für die Selbstbezogenheit und Oberflächlichkeit in der Gesellschaft. Und weil er so sehr in die eigene Eitelkeit vertieft ist, ist er einsam, weil er keine echten Verbindungen in der Welt hat. Es ist tatsächlich ein gesellschaftliches Phänomen, den Wert seines Selbst nur durch die Bewunderung anderer anerkannt zu wissen, geschweige denn zu wissen, wer man ist. Insofern ist der Eitle eine leere Hülle, eine leere Projektionsfigur, die nur auf äußerer Anerkennung basiert und mit externer Bewunderung gefüllt werden muss. Der kleine Prinz erkennt in dieser Begegnung, dass ein Leben, welches nur auf die äußere Anerkennung von anderen ausgerichtet ist, tatsächlich sehr einsam und hohl ist.

Der dritte Planet und der Säufer

Der Säufer ist ein Trinker und er betrinkt sich, um zu vergessen. Er muss Alkohol konsumieren, damit er vergisst, dass er sich schämt und er schämt sich, weil er säuft. Es ist ein endloser Kreislauf, in dem der Säufer gefangen ist. Insofern steht der Säufer exemplarisch für einen Süchtigen, wobei man nicht nur nach Alkohol süchtig sein kann. Drogen, Konsum, Sex, Essen, Gaming, Social Media, Sport – man kann theoretisch nach allem süchtig werden. Dass man besser die goldene Mitte halten sollte, das wusste schon Aristoteles. Doch deutlich wird am Säufer, die tiefe Verzweiflung, die mit der Natur der Sucht einhergeht. Und es ist leider wahr, dass viele Menschen gar nicht wissen, wie sie aus der Suchtspirale aussteigen können, selbst, wenn sie es wollen.  Die Flucht vor der Realität, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und selbstzerstörerisches Verhalten – das erkennt der kleine Prinz im Säufer. Und er „verschwand bestürzt.“ (S. 43)

Der vierte Planet und der Geschäftsmann

Laut eigener und durch stete Wiederholung unterstrichener Aussage ist der Geschäftsmann „ein ernsthafter Mann.“ (S. 43, 44, 45, 46) Er ist immerzu beschäftigt, geschäftig am Arbeiten. Der Geschäftsmann kauft unermüdlich Sterne, die er wieder verkauft, ohne sie jemals zu genießen oder zu verstehen. Schon die Bezeichnung deutet daraufhin, dass er den Materialismus und die Gier nach Reichtum symbolisiert. Das kann ein sehr starker Treiber für viele Menschen sein, die dadurch das Wesentliche aus den Augen verlieren, das Wesentliche im Leben und ihre Verbundenheit mit anderen aufgeben. Und auch andere Dinge haben im Leben des Geschäftsmannes keinen Platz, er ist krank, weil er zu wenig Bewegung hat, er steht ständig unter Druck, weil er keine Zeit zu haben glaubt. Der kleine Prinz wundert sich. Während er den Dingen, die er selbst besitzt, etwas nützt wie der Rose, die er gießt, so nützt der Geschäftsmann den Dingen, die er angeblich besitzt, gar nichts. So entscheidet der kleine Prinz, dass die großen Leute „entschieden ganz ungewöhnlich“ (S. 4) sind und zieht weiter.

Der fünfte Planet und der Laternenanzünder

Der Planet, auf dem der Laternenanzünder lebt, ist so klein, dass er in drei Schritten drum herum gehen kann. Und weil er die Weisung hat, morgens und abends die Laterne zu löschen bzw. anzuzünden, ist er in einem unermüdlich schnellen Zyklus aus Anzünden und Löschen gefangen. Das ermüdet ihn sehr. Der kleine Prinz allerdings hat vor dem Laternenanzünder Respekt, denn er erkennt die Nützlichkeit seines Tuns an. Und im Gegensatz zu all denen anderen Planetenbewohnern ist der Laternenanzünder nicht nur mit sich selbst beschäftig. Er führt treu seine Weisung aus, aber hinterfragt diese auch nicht. Denn es ist schon etwas absurd, immerzu die Laterne an- und auszumachen, allein der Weisung und des Pflichtgefühls wegen. Dieses Verhalten ist absurd und sinnlos. Es lebt schließlich niemand auf dem Planeten, außer dem Laternenanzünder. Er opfert seine wertvolle Zeit also für absurde Anweisungen, die ihn zudem noch auslaugen und erschöpfen. Man könnte die Figur des Laternenanzünders also aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Hingabe, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl, Opferbereitschaft wären hier Schlagwörter. Aber auf der anderen Seite stehen Absurdität des Handelns, Sinnlosigkeit von überhöhtem Pflichtbewusstsein und sogar die Sinnlosigkeit der gesamten menschlichen Existenz – all das sind Themen, die sich im Handel und Reden des Laternenanzünders wiederfinden.

Der sechste Planet und der Forscher

Der sechste Planet ist zehnmal größer. Dort trifft der kleine Prinz den Forscher, genauer einen Geographen. Er symbolisiert die Neugier und die Wissbegierde, verlässt aber trotzdem nie seinen Schreibtisch, sondern liest einfach nur viel. Trotzdem ist er skeptisch gegenüber den Informationen dieser Bücher. „Man weiß nie“ (S. 54) lautet sein Mantra. Und es ist auch klug, Dinge nicht als gegeben hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen. Er will den Dingen auf den Grund gehen, sie verstehen und dokumentieren. Doch auch hier mag das Fehlen einer bestimmten Zutat auffallen, um ein vollständiges Bild erfassen zu können. Denn wer selbst keine Erfahrungen macht, könnte man fragen – hat dieser Jemand wirklich ein umfassendes Bild von seinem Untersuchungsgegenstand erlangt? Kann jemand ohne praktische Erfahrung und emotionale Verbindungen zum Wesen einer Sache vordringen?

Dies zeigt sich zum Beispiel an einem Dialog mit dem kleinen Prinzen

„Aber was bedeutet ‚vergänglich‘?“ wiederholte der kleine Prinz, der in seinem Leben noch nie auf eine einmal gestellte Frage verzichtet hatte.
„Das heißt: ‚von baldigem Entschwinden bedroht‘.“
„Ist meine Blume von baldigem Entschwinden bedroht?“
„Gewiß.“
Meine Blume ist vergänglich, sagte sich der kleine Prinz, und sie hat nur vier Dornen, um sich gegen die Welt zu wehren! Und ich habe sie ganz allein zu Hause zurückgelassen! (S. 54)

Und aufgrund dieser Anmerkung des Forschers hat der kleine Prinz eine erste Regung von Reue gegenüber seiner Rose, denn sie wird vergehen.

Der siebente Planet ist die Erde

Es folgt eine Aufzählung, wie viele Könige, Geschäftsmänner, Forscher, Säufer und Eitle es neben den viele Menschen auf der Erde gibt. Damit wird auch die mit den Planetenbewohnern einhergehende Symbolik nun deutlich – denn (wie wir ja alle sehr gut wissen) ist die Erde voll von solch obskuren Figuren! Und bevor es die Elektrizität gab, wurden die das Anzünden und Auslöschen handbetriebener Laternen natürlich auch unzählige Laternenanzünder bemüht – diese fleißige und pflichtbewusste Sorte Menschen, die ihre Arbeit bei Wind und Wetter und schweißtreibenden Mühen immer zu erledigt.

Der Weichensteller

Als der kleine Prinz sich vom Fuchs verabschiedet hat trifft er den Weichensteller, der die Reisenden sortiert und Züge schickt, die sie wegbringen. Und es kommen immer wieder neue Züge mit neuen Reisenden an und niemand weiß, wohin er will. Auch der kleine Prinz fragt den Weichensteller:

„Waren sie nicht zufrieden, dort, wo sie waren?“
„Man ist nie zufrieden dort, wo man ist“, sagte der Weichensteller. (S. 73)

Die Züge, die wechselnden Reisenden und Reiserouten sind eine Metapher für das Leben der Menschen in der modernen Gesellschaft. Ständige Eile, ständiges Hetzen, ständige Ausschau nach neuen Zielen und dahinter eine immerwährende Rastlosigkeit. Niemand (bis auf die Kinder) genießt die Reise, die wohl das Leben an sich darstellen soll. Wer immer nur von Ziel zu Ziel springt, der vergisst darüber das Dazwischen, das Leben an sich. Man darf auch ruhig einmal stehenbleiben und den Augenblick genießen, Freude verspüren an dem was ist.

Der Händler

Der Händler „handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen.“ (S. 74) Wer diese Pillen schluckt, der verliert das Bedürfnis, trinken zu müssen und gewinnt so Zeit. Genau genommen ganze 53 Minuten pro Woche.

„Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte“, sagte der kleine Prinz, „würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen …“ (S. 74)

Man könnte hier fragen, warum man sich Zeit sparen sollte, in der man auch mit einem kleinen Spaziergang (wie der kleine Prinz es vorschlägt) nicht nur mit einem Spaziergang etwas für die Gesundheit tut, sondern zugleich auch die Natur unterwegs genießen kann. Die Pille ist insofern eine leere Versprechung und stellt einen Aspekt des Kapitalismus dar, es geht um vermeintlichen Nutzen bzw. einen Scheinnutzen, der letztlich nur Geld in die Taschen von Händler und Verkäufern spült, doch für die Menschen bei genauerer Betrachtung sogar Nachteile hat. Effizienz in allen Ehren – aber es kann nicht schaden, auch einmal bewusst einen Gang runterzuschalten. Es sind andere Dinge, die das Leben lebenswert machen.

Zentrale Themen in Der Kleine Prinz

Die Einzigartigkeit der Rose

Nachdem der kleine Prinz seine Rose verlassen hatte und über die vielen Planetenbesuche zur Erde gelangt ist, trifft er dort auf einen Rosengarten.

„Wer seid ihr?“ fragte er sie höchst erstaunt.
„Wir sind Rosen“, sagten die Rosen.
„Ach!“ sagte der kleine Prinz …
Und er fühlte sich sehr unglücklich. Seine Blume hatte ihm erzählt, daß sie auf der ganzen Welt einzig in ihrer Art sei. Und siehe! Da waren fünftausend davon, alle gleich, in einem einzigen Garten! (S. 62)
Der Vergleich seiner Rose mit dem Rosengarten macht den kleinen Prinzen traurig, weil er glaubte, eine einzigartige Blume zu besitzen. Im Angesicht des Rosengartens stellt er fest, dass er nur eine gewöhnliche Rose besitzt. Und dieser Gedanke macht den kleinen Prinzen sehr traurig.
„Und er warf sich ins Gras und weinte.“ (S. 64)

Kurz darauf lernt er den Fuchs kennen, durch den er wichtige Erkenntnisse in Bezug auf seine einzigartige Beziehung zu seiner Rose erfährt. Letztlich unterscheidet sich seine Rose nämlich sehr von den anderen Rosen. Und zwar, weil er sich um sie gekümmert hat und eine Verbindung zwischen ihnen besteht.

Verbundenheit und das Zähmen/sich vertraut machen

Zähmen, der Begriff hat im Deutschen etwas von einer Gewalteinwirkung, mit der ein Tier gezähmt wird, angepasst wird an menschliche Verhältnisse, es wird von einem Wildtier zu einem Haustier, könnte man sagen. Der Fuchs erklärt dem kleinen Prinzen: „Es bedeutet, sich vertraut machen.“
„Vertraut machen?“
„Gewiß“, sagte der Fuchs. „Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleich. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt…“ (S. 66)

Um jemanden zu zähmen, sich als mit ihm vertraut zu machen, muss man geduldig sein, sich Zeit nehmen, jemanden kennenlernen. Erst wenn man sich mit jemandem vertraut macht, kann man von kennen sprechen. Freunde gewinnt man nur, wenn man sich mit Menschen vertraut macht und sie kennenlernt, auch den Willen hat, sie kennenzulernen. Mit dem Vertraut machen wächst auch die Bedeutung, die jemand anders im Leben unter vielen anderen einnimmt. In meinem Beitrag zu Mein Freund Pax von Sara Pennypacker geht es auch um die Freundschaft von einem Jungen zu einem Fuchs.

Die Einzigartigkeit des Vertrauten

Eine weitere Lektion, die der kleine Prinz durch den Fuchs kennenlernt ist, dass eine Beziehung einzigartig wird, je vertrauter man sich ist oder je vertrauter man sich mit dem anderen gemacht hat.

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.“
„Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe …“, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
„Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen“, sagte der Fuchs. „Aber du darfst sie nie vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich …“
„Ich bin für meine Rose verantwortlich …“, wiederholte der Kleine Prinz, um es sich zu merken. (S. 72)

Der kleine Prinz ist für seine Rose verantwortlich, die ihm genau gesagt hat, was sie braucht und wer sie ist. Nachdem der Fuchs seine Erklärung über das Zähmen beendet hat, sagt der kleine Prinz: „Es gibt eine Blume … ich glaube, sie hat mich gezähmt…“ (S. 66)

Der Gewinn, der aus Beziehungen entsteht

Der Fuchs bittet den kleinen Prinzen, sich mit ihm vertraut zu machen, ihn zu zähmen. Und der Fuchs leitet ihn an und wird durch das Vertraut machen sein Freund. Doch der kleine Prinz vermisst seine Rose und will zurück zu ihr reisen. Das macht den Fuchs sehr traurig.

So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war:
„Ach!“ sagte der Fuchs, „ich werde weinen.“
„Das ist deine Schuld“, sagte der kleine Prinz, „ich wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, daß ich dich zähme…“
„Gewiß“, sagte der Fuchs.
„Aber nun wirst du weinen!“ sagte der kleine Prinz.
„Bestimmt“, sagte der Fuchs.
„So hast du also nichts gewonnen!“
Ich habe“, sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen.“ (S. 68-70)

Man könnte aus diesem Gespräch folgern, dass man aus jeder Beziehung, auch wenn sie endet, etwas mitnehmen kann. Durch Beziehungen und das Eingehen von Verbindungen macht man sich mit Dingen und Menschen vertraut. Man gewinnt immer etwas. Und es liegt wohl an einem selbst, zu verstehen, was die Art des Gewinns für einen selbst bedeuten kann.

Imagination wird Realität

Ein Thema, das vielleicht im Rahmen der offenkundigen und bekannten Zitate aus Der kleine Prinz weniger beachtet wird ist das Verhältnis von Imagination zur Realität. Es geht also auch um die kreative Vorstellungskraft der Fantasie (die übrigens alle Menschen besitzen) und wie wir sie uns zu Nutze machen können.

Wie erwähnt sind die Erzählungen des kleinen Prinzen in eine Rahmenhandlung eingebunden, in welcher der Pilot in der Wüste eine Bruchlandung hat und dort mit ihm zusammentrifft. Nun hat die Wüste so einige Eigenschaften, die für Menschen nicht unbedingt vorteilhaft sind. Wasser beispielsweise, fehlt. Und Menschen sterben, wenn sie kein Wasser trinken können. Das weiß auch der Pilot. Am achten Tag trinkt der Pilot seinen letzten Tropfen Wasser. Sie haben Durst.

„Ich habe auch Durst … suchen wir einen Brunnen …“
Ich machte eine Gebärde der Hoffnungslosigkeit: es ist sinnlos, auf gut Glück in die Endlosigkeit der Wüste einen Brunnen zu suchen. Dennoch machten wir uns auf den Weg. (S. 75)

Den Durst stillen – nach was?

Der Pilot und der kleine Prinz sitzen auf einer Düne und unterhalten sich. Sie haben Durst. Großen Durst. Der Pilot meint, er habe Fieber vor lauter Durst.

Der kleine Prinz sagt in die Stille: „Wasser kann auch gut sein für das Herz …“ (S. 75)

Es mache die Wüste schön, dass sie irgendwo einen Brunnen birgt. Auch diese Passage fällt natürlich unter den Leitspruch „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Und damit verbunden ist natürlich auch die individuelle Beziehung von jemandem zu etwas anderem. Schönheit und eine gewisse Magie und Faszination – das habe nur Dinge, die man sich genauer anschaut, die unter der Oberfläche des Alltäglichen liegen.
Das Eigentlich ist unsichtbar … (S. 76)

Dies stellt der Pilot fest, als er den schlafenden Prinzen betrachtet. Er sieht mit den Augen nur den Körper, das Äußere. Doch sind wir Menschen doch so viel mehr als nur das, was wir im Äußeren eines anderen sehen können. Nur nimmt sich niemand mehr wirklich Zeit, genau hinzusehen! Und das ist immerhin auch eine Botschaft des kleinen Prinzen.

Die Schönheit im scheinbar Ausweglosen sehen

Der Brunnen, den wir erreicht hatten, glich nicht den Brunnen der Sahara. Die Brunnen der Sahara sind einfache, in den Sand gegrabene Löcher. Dieser da glich einem Dorfbrunnen. Aber es war keinerlei Dorf da, und ich glaubte zu träumen. (S. 78)

Der Pilot und der kleine Prinz haben also einen Brunnen gefunden, aus dem sie nur noch Wasser per Eimer und Kurbel schöpfen müssen, dafür steht alles bereit.


„Ich habe Durst nach diesem Wasser“, sagte der kleine Prinz, „gib mir zu trinken …“
Und ich verstand, was er gesucht hatte.
Ich hob den Kübel an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen Augen. Das war süß wie ein Fest. Dieses Wasser war etwas ganz anderes als ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der Rolle, aus der Mühe meiner Arme. Es war gut fürs Herz, wie ein Geschenk. Genau so machten, als och ein Knabe war, die Lichter des Christbaums, die Musik der Weihnachtsmette, die Sanftmut des Lächelns den eigentlichen Glanz der Geschenke aus, die ich erhielt.
„Die Menschen bei dir zu Haus““, sagte der kleine Prinz, „züchten fünftausend Rosen in ein und demselben Garten … und doch finden sie dort nicht, was sie suchen …“
„Sie finden es nicht“, antwortete ich …
„Und dabei kann man das, was sie suchen, in einer einzigen Rose oder ein bißchen Wasser finden …“
„Ganz gewiß“, antwortete ich.
Und der kleine Prinz fügte hinzu:
„Aber die Augen sind blind. Man muß mit dem Herzen suchen.“ (S. 78)

Den Durst stillen – Relationen zur Bibel

Ja, man kommt eben nicht an derartigen Bezugnahmen vorbei, wenn man sich eingehender mit Literatur beschäftigt. In Fachkreisen nennt sich die mehr oder weniger offensichtliche Verbindung zu anderen literarischen Werken und Medien auch Intertextualität.

Die Begegnung zwischen Jesus und der Samariterin am Brunnen ist eine zentrale Szene im Neuen Testament und ist im Johannesevangelium zu finden. Jesus war auf dem Weg von Judäa nach Galiläa und musste durch das Gebiet Samaria reisen. Juden und Samariter waren verfeindet und hatten darüber hinaus noch religiöse Differenzen. Jesus kommt um die Mittagszeit müde und durstig an einen Brunnen nahe der Stadt Sychar, auch bekannt als Jakobsbrunnen. Seine Jünger gehen in die Stadt, während er am Brunnen bleibt, als eine Samariterin kommt.

Jesus bat sie: »Gib mir etwas zu trinken!« Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um etwas zu essen einzukaufen.
Die Frau war überrascht, denn normalerweise wollten die Juden nichts mit den Samaritern zu tun haben. Sie sagte: »Du bist doch ein Jude! Wieso bittest du mich um Wasser? Schließlich bin ich eine samaritische Frau!«
Jesus antwortete ihr: »Wenn du wüsstest, was Gott dir geben will und wer dich hier um Wasser bittet, würdest du mich um das Wasser bitten, das du wirklich zum Leben brauchst. Und ich würde es dir geben.«
»Aber Herr«, meinte da die Frau, »du hast doch gar nichts, womit du Wasser schöpfen kannst, und der Brunnen ist tief! Wo willst du denn das Wasser für mich hernehmen? Kannst du etwa mehr als Jakob, unser Stammvater, der diesen Brunnen gegraben hat? Er selbst, seine Söhne und sein Vieh haben schon daraus getrunken.«
Jesus erwiderte: »Wer dieses Wasser trinkt, wird bald wieder durstig sein. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie wieder Durst bekommen. Dieses Wasser wird in ihm zu einer nie versiegenden Quelle, die ewiges Leben schenkt
»Dann gib mir von diesem Wasser, Herr«, bat die Frau, »damit ich nie mehr durstig bin und nicht immer wieder herkommen und Wasser holen muss!« (Die Bibel, Joh 4:7-16)
Die genannte Bibelpassage steht im Johannesevangelium, unter anderem hier: https://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/johannes/4/ (zuletzt aufgerufen am 26.05.2024).

Wasser für das Herz und Wasser für den Körper

Das Wasser ist an dieser Stelle mit spirituellen und theologischen Aspekten aufgeladen. Allgemein und in der Bibel sowieso symbolisiert Wasser das ewige Leben und die spirituelle Erfüllung, die Jesus bietet. Die Taufe ist ein gutes Bild für diese Symbolik.

Der Brunne ist insofern in der beschrieben Bibelpassage ein Ort der Begegnung (sogar von zwei verschiedenen Kulturen, die sich verfeindet gegenüberstehen), aber auch der Erkenntnis und Wahrheitsfindung. Am Brunnen werden kulturelle Grenzen gesprengt und soziale Grenzen durch das Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin geöffnet. In diesem Sinne stellt der Brunnen und das aus ihm geschöpfte lebendige Wasser die Kraft Transformation dar, die Möglichkeit zur Erkenntnis, zur Wahrheit, zur Veränderung, die jedem Menschen gegeben ist. Und so ist auch der Brunnen in der de Saint-Exupérys Der kleine Prinz ein Ort der Offenbarung und der Erkenntnis. Denn der Pilot und der kleine Prinz haben das lebensspendende und rettende Wasser an einem scheinbar unmöglichen Ort gefunden! Das Unsichtbare, das in der Wüste irgendwo verborgene ist für sie sichtbar geworden. Das wirklich Wichtige ist verborgen unter der Oberfläche, das Wesentliche der Dinge ist nicht sofort sichtbar. Man muss mit dem Herzen sehen lernen!

Tod und Transformation

Nach all diesen wunderbaren Weisheiten ist das Ende oberflächlich betrachtet traurig. Denn der kleine Prinz stirbt durch einen Schlangenbiss und der Pilot kehrt in die Menschenwelt zurück. Er möchte zu seiner Rose auf seinen Heimatplaneten zurückkehren und sein Körper ist zu schwer, um so dort hinzugelangen. Die Schlange, die er einst in der Wüste getroffen hat, soll ihm nun helfen, und ihn von dem zu schweren Körper befreien.

Und er nahm mich bei der Hand. Aber er quälte sich noch:
„Du hast nicht recht getan. Es wird dir Schmerz bereiten. Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein …“
Ich schwieg.
„Du verstehst. Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da nicht mitnehmen. Er ist zu schwer.“
Ich schwieg.
„Aber er wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle. Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen …“ (S. 87-88)

Unterstrichen wird hier natürlich wieder die im gesamten Roman auffindbare Idee, dass das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist. Der Körper ist in diesem Sinne eine physische Erscheinung, die sich verändert oder irgendwann, etwa mit dem Tod, einfach wegfällt. Doch das bedeutet nicht, dass die Seele etwa weiterlebt. Und es bedeutet auch nicht, dass die Erinnerung und die Verbindung, die der Pilot zu dem kleinen Prinzen hatte mit ihm gestorben ist. Denn sie lebt weiter in seiner Erinnerung und sogar im Roman selbst. Denn der Pilot als Erzähler ist eine Erfindung des Autors, vielleicht sogar eine Art Alter Ego, in das dieser seine eigenen Erlebnisse nach dem Absturz in der Wüste verarbeitet hat. Das Wesentlich ist also nicht an den physischen Körper gebunden. Das Wesentliche ist immer abrufbar!

Vergänglichkeit und Ewigkeit

Der physische Tod des kleinen Prinzen verweist auf die Verfänglichkeit des Seins, auf die ja bereits schon der Forscher ihn selbst hingewiesen hatte. Es ist Indiz für den Kreislauf des Lebens und die Unsterblichkeit der Seele. Und er lebt weiter im Herzen, in der Erinnerung des Piloten.

Und hier kommen interessant Verbindungen zustande. Ich werde dazu erst noch einen Dialog zwischen dem kleinen Prinzen und dem Piloten aufführen, damit die Verbindung auch deutlich wird.

„Du wirst in der Nacht die Sterne anschauen. Mein Zuhause ist zu klein, um die zeigen zu können, wo es umgeht. Es ist besser so. Mein Stern wird für dich einer der Sterne sein. Dann wist du alle Sterne gern anschauen … Alle werden sie deine Freunde sein. Und dann werde ich dir ein Geschenk machen …“
Er lachte noch.
„Ach! Kleines Kerlchen, kleines Kerlchen! Ich höre dieses Lachen so gern!“
„Gerade das wird mein Geschenk sein … Es wird sein wie mit dem Wasser …“
„Was willst du sagen?“
„Die Leute haben Sterne, aber es sind nicht die gleichen. Für die einen, die reisen, sind die Sterne Führer. Für andere sind sie nichts als kleine Lichter. Für wieder andere, die Gelehrten, sind sie Probleme. Für meinen Geschäftsmann waren sie Gold. Aber alle diese Sterne schweigen. Du, du wirst Sterne haben, wie sie niemand hat …“
„Was willst du sagen?“
Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können!“
Und er lachte wieder. (S. 85-86)

Individuelle Erinnerungen durch Zeit und Raum

Das Wesentliche ist also nur mit dem Herzen sichtbar, Beziehungen und Verbundenheit, Freundschaft und Liebe, die sind nicht mit den Augen sichtbar ablesbar am Körper eines anderen. Vielleicht durch einen Ehering – der allerdings nicht Liebe symbolisieren muss, sondern vielleicht einfach nur auf eine aus Notwendigkeit heraus geschlossene Ehe verweist. Nein, Gefühle und Emotionen, Erinnerungen an gemeine Erlebnisse und Erfahrungen, die individuellen Verbindungen, zu denen eben auch Liebe zu einer Sache oder Menschen gehören, die sind nicht am Äußeren eines Menschen sichtbar. Auch die Handlungen machen nur einen kleinen Teil sichtbar. Und Worte, die Sprache, die versteht auch jeder anders. „Die Sprache ist die Quelle der Mißverständnisse.“ (S. 67) Das weiß der Fuchs sowieso und er sagt es dem kleinen Prinzen. In der überlieferten Sprache, in tradierten Schriften ist sowieso oftmals eine geschönte Version einer ursprünglichen Person oder eines Ereignisses festgehalten, denn meist wohnt der Überlieferung eine bestimmte Intention inne. Materialistische Beweggründe gab es bereits seit der Antike, das ist doch heute auch nur ein alter Hut in neuem Gewand.

Verwendete Literatur

Saint-Exupéry, Antoine de: Der Kleine Prinz. Mit Illustrationen des Autors. Ins Deutsche übertragen von Grete und Josef Leitgeb. 173.-180. Tausend. 1999 Zürich.

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