Das Haus am See – Literarische Kommunikation durch die Zeit?!

Literatur ist zeitlos. Natürlich, Bücher und auch Filme wie Das Haus am See von 2006 sind gebunden an ihren zeitgenössischen Entstehungskontext, an die jeweiligen Verfasser und Verfasserinnen, die eben nicht ewig leben. Aber trotzdem – ihre Essenz, die bewahren sie zwar über Jahrhunderte, sogar Jahrtausende hinweg. Homers Ilias, Platons Symposium, Die Bibel, Ovids Metamorphosen, Geschichten aus Tausendundeine Nacht – die in diesen Werken enthaltenen Botschaften wurden jahrhundertelang rezipiert, tradiert und übersetzt – Erzählkerne und Essenzen bleiben erhalten. Literatur ist bedeutsam, gehört zu den narrativen Grundpfeilern einer Kultur, denn in ihr versammeln sich die Schöpfungsmythen, die Erzählungen über die Herkunft eines Volkes, hier wird Gemeinschaft geschaffen, Zugehörigkeit gesetzt, wird gesellschaftliches Leben geboren aus dem sinnstiftenden Erzählen. Literatur, Bücher überhaupt Schriften aller Art sind demnach Kommunikationsmittel und Wissensspeicher. Bücher sind zeitlose Kommunikationsmedien, mit denen sich Zeit überbrücken lässt und Menschen verbindend zusammenfinden.

Schreiben als Kommunikation durch die Zeit

Meiner Ansicht nach wird dieses Thema in dem romantischen Science-Fiction-Film Das Haus am See (The Lake House) aus dem Jahr 2006 von Alejandro Agresti dargestellt. Sandra Bullock als Kate Forster und Keanu Reeves als Alex Wyler sowie Christopher Plummer als Simon Wyler sind in den Rollen zu finden. Es handelt sich um eine Adaption des südkoreanischen Films Das Haus am Meer – Il Mare aus dem Jahr 2000. Der Film kann als melancholische und bisweilen schnulzige Liebesgeschichte mit zwei Superstars an einem Filmabend zu zweit geschaut werden. Warum beschäftige ich mich dann damit? Weil er auch als Gedankenexperiment betrachtet werden kann, in dem Literatur im Zusammenhang mit Zeit und Raum sowie Emotionen, Begehren und Erinnerungen wichtig sind. Und es geht darum, inwiefern Bücher über Zeit und Raum hinweg Verbindungen stiften. Es geht aber auch um nicht aufgearbeitete Gefühle. Weil Zeit sowieso relativ ist und gehegter Groll gegen vergangene Ereignisse und Menschen immer als gegenwärtig und aktuell betrachtet werden kann, wenn er aktiv gefühlt wird und sich das Warten auf den Menschen lohnt, mit dem man wirklich zusammenpasst. Und hierfür werde ich mir auch konkret die medialen Relationen, die im Film verwoben sind, ansehen.

Eine kurze Zusammenfassung von Das Haus am See

Das Haus am See handelt von Alex, einem Architekten (Keanu Reeves), der in einem abgelegenen Haus am See wohnt. Im Zuge der schriftlichen Kommunikation, die über den Briefkasten vor dem Haus am See mit der vorherigen Bewohnerin und Ärztin Kate (Sandra Bullock) stattfindet, stellen sie fest, dass sie zwei Jahre in der Zeit voneinander getrennt sind, denn Alex befindet sich im Jahr 2004, Kate dagegen im Jahr 2006. Trotz dieser Zeitdifferenz entwickelt sich eine romantische Verbindung zwischen ihnen. Die Handlung nimmt eine überraschende Wendung, als die Hintergründe des zeitlichen Rätsels enthüllt werden, und die Liebe zwischen Alex und Kate wird auf die Probe gestellt. Der Film kombiniert Elemente von Romantik, Drama und leichter Science-Fiction. Außerdem geht es um die Geschichte von Alex, der einen Groll gegen seinen Vater hegt, einen berühmten, doch auch exzentrischen und karriereorientierten Architekten.

Die Figuren in Das Haus am See

Der Figurenkader ist eng gehalten in das Das Haus am See, was aber nur der zugrundeliegenden engmaschigen Thematik dient und unnötiges Rauschen ausblendet.

Alex Wyler

Alex Wyler ist Architekt und Schirmherr beim Bau einer Wohnsiedlung bzw. laut seines Vaters „ein heruntergekommener Bauunternehmer von kleinen Wohnanlagen“[1], wobei dieses Statement auch den unterschwelligen Vater-Sohn-Konflikt offenbart, auch wenn der Vater es als Scherz bezeichnet. Das Haus am See ist Werk von Simon Wyler. Als Alex acht Jahre alt war, hat er es fertiggestellt. Doch Alex hat keine gute Beziehung zu seinem Vater, er fühlt sich lieblos behandelt, denkt, der Vater verachte ihn, habe seine Karriere der Familie vorgezogen. Er hat sehr viele Ressentiments. Seine Bekanntschaft Mona erhofft sich mehr, doch Alex scheint ihre Zuneigung gar nicht wahrzunehmen. Mit seinem Bruder zieht er nach dem Tod des Vaters gemeinsam ein Architekturbüro auf, ein lang geplantes Projekt.

Kate Forster

Kate ist Ärztin und liebt ihren Beruf bzw. sie hat ihn auf Wunsch ihres Vaters erlernt. Zu Beginn des Films zieht sie aus dem Haus am See nach Chicago und beginnt dort in einem Krankenhaus als Ärztin zu arbeiten. Sie hinterlässt dem Nachmieter einen Brief – dieser Nachmieter ist Alex. Der Briefkasten fungiert als Kommunikationsinstanz durch die Zeit aus dem Jahr 2006 ins Jahr 2004. Die Beziehung mit ihrem Freund Morgan ist nicht das Wahre, auch wenn sie zeitweilig wieder zueinanderfinden. Es scheint, als sei er sehr kommunikativ, gern unter Menschen, jemand, der gerne bestimmt und die Bedürfnisse anderer gar nicht wahrnimmt. Kate dagegen ist gerne allein, sie geht in ihrer Arbeit auf und sucht als Ausgleich Ruhe, die sie auch im Haus am See findet.

Simon Wyler

Der Vater von Alex ist ehrgeizig, perfektionistisch, ein Künstler, der auch in seiner eigenen Welt lebt und gegenüber seinen Söhnen nicht mit harschen Worten zurückhält. Selbst, als er nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt arbeitet er an Zeichnungen. Wahre Leidenschaft, könnte man auch sagen. Er ist erfolgsverwöhnt, berühmt, vielleicht gerade aufgrund seines Erfolges eitel geworden. Alex sieht in seinem Verhalten die Schuld für das Auseinandergehen der Ehe und verbindet auch die Traurigkeit der verstorbenen Mutter mit dem väterlichen Verhalten. Man erfährt, dass Simon das Haus am See mit seinen eigenen Händen gebaut hat.

Henry Wyler

Henry ist der Bruder von Alex und ebenfalls Architekt geworden. Er erinnert Alex an ihr gemeinsames Projekt. Nach dem Tod des Vaters ziehen das Unternehmen dann gemeinsam auf.

Alex: Es ist lange her, das war noch, bevor er berühmt wurde. Als er noch eine Familie hatte und meine Mutter anbetete. Sie hieß Mary und das Haus war ein Geschenk an sie. Sie war klug und geistreich. Ihr standen alle Türen offen, aber sie entschied sich dafür, meinen Bruder und mich großzuziehen und ihm bei seiner Karriere zu helfen. Je erfolgreicher er wurde, desto unmöglicher wurde es mit ihm zusammenzuleben. Schließlich konnte sie es nicht mehr ertragen. Sie hat ihn verlassen. Es war noch kein Jahr vergangen, da wurde sie krank. Leider konnte sie nie aufhören, ihn zu lieben. Er kam nicht zur Beerdigung. Als ich ihn fragte warum…
Kate: Weiter Alex, was hat er dann gesagt?
Alex: Er sagte, für mich ist sie in dem Moment gestorben, als sie das Haus verließ.[2]

Das Haus am See

Ja, natürlich ist ein Haus kein Mensch, kein Tier oder Roboter, aber ich führe genau dieses Haus hier als Figur auf, weil es mitunter die Verbindung zwischen Kate und Alex ist (neben ihrer schriftlichen Kommunikation) und weil es auch die Verbindung zwischen Alex und seinem Vater darstellt. Zumindest stellt es eine wichtige symbolische Verbindung dar und gehört im Rahmen subjektiver Erinnerungen eben auch zu den jeweiligen Figuren, wo es einen individuellen Standpunkt einnimmt.

Henry: Le Corbusier trifft Frank Lloyd Wright.
Alex: Weißt du, dass Dad mit beiden Karten gespielt und gekifft hat?
Henry: Wirklich.
[Stehen auf dem Dach vom Haus am See]
Alex: Man kann nicht schwimmen. Es müsste ‘ne Treppe runterführen und ‚ne Veranda und ‚ne Terrasse da sein. Hier fühlst du dich wie in ‘nem Kasten. Du sitzt in diesem Glaskasten und siehst alles um dich herum, aber du kannst nichts berühren. Zwischen dir und dem, was du siehst, besteht keine Verbindung.
Henry: Ich weiß nicht, immerhin hat er mittenrein diesen ‚Ahornbaum geplant.
Alex: Beherrschung. [Fährt per Knopfdruck das Glasdach auseinander so dass die Baumkrone sichtbar wird] Es geht um Beherrschung und Kontrolle.
[Henry und Alex lachen]
Alex: Ja, bei diesem Haus geht es um Besitz, nicht um Beziehung. Ich mein, es ist wunderschön. Sogar verführerisch. Aber es ist unvollständig. Es sagt alles über ihn. Dad hat n Haus gebaut, kein Zuhause.

Wir müssen hier beachten, dass diese Beschreibung des Hauses subjektiv ist, sie geht von Alex aus. Und der hegt einen Groll gegen seinen Vater, weil er denkt, dass dieser ihn verachtet oder nicht liebt. Er hat seine individuelle Meinung und wendet diese auf das Haus an. Das Haus ist für ihn ein Quell der Erinnerung, aber obwohl er darin wohnt scheint er keine gute Meinung von der Konstruktion zu haben. Es wird sich zeigen, dass (wie immer) nicht alles so ist, wie es scheint.

Fun Fact zum Baum im Haus am See: Tatsächlich ist die Sache mit dem Baum im Haus nicht neu.

Kleiner Exkurs: das Motiv des Baums im Haus in Das Haus am See

Bekannt ist mir das Motiv beispielsweise aus Wagners Der Ring des Nibelungen. Dort steht eine Esche im Wohnraum von Hundings Haus. In dieser Esche steckt das Schwert Notung, das von Wotan hineingestoßen wurde. Die Esche ist in der nordischen Mythologie als Weltenbaum Yggdrasil bekannt, die den ganzen Kosmos verkörpert. Zudem besitzt die Esche eine symbolische Bedeutung, sie ist der Baum der Erkenntnis, auch Symbol der Unsterblichkeit. Hinsichtlich ihres Bezugs zur Erkenntnis ist die Relation zu Wotan bzw. Odin folgerichtig, der auch für Weisheit steht. Raben sind an seiner Seite, Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung) und er opferte eines seiner Augen, um Weisheit und Wissen zu erlangen. Siegmund gelangt in das Haus und kann das Schwert aus dem Baum ziehen (ähnlich wie Arthur das Schwert aus dem Stein), was einen Wendepunkt in der Handlung markiert. Es hat natürlich auch etwas Schicksalhaftes, wenn der oberste Gott sein Schwert in den Eschenbaum, der in einem Haus steht, versenkt.

In der Mitte steht der Stamm einer mächtigen Esche, dessen stark erhabene Wurzeln sich weithin in den Erdboden verlieren; von seinem Wipfel ist der Baum durch ein gezimmertes Dach geschieden, welches so durchschnitten ist, daß der Stamm und die nach allen Seiten hin sich ausstreckenden Äste durch genau entsprechende Öffnungen hindurch gehen; von dem belaubten Wipfel wird angenommen, daß er sich über dieses Dach ausbreite. Um den Eschenstamm, als Mittelpunkt, ist nun ein Saal gezimmert; die Wände sind aus roh behauenem Holzwerk, hie und da mit geflochtenen und gewebten Decken behangen.[3]

Und noch ein Baum im Haus ist mir bekannt, ich erwähnte ihn auch in einem zurückliegenden Beitrag über Odysseus.

Odysseus und Penelope: Der Baum im Haus als autobiographischer Marker

Penelope erkennt den als Bettler verkleideten Odysseus nicht. Erst als er ihr erzählt, wie er einen Ölbaum im Ehebett verbaut hat, gelingt dies über die gemeinsamen Erinnerungen und das zugehörige Wissen um die Entstehung des Bettes.

[…] Ein wunderbares Geheimnis
War an dem künstlichen Bett; und ich selber baut‘ es, kein andrer!
Innerhalb des Gehegs war ein weitumschattender Ölbaum,
Stark und blühendes Wuchses; der Stamm glich Säulen an Dicke.
Rings um diesen erbaut‘ ich von dichtgeordneten Steinen
Unser Ehegemach, und wölbte die obere Decke,
Und verschloß die Pforte mit festeinfugenden Flügeln.
Hierauf kappt‘ ich die Äste des weitumschattenden Ölbaums,
Und behaute den Stamm an der Wurzel, glättet‘ ihn ringsum
Künstlich und schön mit dem Erz, und nach dem Maße der Richtschnur;
Schnitzt‘ ihn zum Fuße des Bettes, und bohrt‘ ihn rings mit dem Bohrer,
Fügete Bohlen daran, und baute das zierliche Bette,
Welches mit Gold und Silber und Elfenbeine geschmückt war;
Und durchzog es mit Riemen von purpurfarbener Stierhaut.
Dies Wahrzeichen sag‘ ich dir also. Aber ich weiß nicht,
Frau, ob es noch so ist, wie vormals; oder ob jemand
Schon den Fuß von der Wurzel gehaun, und das Bette versetzt hat.
Also sprach er. Der Fürstin erzitterten Herz und Kniee,
Als sie die Zeichen erkannte, die ihr Odysseus verkündet:
Weinend lief sie hinzu, und fiel mit offenen Armen
Ihrem Gemahl um den Hals, und küßte sein Antlitz, und sagte:
Sei mir nicht bös, Odysseus! Du warst ja immer ein guter
Und verständigen Mann![4]

Natürlich ist der Baum aufgrund der ehelichen Verbindung auch mit Herrschaft verbunden. Penelope wartet immerhin 20 Jahre auf Odysseus‘ Rückkehr und wehrt alle Freier ab.

Jackie/Jack – der Hund

Wie auch das Haus, ist die Hündin Jackie in beiden getrennten Handlungssträngen präsent, stellt somit ein verbindendes Element dar. Und irgendwie ist ein Hund auch ein Sympathieträger. So läuft Jackie Alex eines Tages davon, eben geradewegs zu dem Haus, das die jüngere Kate und ihr Freund Morgan bewohnen. Tiere wissen eben doch mehr als Menschen. Das habe ich bereits in Mein Freund Pax festgestellt.

Neben den Figuren spielen aber auch mediale Zeugnisse eine große Rolle und zwar insbesondere Jane Austens Überredung, Dostojewskis Schuld und Sühne und der Hitchcock-Film Berüchtigt hat auch einen zweifachen Auftritt, zudem auch die von Simon Wyler verfassten Memorien.

Bücher als verbindende Elemente – Bücher als Figuren?

Weil es keine handlungstragende Rolle spielt, will ich kurz erwähnen, wie der Film mit Dostojewskis Werk umgeht. Kate trifft sich mit ihrer Mutter zur Mittagspause, dabei kommt es zum Gespräch.

Kate: Was ist das?
Mutter: Ach nichts, nur eins der Bücher deines Vaters.
Kate: Dostojewski?
Mutter: Hm. Genau. Da geht’s um so einen Typen, der ’ner armen Frau mit ’ner Axt den Kopf abschlägt und rumläuft und es bereut. Weiter habe ich noch nicht gelesen. […]
Mutter: Als dein Vater starb, das war schon hart. Und ist es noch. Wenn ich seine Bücher in der Hand halte, habe ich irgendwie das Gefühl, dass er bei mir ist. Es tröstet, zu wissen, dass er mal dieselbe Seite aufgeschlagen und dieselben Worte gelesen hat.[5]

Schuld und Sühne – Worum geht es?

Tatsächlich hat Kates Mutter das Buch kurz und knapp zusammengefasst, denn darum geht es – neben den damit zusammenhängenden sehr komplexen ethischen, moralischen, gesellschaftlichen und sozialen, psychologischen und ökonomischen Fragen. Ist ein Mord für die gute Sache gerechtfertigt, wenn er anderen Menschen nützt? Kann man die eigenen Gewissensbisse durch rationale Argumentationen ausblenden? Und gibt es das perfekte Verbrechen? Rodion Raskolnikow jedenfalls plant den Mord an einer Pfandleiherin, die er für böse hält und ermordet sie mit einer Axt.

Und weil andere Leute sehr viel besser Bescheid wissen, hier ein Auszug aus einem Beitrag von Birgit Harreß:

„Rodion Romanowitsch Raskolnikow, ehemaliger Student der Rechte, plant ein Verbrechen aus Prinzip. Er möchte einen Menschen ermorden, der seiner Ansicht nach kein Recht auf Leben hat [Einschub von mir: Und damit wären wir irgendwie auch bei der NS-Euthanasie-Thematik] und er möchte dieses Verbrechen aushalten. Bereits in der Planungsphase muss er aber feststellen, dass es ihm an Überlegtheit und Kraft fehlt. Fast besinnungslos führt er die Tat aus und spaltet seinem anvisierten Opfer mit einem Beil den Schädel. Doch obwohl Raskolnikow Fehler über Fehler begeht, gelingt ihm das perfekte Verbrechen. Seinem Gegenspieler, dem Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch, sind, wenngleich dieser in ihm den Täter vermutet, die Hände gebunden. Raskolnikow könnte sich dreist der Strafe entziehen – und doch gesteht er. Nach einem inneren Kampf, der zehn Tage dauert, wankt er, fast ebenso besinnungslos wie zu Anfang, auf das Polizeirevier und legt ein Geständnis ab. In einem Epilog wird schließlich der Verlauf der Gerichtsverhandlung geschildert und gezeigt, wie es dem Verurteilten in der Katorga, einem Zuchthaus in Sibirien, ergeht. Hier wird in Aussicht gestellt, was Dostojewski als einzige Möglichkeit für ein erfülltes Leben sieht: die christliche »Erneuerung«. Raskolnikow durchläuft damit den paradoxen Prozess, dass er, der sich in der Freiheit für die Unfreiheit entschied, nun in der Unfreiheit zur Freiheit gelangt.“[6]

Bücher als Verbindung zu Menschen – Liebe

Ich hatte es bereits in meinem Beitrag zu Frank Witzels Die fernen Orte des Versagens erwähnt, dort habe ich Intertextualität als eine Form der Liebe bezeichnet. In meinem Beitrag zu Lolita von Vladimir Nabokov habe ich sogar Bücher personifiziert, Bücher als Lebewesen betrachtet. In Deniz Utlus Vaters Meer spielen Bücher auch im Rahmen der Vater-Sohn-Beziehung eine wichtige Rolle. Und hier, in dem Film, da ist es ebenfalls das Buch, dass Kates Mutter an den verstorbenen Vater erinnert – sie liest es nur, weil er es gelesen und in der Hand gehalten hat. An das Buch, hier die physische Form, sind Erinnerungen an die geliebte Person geknüpft. Oben Erde, unten Himmel ist der Roman von Milena Michiko Flašar, in dem es ebenfalls um die Bewahrung von Dingen und Wertschätzung von Habseligkeiten Verstorbener geht, die in ihren letzten Stunden, Wochen, Monaten und sogar Jahren ganz allein gelebt haben. Dass insbesondere Objekten eine besondere Verbindung und Energie anhaften kann, die auch nach dem Tod des zugehörigen Menschen bestehen bleibt, ist Thema bei der Jugendbuchserie Lockwood & Co. von Jonathan Stroud (vielleicht mache ich da in Zukunft einen Beitrag, da sind durchaus interessante Aspekte untersuchbar). Langer Rede kurzer Sinn – Bücher sind zeitlose Verbindungen zu geliebten Menschen, Bücher sind eine Form von Liebe, das stetige Rezipieren, Transformieren, Weiterentwickeln von Texten ist eine Form der Liebe, der Liebe zum Lesen, zur Unterhaltung, zum Geschriebenen, zum Wort. Jedenfalls wird diese These noch wichtig werden. Und auch Kate liest Jack Dostojewski neben anderen Klassikern vor – scheinbar ist das Lesen von Klassikern das verbindende Element zu dem verstorbenen Vater.

Das verlorene Buch – die verlorene Verbindung?

Kate: Mein liebster Mister Wyler, bist du bereit, ein Spiel mit mir zu spielen? Heute vor zwei Jahren hab ich vom Riverside-Bahnhof aus den 13:45 Zug nach Madison genommen und dort etwas vergessen. Es war ein Geschenk meines Vaters. Falls du es findest, würdest du es bitte in den Briefkasten legen? Es würde mir viel bedeuten? Deine Kate.[7]

Alex fährt zu der besagten Uhrzeit an den Bahnhof und er sieht Kate mit Morgan, die beiden verabschieden sich gerade und sie lässt ein Buch auf der Bank liegen. Es ist Überredung von Jane Austen. Alex nimmt es, läuft noch dem Zug hinterher, Kate sieht in zwar, doch sie kennt ihn natürlich nicht. Alex jedenfalls antwortet ihr, dass er das Buch nicht wie gewünscht in den Briefkasten steckt, sondern ihr eines Tages geben wird. Tatsächlich findet Kate das Buch auch wieder, und zwar in ihrer Wohnung in Chicago, als sie zufällig auf eine knarzige Bodendiele tritt und es darunter versteckt findet. Alex konnte diese Begebenheit arrangieren, weil er zum einen als Architekt und Bauherr in den entsprechenden Kreisen Beziehungen hat. Er wusste außerdem, wo Kate wohnt, sie hatte ihm aufgrund des missverständlichen Briefwechsels ihre Adresse geben, wobei er im Jahr 2004 am angegebenen Ort nur eine Baustelle vorfindet. Doch eben dieser Umstand ermöglicht ihm den ’Einbau‘ des Buches in Kates Wohnung.

Kleine Zusammenfassung von Jane Austens Überredung

Überredung (Persuasion im Original) ist ein Roman von Jane Austen, der 1818 posthum veröffentlicht wurde. Anne Elliot ist die Protagonistin, eine kluge, junge Frau aus angesehener Familie, die unter familiären und gesellschaftlichen Druck steht. Denn Anne ist 27 und unverheiratet. Die Handlung des Romans beginnt acht Jahre nachdem Anne eine Liebesbeziehung zu Frederick Wentworth aufgegeben hat, einem Offizier der Royal Navy, den sie geliebt hat und immer noch liebt. Auf Drängen ihres Vaters und ihrer Familie hatte sie seinen Heiratsantrag abgelehnt, da er zu diesem Zeitpunkt über wenig Vermögen und Ansehen verfügte. Doch nach seinen Reisen auf See hat Frederick Wentworth es zu etwas gebracht, sein Vermögen vervielfacht und sich als Kapitän einen Namen gemacht. Er kommt also zurück und eine Begegnung ist unausweichlich. Anne hat ihn nie vergessen, ihre Gefühle für ihn sind nie verloschen. Überredung thematisiert die Bedeutung von Selbstachtung, wahrer Liebe und die Fähigkeit zur individuellen Entwicklung innerhalb gesellschaftlich normierter Rollenvorstellungen bzw. wird gezeigt, was passiert, wenn Folge geleistet wird entgegen der eigenen Wünsche. Austens Werke sind für subtilen Humor, scharfsinnige Figurenzeichnungen und eine sorgfältige Beobachtung der gesellschaftlichen Konventionen bekannt. Überredung ist eine zeitlose Geschichte von Liebe, Reue und zweiten Chancen, die auch heute noch Leserinnen und Leser fesselt. Es ist ohne Zweifel ein Klassiker der Weltliteratur und so interessant, weil die Protagonistin zu Handlungsbeginn eine völlig andere Position innehat als die anderen Austen-Figuren.

Kommunikation über Bücher initiieren

Warum ist das Austens Überredung jetzt wichtig? Im Jahr 2004 hat Morgan eine Geburtstagsfeier für Kate organisiert, auf der Alex ebenfalls anwesend ist. Er versucht Kate allein zu erwischen, kann jedoch das Eis nicht brechen, Kommunikationsversuche scheitern. Doch er weiß schließlich etwas über Kate und versucht es mit einer Unterhaltung über Jane Austens Überredung.

Alex: Kate, haben Sie Überredung gelesen?
Kate: Was?
Alex: Von Janes Austen.
Kate: Ich weiß von wem das ist. Ja, es ist mein Lieblingsbuch. Aber wie kommen Sie jetzt ausgerechnet auf dieses Buch? Wie kommen Sie jetzt darauf?
Alex: Eine Freundin von mir hat es mir kürzlich geschenkt und ich wollte nur wissen, worum es in dem Buch geht.
Kate: Es ist sehr sehr schön.
Alex: Ja?
Kate: Ja. Es handelt vom Warten. Von zwei Menschen, die sich begegnen und dabei fast verlieben, aber es ist die falsche Zeit, sie müssen sich trennen und dann nach einigen Jahren begegnen sie sich erneut, es ist ihre zweite Chance. Sie zögern, weil sie nicht wissen, ob zu viel Zeit vergangen ist und sie nicht zu lang gewartet haben und ob es für sie nicht schon zu spät ist.[8]

Ich werde Kate hier korrigieren: Ja, irgendwie geht um das Warten. Aber Anne und Frederick hatten sich verliebt, sie wollten heiraten. Die Auflösung der Verbindung geschah durch Anne, die sich von ihrer Familie dazu überreden ließ, und diese Entscheidung zu Beginn des Romans bitter bereut. Der Familie erschien der damals mittellose Wentworth als nicht angemessen. Anne nimmt einen Heiratsantrag von einem anderen Mann ebenfalls nicht an und erträgt ihr Schicksal, glaubt sich allein bis an ihr Lebensende.

Bücher als Verbindung zwischen Menschen

Ich zitiere dazu aus dem Nachwort aus meinem Exemplar indirekt A. W. Letz: „Man könnte aus Persuasion eine Liste von Begriffen zusammenstellen, die den Roman wie ein Lehrbuch der modernen Soziologie klingen lassen: Sich-Auseinanderleben, Gefangensein, Entfremdung, Entfernung.“[9] Darüber hinaus geht es aber auch um Verbindung, Zusammenfinden und Glück. Und irgendwie geht es auch um das Warten. Alex und Kate haben keine derartige Beziehung gehabt, sie kennen sich über die schriftliche Kommunikation. Es gab keinen Antrag, es gab keine familiären Einwirkungen auf die Liebesverbindung und die gesellschaftliche Situation ist auch eine andere. Ich hege eine Abneigung gegen falsch kontextualisierte Zitate oder Werke. Allerdings ist auch die Wahrnehmung eine subjektive Angelegenheit, weswegen ich annehme, dass es durchaus Rezipienten gibt, die dem Werk die Thematik des Wartens zuschreiben. Ich komme gleich dazu, warum ich denke, dass eben dieses Buch für den Film herhalten musste. Wenn auch der Inhalt nicht übereinstimmt oder sehr frei interpretiert wurde, so bleibt dennoch ein wichtiger Fakt offensichtlich: Das Buch ist die Verbindung!

Kommunikation über Bücher durch Bücher

Alex weiß um die Liebe Kates zu Klassikern und vor allem zu Jane Austens Überredung, das ihr der verstorbene Vater geschenkt hat – das Buch, das er am Bahnhof abgeholt hat. Aber zumindest in einem Punkt passt der Inhalt von Austens Roman mit der Aussagen Kates überein – es ist die falsche Zeit für die Liebe, es musste erst einige Zeit ins Land gehen, damit sie zur richtigen Zeit zusammen sein können. Die Zeitthematik korreliert natürlich mit der Verbindung von Kate und Alex im Film. Ich denke, es ist diese Relation, die gemeint ist und ich denke auch, dass genau darum auch gerade Austens Buch aufgenommen wurde. Jedenfalls beziehen sich Alex und Kate im Verlauf der Handlung auf Überredung im Zusammenhang mit dem Warten hinsichtlich ihrer Situation, sie müssen aufeinander warten, sich zu treffen und sich auch beide erkennen zu können. Dazu die aus dem Roman zitierte Stelle, die Alex im Buch für Kate markiert hat.

„Ihre Unterhaltung, ihr Umgang miteinander gingen über die nötigsten Höflichkeiten nicht hinaus. Einander früher so viel bedeutet! Und jetzt nichts! Es hatte eine Zeit gegeben, wo es ihnen von all den jetzt das Wohnzimmer in Uppercross füllenden Leuten am schwersten gefallen wäre, nicht mehr miteinander zu sprechen. Mit Ausnahme vielleicht von Admiral und Mrs. Croft, die anscheinend ein besonders enges und glückliches Verhältnis hatten (Anne konnte selbst unter den verheirateten Paaren keine weitere Ausnahme machen), hätte man keine so unbefangenen Herzen, keine so ähnlichen Geschmäcke, keine so einträchtigen Empfindungen, keine sich so zugetanen Gesichter gefunden. Jetzt waren sie wie Fremde, ja, schlimmer als Fremde, denn sie konnten nie wieder miteinander vertraut werden. Es war eine Entfremdung für immer.“[10]

Die Worte des Romans verbinden über Sprache die Figuren. Und wer weiß, vielleicht hat sich der eine oder andere auch aufgrund dieses Films zur Lektüre der genannten Klassiker verleiten lassen. Ich zumindest liebe Literatur und ich liebe es auch, darüber zu reden und zu diskutieren.

Das Buch des Vaters in Das Haus am See

Wie gesagt steht es mit der Beziehung von Alex und seinem Vater nicht zum Besten, mitunter auch aufgrund der Vorurteile, die er hat. Vielleicht arbeitet er eben darum auf einer Baustelle für Wohnanlagen, anstatt seinem Talent als Architekt nachzugehen, wie er es erst nach dem Tod seines Vaters macht? Das wird aber nicht thematisiert und ist nur eine Spekulation von mir. Jedenfalls gab es eine längere Funkstille zwischen Alex und seinem Vater.

Alex: Woran arbeitest du gerade?
Simon: Ach, ich … bin dabei, mich an Dinge zu erinnern. Es ist alles andere als einfach, glaub mir. In meinem Fall bin ich selbst nicht ganz unschuldig daran. Dein Vater schreibt nämlich seine Memoiren.
Alex: [schnauft verächtlich] Kommen wir vor?
Simon: Möchtest du drin vorkommen?
Alex: Möchtest du das?
Simon: Natürlich! Ihr habt schließlich zum Leben eures Vaters dazugehört!
Alex: Wieso redest du von dir in der dritten Person?
Simon: Weil ich … weißt du, weil ich vermutlich ich über mich selbst schreibe, wieso stört dich das?
Alex: Ich dachte mir, das würde dir vielleicht gefallen. [Legt eine Mappe vor seinem Vater auf den Tisch]
Simon: Was ist das? Neue Entwürfe von dir?
Alex: Nein, nein. Das sind deine. Von dem Haus, das ich gerade gekauft hab. Am See.
[…]
Simon: Jetzt komm Erzähl mir, wo hast du solange gesteckt ich wills wirklich wissen.
Alex: Ich habe versucht, dich zu vergessen. Oder dir zu verzeihen.
Simon: Und ist es dir geglückt?
Alex schüttelt leicht den Kopf
Alex: Nein.[11]

Die Abneigung ist offen, sie ist eigentlich die gesamte Zeit über zu spüren, vor allem, wenn Alex über seinen Vater spricht. Dabei ist die Architektur, die Leidenschaft des Vaters doch auch die Leidenschaft von Alex. Und sie verbindet die beiden wie auch die Bücher Verbindungen darstellen. Häuser sind also verbindende Elemente, nicht nur für Menschen, die unter einem Dach wohnen, sondern auch für Erinnerungen. Alex nimmt Kate auf eine Tour durch Chicago mit und zeigt ihr die schönsten Bauwerke der Stadt, eben die, die sein Vater ihm einst auf dieser Art von Spaziergängen zeigte. Die Liebe zur Architektur verbindet beide. Und doch ist da dieser Groll.

Die Relevanz des Lichts für Bauwerke, die die Zeit überdauern

Als Alex seinen Vater im Krankenhaus besucht, sieht dieser sich gerade einige Entwürfe für neue Bauprojekte an und zeigt sie Alex.
Alex: Von wem ist das?
Simon: Jemand Neues.
Alex: Die Verbindungsgänge, wo das Licht reinfällt sind schön. Welche Materialien verwendet er?
Simon: Granit. Aluminium.
Alex: Die weißen Paneele sind typisch Meier. Aber das die Farbe aus dem Innenbereich durch die Frontfenster kommt, das ist ungewöhnlich. Das ist nicht neu aber es hat was Reines, Klares. Schöne Sache.
Simon: Wann warst du das letzte Mal in Barcelona?
Alex: Ist lange her. Mit dir, Mom und Henry.
Simon: Kannst du dich noch an die Casa de la Caritat erinnern?
Alex: Das Armenhaus.
Simon: Ganz recht. Du hast Meier erwähnt. Sein Barcelona-Museum steht in derselben Gegend wie die Casa de la Caritat. Es hat also dasselbe Licht. Meier hat dafür eine ganze Reihe von Oberlichtern mit Lamellen entworfen, sie fangen das Licht geschickt ein und ermöglich es, dass die sich im Inneren befindlichen Kunstwerke indirekt beleuchtet werden. Das war wichtig. Denn das Licht, das für die Kunst von Vorteil ist, kann auch von Nachteil sein. Aber das weißt du ja alles selbst du Teufelskerl. Und das hier [hustet] was meinst du wo das gebaut werden soll?
Alex: Ich hab‘ keine Ahnung.
Simon: Oh aber es hat dir doch gefallen.
Alex: Vom Konzept her, ja.
Simon: Ach, komm schon. Du weißt doch genauso gut wie ich, dass das Licht in Barcelona völlig anderes ist als das Licht etwa in Tokyo. Und dass das Licht in Tokyo völlig anders ist das in Prag. Ein wahrhaft großartiges Bauwerk, das den Anspruch erhebt die Zeit zu überdauern wird immer, immer seine direkte Umgebung mit einbeziehen. Ein ernsthafter Architekt berücksichtigt das. Er weiß, dass er Präsenz nur im Einklang mit der Natur erreicht. Er muss besessen sein vom Licht. Es geht immer um’s Licht. Nur um’s Licht.[12]

[Hier geht es zu einer Webseite mit Bildern der Casa de la Caritat]

Übrigens wusste auch der Autor Paul Scheerbart die Wirkkraft des Lichts in Kombination mit Buntglas zu schätzen.

Simon stirbt kurze Zeit darauf. Wichtig ist hier an dieser Stelle, dass man den Dialog, den Alex über die Licht durchlässige Konstruktion des Hauses am See mit seinem Bruder Henry geführt hat, und zwar, dass es dabei um Beherrschung und Kontrolle ginge, aufgrund der Aussage des Vaters anders bewerten kann. Es geht nicht um Inbesitznahme, sondern um das Licht und die passgenaue Verschmelzung des Bauwerks mit seiner natürlichen Umgebung, die Perfektion schaffen soll.

Liebe und Erinnerungen in Büchern darstellen

Kate kannte aus der Krankenakte bereits das Sterbedatum und schickt Alex das im Jahr 2004 noch nicht veröffentlichte Buch, an dem sein Vater gearbeitet hat.

Ich hoffe, es hilft dir zu erkennen, wie sehr du geliebt wurdest.[13]

Als er es durchblättert, stößt er auf ein Foto, dass ihn gemeinsam mit seinem Vater vor dem Haus am See zeigt, der Vater hat den Arm auf seine Schulter gelegt, Alex lehnt am Briefkasten. Darunter steht: Simon Wyler mit seinem Sohn Alex an ihrem Haus am See-Projekt. Danach beginnt er gemeinsam mit seinem Bruder an ihrem Projekt zu arbeiten, er tritt quasi in die Fußstapfen des Vaters, des großen und berühmten Architekten und setzt eigene Projekte um. Es scheint, als hätte er sich auf irgendeine Art versöhnt mit der Leidenschaft seines Vaters, der Architektur, an der er ihn und seinen Bruder, auch die Mutter teilhaben ließ, denn sie gehörten zu ihrem Leben dazu. Und auch das Haus am See war ein gemeinsames Projekt, in das sein Vater ihn einbezogen hat. Vermutlich kann Alex nun auch seine Ansichten über die Konstruktion des Hauses am See nach dem Sichten des Bildes und den letzten Ausführungen seines Vaters zum Thema Licht anders betrachten. Dann geht es nicht mehr nur um Beherrschung und Kontrolle, sondern um Leben und die Präsenz des Lichts im Einklang mit der Umgebung. Und es geht natürlich um Verbindung zwischen ihm und seinem Vater. Darum gibt es das Haus.

Beschluss zu Das Haus am See

Ja, sicher, der Film wird als Liebesgeschichte mit Science-Fiction-Elementen deklariert. Und er ist schon echt alt. Doch schaut man genauer hin, dann werden eben die literarischen Relationen sichtbar, auch – und ich betone das sehr deutlich – auch, wenn diese leider nicht inhaltlich korrekt im Film eingewebt sind, missinterpretiert wurden oder in einem Satz abgehakt. Aber – und das muss man auch anerkennen – Literatur ist subjektiv und jeder Rezipient hat beim Lesen eine andere Wahrnehmung, andere Bilder, andere Vorstellungen im Kopf. Natürlich speisen sich literarische Werke und Filme bezüglich der integrierten Wissenselemente auch aus dem kulturellen und kommunikativen Gedächtnis. Doch die spezifische individuelle Wahrnehmung bei der Lektüre ist subjektiv, weil sie eben mit den autobiografischen Erfahrungen der jeweiligen Person einhergeht. Und die sind nun einmal verschieden.

Aus dem Grund ist es möglich, dass die Figuren in Jane Austens Roman vor allem mit dem Warten in Beziehung gesetzt werden, dies also wahrscheinlich auch vom Drehbuchautor so wahrgenommen wurde. Wohingegen ich eine ganz andere Wahrnehmung in Bezug auf die Thematik des Wartens im Zusammenhang mit den Geschehnissen im Roman habe. Natürlich könnte ich auch sagen, dass da einfach jemand nicht genau genug gelesen hat oder keinen Sinn für tiefgründige Thematiken in literarischen Werken besessen hat beim Verfassen des Scripts. Nun, freundlicher ist aber ersteres. Jedenfalls, und das ist meiner Meinung nach das unterschwellige Kernthema dieses Films, sind Bücher Verbindungen, die von Menschen zu Menschen führen und Emotionen und Erinnerungen tragen. Bücher können also etwas über Menschen, die sie lesen, aussagen. Und das wird noch spannend zu diskutieren sein, wenn ich mich mit Literatur in Ted Lasso beschäftige (kleiner Serientipp am Rande). Es bleibt abschließend also nur zu sagen, dass ein Buchgeschenk gut durchdacht sein sollte. Und wenn es das ist, dann transportiert es positive Erinnerungen und Liebe.

Verwendete Literatur

Agresti, Alejandro: Das Haus am See [Film]. Vereinigte Staaten, Südkorea. Village Roadshow Pictures

Vertigo Entertainment, Sidus Pictures, 2006.

Austen, Jane: Überredung. Aus dem Englischen übersetzt von Ursula und Christian Grawe. Nachwort und Anmerkungen von Christian Grawe. Stuttgart 2007 (Reclams Taschenbuch Nr. 20054).

Harreß, Birgit: Schuld und Sühne. In: Interpretationen. Dostojewskis Romane. Herausgegeben von Birgit Harreß.  Stuttgart 2005 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 17529), S, 19-40.

Homer: Odyssee. Vollständige Ausgabe. Übertragen von Johann Heinrich Voß. München 1980.

Wagner, Richard: Der Ring des Nibelungen. Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend. Textbuch mit Varianten der Partitur. Herausgegeben und kommentiert von Egon Voss, Ditzingen 2009 (Reclams Universal-Bibliothek 18628).


[1] Agresti, Alejandro: Das Haus am See [Film]. Vereinigte Staaten, Südkorea. Village Roadshow Pictures, Vertigo Entertainment, Sidus Pictures, 2006, 0:29:24-0:29:28. [2] Ebd., 1:02:06-1:03:06. [3] Wagner, Richard: Der Ring des Nibelungen. Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend. Textbuch mit Varianten der Partitur. Herausgegeben und kommentiert von Egon Voss, Ditzingen 2009 (Reclams Universal-Bibliothek 18628), S. 101. [4] Homer: Odyssee. Vollständige Ausgabe. Übertragen von Johann Heinrich Voß. München 1980, Gesang XXIII, V. 188-211. [5] Agresti: Das Haus am See, 0:08:37-0:09:28. [6] Harreß, Birgit: Schuld und Sühne. In: Interpretationen. Dostojewskis Romane. Herausgegeben von Birgit Harreß.  Stuttgart 2005 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 17529), S, 19-40, hier S. 19-20. [7] Agresti: Das Haus am See, 0:36:43-0:37:09. [8] Ebd., 0:51:36-0:52:49. [9] Austen, Jane: Überredung. Aus dem Englischen übersetzt von Ursula und Christian Grawe. Nachwort und Anmerkungen von Christian Grawe. Stuttgart 2007 (Reclams Taschenbuch Nr. 20054), S. 330. Das indirekte Zitat stammt aus: Southam, B. C. (Hg.): »Northanger Abbey« and »Persuasion«. A Casebook. London/Basingstoke 1976. [10] Ebd., S. 77-78. [11] Agresti: Das Haus am See, 0:28:28-0:29:58. [12] Ebd., 1:04:09-1:06:03. [13] Ebd., 1:08:05-1:08:11.

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