Aristoteles & Co in der Kneipe: Ein Figurenrätsel

Aristoteles geht in die Kneipe. Wird es ein Symposium geben?

Es treffen sich Aristoteles, William von Baskerville und Johannes Pauli in einer Kneipe. Hinter der Bar steht Giovanni Boccaccio, vor sich eine Ausgabe der ‚Kurtzweiligen und Lächerlichen Geschichten und Historien‘. Er nickt Aristoteles zu. Er lächelt William von Baskerville an. Beim Anblick Paulis tippt er auf den schweren Buchdeckel: „Und wie findest du das?“

Eigenkreation

Es kommt daher wie ein banaler Kneipenwitz, in dem Aristoteles eine große Rolle spielt, und ist doch keiner. Doch welche kleine Form ließe sich adäquat zuordnen, wenn es sich nicht um einen Witz handeln würde? Ist es ein Schwank? Ist es eine Memorabile? Oder ist es doch eher ein Rätsel oder gar etwas ganz anderes? Erkennbar ist zumindest: Hier treffen sich historische Personen und fiktionale Figuren verschiedener Epochen, kulturellen Sphären und Wissensbereichen.

Aristoteles

Aristoteles (384 v. Chr. bis 322. v. Chr.) dürfte den meisten als griechischer Universalgelehrter und bedeutender Philosoph, Naturforscher, als Schüler Platons und Lehrer von Alexander dem Großen bekannt sein. Aristoteles und Platon waren nicht nur die größten Philosophen der Antike, sie können in der Geistesgeschichte auch als die größten Philosophen des Mittelalters und der Renaissance bezeichnet werden.

William von Baskerville

Es folgt William von Baskerville, Franziskanermönch und fiktionales Pendant des Philosophen und Scholastikers Wilhelm von Ockham (1285-1349), der zugleich auch die Hauptfigur in Umberto Ecos Roman ‘Der Name der Rose’ ist. Ecos mittelalterlicher Kriminalroman handelt von nichts Geringerem als einem Buch, das nicht an die Öffentlichkeit gelangen darf und dessen Auftauchen eine solche Gefahr darstellt, dass sogar Mönche zu Mördern werden. 
Ob Aristoteles Tequila bestellt hätte oder doch lieber ein Gläschen O-Saft – das muss der Fantasie überlassen bleiben.

Der Name der Rose

In Ecos Roman stellt der Franziskaner-Sherlock William den blinden Mönch und ehemaligen Bibliothekar der Abtei Jorge von Burgos zur Rede. Warum musste das zweite Buch der Poetik des Aristoteles, in dem es um die Komödie und die menschliche Eigenschaft des Lachens geht, geschützt und verborgen gehalten werden? Warum hat er das Buch vergiftet und für das Studium unzugänglich gemacht? Die Antwort ist simpel: Gerade die Autorenschaft des PHILOSOPHEN stellt die Gefahr dar. Die Werke von Aristoteles zerstören laut Borge die durch das Christentum aufgebaute Weisheit.

Was Aristoteles schon wusste

„Aber nun sag mir“, fuhr William fort, „warum hast du das alles getan? Warum wolltest du dieses Buch mehr schützen als andere? Warum bist du, der du so viele Werke verborgen hieltest, ohne bis zum Verbrechen zu gehen, Traktate über Schwarze Magie und Schriften, in denen womöglich der Name Gottes gelästert wird… warum bist du bei diesem einen so weit gegangen, deine Mitbrüder und dich selbst zu verdammen? Es gibt viele Bücher, die von der Komödie handeln und das Lachen preisen. Warum hat dich dieses eine so sehr erschreckt?
[Jorge von Burgos] „Weil es vom PHILOSOPHEN stammt. Jedes Werk dieses Denkers hat einen Teil der Weisheit zerstört, die in den Jahrhunderten von der Christenheit aufgehäuft worden ist. Die Patres hatten alles gesagt, was man wissen mußte über das Verbum Dei und seine Kraft, doch es genügte, daß Boethius den PHILOSOPHEN zu kommentieren begann, und schon verwandelte sich das Mysterium des göttlichen Wortes in die menschliche Parodie der Kategorien und Syllogismen… Jedes Wort des PHILOSOPHEN, auf den mittlerweile sogar schon die Heiligen und die Päpste schwören, hat das Bild der Welt etwas mehr entstellt.“ (Der Name der Rose, S. 626-627)

Was würde Aristoteles dazu sagen: Sherlock Holmes und William von Baskerville haben viel gemeinsam!
Was würde Aristoteles dazu sagen: Sherlock Holmes und William von Baskerville haben viel gemeinsam!

Aristoteles, William und Eco

Die Verbindung der Figuren Aristoteles und William kommt über Ecos Roman zustanden. Aristoteles spielt darin schließlich eine entscheidende Rolle, obwohl er physisch nur durch sein verschriftlichtes Wort im fiktiven zweiten Buch und in den Gesprächen der Figuren anwesend ist. Doch gerade sein Wort erscheint als Gefahr für die Ordnung der Welt viel schlimmer als das Wort Gottes. Es schwingt der Universalienstreit mit, nach dem nicht Universalien, sondern nur Worte, existent seien. Der Nominalismus erklärt das Einzelne als wahrhaft Seiend. Diese Ansicht schrieb man Aristoteles zu (wie auch anderen, etwa Abaelard – eine weitere historische Person, auf die ich möglicherweise noch anderweitig eingehen werde). Auch Wilhelm von Ockham war Vertreter des Nominalismus (eine weitere Verbindung).

Es geht also in ‘Der Name der Rose’ neben allem anderen um das zweite Buch der ‘Poetik’ des Aristoteles, das (tatsächlich) als verschollen gilt und (tatsächlich) angeblich von der Komödie handelt. Aristoteles geht in seiner ‘Poetik’ nämlich auf die Komödie ein, wenn er schreibt, „die Komödie sucht schlechtere, die Tragödie bessere Menschen nachzuahmen, als sie in der Wirklichkeit vorkommen.“ (Aristoteles, Poetik S. 9)

Die Wahrheit, das Lachen und die Gesellschaft

Es werden also, und das ist auch ein Aspekt, den Jorge bezüglich der Komödie und ihrer Wirkung anprangert, Mängel und Laster gewöhnlicher Menschen gezeigt. Lachen, das sei für Aristoteles etwas Gutes, eine das Gute bewirkende Kraft mit Erkenntniswert. Denn gerade das Lachen besitzt die magische Wirkkraft der Transformation, können Dinge anders dargestellt werden. Komische Darstellungen laden zu einer anderen Art der Betrachtung ein. Zudem lassen sich offenkundige Wahrheiten durch Komik verschleiern, die zu ihrer Ergründung eine andere Art der Betrachtung erfordert. Die Wahrheit kann durch die Entstellung der Welt aufgezeigt werden.

Die Wirkung der Lächerlichkeit

„Die Wirkung der Lächerlichkeit erreicht sie, indem sie die Mängel und Laster der gewöhnlichen Leute zeigt. Aristoteles sieht in der Anlage und Bereitschaft zum Lachen eine das Gute bewirkende Kraft, die auch Erkenntniswert haben kann, wen die Komödie durch witzige oder geistreiche Rätsel und überraschende Metaphern, in welchen Dinge anders dargestellt werden, als sie sind, also gleichsam durch Lügen uns zwingt, genauer hinzuschauen, bis wir auf einmal sagen: Sieh da, so ist das also, das hatten wir nicht gewußt! Die Wahrheit, erreicht durch Darstellung der Menschen und der Welt in entstellender Form, schlechter, als sie sind oder als wir glauben, daß sie es seien, schlechter jedenfalls, als die Tragödien, Heldenepen und Viten der Heiligen sie uns darstellen…“ (Der Name der Rose, S. 625)

Lachen ist Macht

„Das Lachen ist die Schwäche, die Hinfälligkeit des Bauern, die Ausschweifung des Betrunkenen … Aber so bleibt das Lachen etwas Niedriges und Gemeines, ein Schutz für das einfache Volk, ein entweihtes Mysterium für die Plebs…. Aber hier, hier …“, Jorge pochte mit steifem Finger auf den Tisch dicht neben dem Buch (tatsächlich wie in dem Figurenrätsel), das William vor sich hielt, „hier wird die Funktion des Lachens umgestülpt und zur Kunst erhoben, hier werden ihm die Tore zur Welt der Gebildeten aufgetan, hier wird das Lachen zum Thema der Philosophie gemacht, zum Gegenstand einer perfiden Theologie …. Das Lachen befreit den Bauern von seiner Angst vor dem Teufel, denn auf dem Fest der Narren erscheint auch der Teufel als närrisch und dumm, mithin kontrollierbar. Doch dieses Buch könnte lehren, daß die Befreiung von der Angst vor dem Teufel eine Wissenschaft ist!“ (Der Name der Rose, S. 627-629)

Verderbte Köpfe, so Jorge, könnten aus dem Buch den Schluss ziehen, dass im Lachen die höchste Vollendung des Menschen liege!

Lachen stellt die bestehende Ordnung auf den Kopf. Die Befreiung von der Angst (und damit vor dem Teufel) durch Lachen könne zur Wissenschaft erhoben werden. Dies erscheint im Buch ungefähr so blasphemisch wie der Gedanke, Jesus könne gelacht haben (wie es Menschen ja manchmal tun). Übrigens lässt Eco seine Figuren bereits zu Beginn des umfangreichen Romans darüber diskutieren, ob Jesus gelacht haben könnte oder nicht. Ich persönlich glaube schon.

Literatur, Macht und Revolution

Das zweite Buch der ‘Poetik’ des Aristoteles gilt als verschollen, das gilt auch im Roman. Allerdings gelangt durch Zufall eine Abschrift in das Kloster, in dem William von Baskerville und sein Novize Adson gelangen. Sie beginnen daraufhin, den Zeichen zu folgen (Eco ist auch Semiotiker) und gelangen für den Showdown in die geheime Bibliothek des Klosters, wo sich sämtliche Ereignisse und Motive aufklären. Um zu verhindern, dass die angeblich ordnungszersetzende Botschaft des Buches über das Lachen durch die Mönche in die Welt gelangt und dort gesellschaftliche Umbrüche forcieren würde, ist das Buch von Jorge mit Gift versehen wurde.

Das Lachen im Lachen

Ein mise en abyme – der von Jorge als die Gesellschaft vergiftende Botschaft erklärte Gegenstand vergiftet letztlich in seinem verschriftlichten Zustand die Leser. (Wie genial gemacht ist das bitte!!!!) Wer hier noch die verheerende Wechselwirkung von Literatur und Realität infrage stellt, sollte vielleicht zu Goethes ‘Werther’ greifen oder sich wenigstens an die Erscheinungsdaten von J. K. Rowlings ‘Harry Potter’ erinnern. Die weiteren Figuren aus Ecos Roman mit ihrem realhistorischen Pendant weiter in Beziehung zu setzen, ginge hier über das Maß hinaus und ist möglicherweise ein Thema für ein anderes Mal.

Johannes Pauli

Daher: Wer ist nun Johannes Pauli? Er ist (wie von Baskerville auch) Franziskaner, zudem Prediger und lebte an der Epochenschwelle vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit (1455-1533). Relevant ist im Rahmen des Kneipenrätselts, dass er der Autor eines Schwankbuches mit dem Namen ‘Schimpf und Ernst’ ist, das der welt handlung mit ernstlichen vnd kurtzweiligen exemplen, parabolen vnd hystorien nültzlich vnd gnot zuo besserung der menschen (Schimpf und Ernst, S. 13) durchläuft.

Pauli hat sein Werk zum allgemeinen Nutzen verfasst, zur Besserung des Menschen. Es sind neben zum Ernst auffordernden Prosa auch Schwänke vorhanden, die derbe Komik sowie leichten und scherzhaften Humor enthalten. Schwänke gehören der Kurzprosa an, in der mit wenig Personal eine Situation auf mehreren Ebenen polyvalent geschildert wird, die Handlung meist auf Begebenheit der Alltagserfahrung beruht – es ist Humor für das gemeine und niedere Volk. Die darstellenden Figuren sind oftmals deutlich einem bestimmten Stand oder einer Gesellschaftsschicht zugeordnet, befinden sich oftmals in einem antagonistischen oder konträren Verhältnis zueinander, wobei häufig das in der Realität bestehende Verhältnis verkehrt wird: Es lacht zuletzt, wer zuletzt lacht. Darüber hinaus lachen am meisten eben doch die Leser:innen. Das können sie durchaus! Denn die dargestellten Situationen sind eben – und das zeigt auch eine der im Figurenrätsel forcierten Querverbindungen – nicht nur hohes Personal, sondern auch niedere Standespersonen.

Und noch ein Auszug

Dazu noch ein kleiner Auszug aus dem Werk von Umberto Eco.

Jorge zu William von Baskerville: „Einst sagte ein griechischer Philosoph (den dein Aristoteles hier zitiert als Komplizen und lügnerische Auctoritas), man müsse die Ernsthaftigkeit der Gegner durch Lachen zersetzen und dem Lachen mit Ernst begegnen. Wohlan, die Weisheit unserer Väter hat ihre Wahl getroffen: Wenn das Lachen die Kurzweil des niederen Volkes ist, so muß die Freiheit des niederen Volkes in engen Grenzen gehalten, muß erniedrigt und eingeschüchtert werden durch Ernst. Denn das Volk besitzt keine scharfen Waffen zu schmieden gegen den Ernst der Hirten, die es zum ewigen Leben führen sollen und daher bewahren müssen vor den Verlockungen des Bauches, der Scham, der Tafelfreuden und all seiner schmutzigen Begierden. Würde jedoch eines Tages jemand, die Worte des PHILOSOPHEN schenkend und folglich selbst auftretend als Philosoph, die Kunst des Lachens zur schneidenden Waffe schmieden, würde alsdann die Rhetorik des Überzeugens ersetzt durch eine Rhetorik des Spottens, würde die Topik des geduldigen Aufbauens und Zusammenfügens von Heilsbildern der Erlösung verdrängt durch eine Topik des ungeduldigen Niederreißens und Auf-den-Kopf-Stellen aller heiligsten und verleugnungswürdigsten Bilder…“ (Der Name der Rose, S. 629-630)

Schwänke – gesellschaftliche Abziehbilder

So hat auch Johannes Pauli laut Vorrede sein Buch aus Einzelgeschichten zusammengestellt, damit das wort des heiligen Ewangely erfült wird und auch, um beim Lesen den Geist zu erlustigen und zu reuen, weil man nicht immer in seiner Ernsthaftigkeit bleiben kann.  (Schimpf und Ernst, S. 13)

Ein Bespiel:
ES WAS EIN EDELMAN GAR EIN GROBER Almuͦszner, der rit vff ein mal vber felt, vnd begegneten im vil betler, ieglicher begert etwas von im. Der edelman gab dem einen seinen rock, dem andern seinen mantel. etc. Hindennach kam einer, der begert die sporen. Der edelman sprach, bestel du mir einen der mir das pferd treib bisz das ich beim kum, so wil ich dir die sporen auch gern geben. (Schimpf und Ernst: Schwank 330, S. 208-209)

Was ist eigentlich ein Schwank?

Merkmale eines Schwanks sind natürlich seine Ambivalenz und seine Vieldeutigkeit bezüglich der verhandelten Themen, die nur scheinbar klar und deutlich durch die Figuren demonstriert werden. Die Doppelbödigkeit oder Doppelmoral wird ganz klar auf den Prüfstand gestellt. Wie der Edelmann, der nur zum Schein großzügig ist. Kleidung verschenkt er. Die Sporen allerdings, die wirklich wertvoll wären, gibt er nicht weg. Während sie von den Armen in Geld umgewandelt werden könnten – also wirklich etwas bewirken würden, sind sie für ihn nicht nur Zeichen seines Standes, sondern auch Zeichen der Unterdrückung (für das Pferd und sinnbildlich für seine Position in der Hierarchie der Standesgesellschaft). Das Pferd könnte auch ohne Sporen angetrieben werden. Entlarvt wird hier die adelige Doppelmoral. Der Befehl im Befehl im Befehl. Aber auch das geschickte Herausreden des Edelmanns ist offenkundig. Inwiefern Zeitgenossen dieses Stück wahrgenommen haben, kann zudem sowieso nicht mehr rekonstruiert werden.

Insofern wird, um wieder auf das Figurenrätsel zurückzukommen, gerade an den Schwankbüchern Paulis der umstürzlerische Gedanke aus Ecos Werk und dem verschollenen Buch des Aristoteles angezeigt. Die Relation der Figuren untereinander dürfte klar geworden sein.

Das Rätsel entschlüsseln

Warum steht jetzt Giovanni Boccaccio hinter dem Tresen? Und warum hat er ein Exemplar der ‘Kurztweiligen Historien’ vor sich liegen?
Es gibt sehr viele Gründe, von denen ich in diesem Rahmen nicht alle aufzählen werde. Wichtig für meine Überlegungen ist die Verbindung aller drei Figuren zueinander. Im Allgemeinen gilt Boccaccio als Begründer der prosaischen Erzähltradition in Europa und schafft es außerdem als Autor, die Gesellschaft des 14. Jahrhunderts mit Witz und Realismus facettenreich und mit lebhaft, mitunter auch mehrdeutige, eben schwankend in Volkssprache zu verschriftlicht dazustellen.

 Aber was genau hat das jetzt mit den drei Kneipenbesuchern zutun:

Aristoteles

Aristoteles: Boccaccio war sehr belesen, sehr gebildet. Er kannte die Schriften von Aristoteles, auch die ‘Nikomachische Ethik’. Boccaccios bekanntestes Werk ist das ‘Dekameron’, in dem eine Gruppe junger Leute vor der Pest Schutz in der Abgeschiedenheit ländlicher Idylle sucht. Dort erzählen sie sich jeden Tag zum Zeitvertreib Geschichten. Es handelt sich um zehn Tage und zehn Geschichten pro Tag, also insgesamt 100. Diese handeln von sittlichen und unsittlichen Verhaltensweisen von Menschen aller Gesellschaftsschichten und könnten somit „aus dem wahren Leben“ stammen. Jeder Tag hat ein eigenes Thema und die Figuren sind jeweils aufgefordert, ihre Geschichte der jeweiligen Tagesthematik anzupassen. Nach jeder Geschichte wird über die dargestellten Ereignisse und Handlungen innerhalb der brigata diskutiert und das Verhalten bewertet: Sollte man ebenso handeln? Oder sollte man dies lieber unterlassen?

Eine Relation, die ich erkenne, ist aufgrund der Darstellung der Geschichte durch die Bewertungen der brigata und mit Bezug auf die Vorrede von Boccaccio, in dem er sich ganz klar an Frauen richtet, um ihnen ihr Leben aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung zu erleichtern – Katharsis. Dieses Prinzip aus der ‘Poetik’ des Aristoteles soll durch die Novellen auf die weibliche Leserschaft wirken.

Wiliam von Baskerville

William von Baskerville: Umberto Eco hat einen historischen Detektivroman verfasst und dort detailliert zeitgenössische theologische und politische Diskurse integriert, zudem auch ahistorische Diskussionen der modernen Forschung eingewoben, sodass der Text auf mehreren Ebenen funktioniert und für entsprechend gebildete Leser:innen deutlich mehr Informationen bereithalten kann. Zudem ist Ecos Werk auch, wenn man so will, in eine Rahmenhandlung eingebunden, nämlich in die Erinnerungen von Adson, dem jungen Novizen Williams, der als Ich-Erzähler in das Geschehen ein- und ausgeleitet. Die Verbindung zu Boccaccio ist im Rätsel (neben von mir reichlich unentdeckten Relationen) das zweite Buch der ‘Poetik’. Nun verweist Boccaccio in seinem Vorwort selbst auf die von ihm mit seinen Geschichten angesteuerte Zielgruppe: die holden Frauen.

Zur Erheiterung des weiblichen Geschlechts

Als Grund gibt er an, Frauen wären die meiste Zeit abhängig von Willen, Gefallen und Befehle der Eltern, Brüder oder allgemein Männer, sie hätten wenig Bewegungsfreiheit, das mache es unmöglich für sie immer heiter zu sein. Immerhin hat er bezüglich der weiblichen Bewegungs- und Willensfreiheit recht. „In diesen Geschichten wird man lustige und betrübte Liebesereignisse und andere abenteuerliche Begebenheiten kennenlernen, die sowohl in neuen als alten Zeiten sich zugetragen haben und jenen Frauen, welche diese Geschichten lesen, mit den spaßhaften Dingen, die darin vorkommen, gleich viel Vergnügen, als guten Rat gewähren und sie unterrichten werden, was sie fliehen und was sie wieder erstreben sollen.“ (Das Dekameron, S. 31) Und das alles mit Geschichten, die üble Laune verscheuchen.

Am Ende seines Werkes klingt ein anderer Ton an: „Auch zweifle ich nicht, daß es solche geben wird, welche sagen, in das Erzählte seien zuviel Geschwätz und Possen eingestreut, und es stehe einem geprüft und ernsten Manne übel an, also geschrieben zu haben.“ (Das Dekameron, S. 862)

Giovanni Boccaccio

Auch Boccaccio ging davon aus, dass es Einwände gegen das Lachen geben könnte, das aus den in seine Geschichten integrierten Possen erwachsen könnte. Dem Lachen wird also schon bei Boccaccio eine umstürzlerische Kraft zugeschrieben, wie sie in Ecos Werk bekämpft werden soll und welche Johannes Pauli in seinem Werk ebenfalls nutzt. Darum kann William von Baskerville auch feststellen: „Jorge fürchtete jenes zweite Buch des Aristoteles, weil es vielleicht wirklich lehrte, das Antlitz jeder Wahrheit zu entstellen, damit wir nicht zu Sklaven unserer Einbildungen werden. Vielleicht gibt es am Ende nur eines zu tun, wenn man die Menschen liebt: sie über die Wahrheit zum Lachen bringen, die Wahrheit zum Lachen bringe, die einzige Wahrheit heißt: lernen, sich von der krankhaften Leidenschaft für die Wahrheit zu befreien.“ (Der Name der Rose, S. 650)

Warum fragt jetzt der Boccaccio im Figurenrätsel Johannes Pauli: „Und wie findest du das?“, als er auf das Exemplar der ‘Kurtzweiligen und Lächerlichen Geschichten und Historien’ tippt? Tatsächlich könnte man es als Analogie zu der vorhin bereits erwähnten Szene aus ‘Der Name der Rose’ bezeichnen: …. Aber hier, hier …“, Jorge pochte mit steifem Finger auf den Tisch dicht neben dem Buch, das William vor sich hielt (Der Name der Rose, S. 627).

Nun, Paulis Werk ist ein Sammelband, 1583 gedruckt von dem berüchtigt-erfolgreichen Frankfurter Verleger Sigmund Feyerabend, zusammengestellt aus seinerzeit beliebten Exempelsammlungen wie dem ‘Rollwagen’, der ‘Gartengesellschaft’, dem ‘Wegkürtzer’, Paulis ‘Schimpf und Ernst’ und den ‘Cento novella’ – allerdings ohne Verweis auf Boccaccios Autorenschaft und seine Vorrede oder anderweitige intentionale Einschübe. Die ‘Cento Novella’ sind laut Vorrede auch von dreyen ehrlichen Mannes / vnd sieben Weibs personen geredt / gesagt / vnd zusammen gebracht worden (Kurtzweilige und Lächerliche Geschichten und Historien, S. 2), ebenso wenig die Johannes Pauli.

Siegmund Feyerabend

Sigmund Feyerabend richtet sein Verlagsprogramm nicht mehr direkt zur Erheiterung an die bemitleidenswerten Frauen wie Boccaccio oder zu Nutz und Besserung an jeden Menschen wie Pauli. Stattdessen soll das Buch geachtet werden, weil es ein trauriges Gemüt erquickt und wie neu geschaffen macht, gerade weil es von lächerlichen und schimpflichen Possen handelt. Feyerabend richtet sich dabei an Frauen wie Männer, an alle Personen. Boccaccios Intention an die weibliche Leserschaft wird bei Feyerabend ausgeweitet. Sie soll als Spiegel und exempelhafter Maßstab für das eigene moralische Verhalten dienen: mancherley Schrifften oder Gedicht / mit anmuͦotiger Lieblichkeit / vnd schaͤrpffe / nach eines jeden stands geschaͤfften / den Menschen als zu einem Spiegel fuͤr die Augen zu stellen / boͤse Thaten zuvermeiden / vnd den guten in ihren Loͤblichen Geschaͤfften nachzusetzen / vnd nachzufolgen / in einem ehrlichen vnd auffrichtigen Wandel. (Kurtzweilige und Lächerliche Geschichten und Historien, S. 1)

Am Ende seiner Vorrede vermerkt er sinngemäß: Wenn einem das in diesem Buch nicht gefällt, das nicht jedem gefiel, soll sich das gut merken und diesem nachfolgen, aber das Böse vermeiden. (Kurtzweilige und Lächerliche Geschichten und Historien, S. 3)

Sicher lassen sich noch weitere Relationen finden, die hier aufgrund ihrer Menge nicht alle aufgeführt werden können. Die Figuren sowie Requisiten sind austauschbar – das macht das ganze ja so spannend. Mit jedem Austausch und jeder Neubesetzung – sei es Figur oder sei es Requisit – wird ein ganzes Spektrum neuer Interpretationsmöglichkeiten aufgerufen.

Sogenannte Zufälle

Letztlich stellt William von Baskerville fest, dass er die Zeichen und ihre Beziehungen zueinander falsch gedeutet habe. Gefolgt sei er einem Muster, auf dem die Morde im Kloster basieren würden, dabei „war es Zufall.“ (Der Name der Rose, S. 650) Dieser Begriff macht seinerseits wieder ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten auf, lädt etwa W. G. Sebald zu einem Kneipenbesuch ein oder Roman Jakobson, Ulrike Draesner und auch Wolfram von Eschenbach, Simon Herzog, Laurent Binet oder Gérard Genette und viele mehr.

Die Wahrheit und das Chaos

„Ich habe nie an der Wahrheit gezweifelt, Adson, sie sind das Einzige, was der Mensch hat, um sich in der Welt zurechtzufinden. Was ich nicht verstanden hatte, war die Wechselbeziehung zwischen den Zeichen. Ich bin zu Jorge gelangt, in dem ich einem apokalyptischen Muster folgte, das den Verbrechen zu unterliegen schien, und dabei war es Zufall.“  (Der Name der Rose, S. 650-651) Die Welt habe keine Ordnung. Sein Novize Adson korrigiert William – gerade die Vorstellung einer falschen Ordnung habe dazu geführt, dass er etwas gefunden habe.
Wie schön sich der sogenannte Zufall in die Literatur und das Leben einbrennen kann, wird ebenfalls noch ein Thema sein. [William:] „Ich bin wie ein Besessener hinter einem Anschein von Ordnung hergelaufen, während ich doch hätte wisse müssen, daß es in der Welt keine Ordnung gibt.


[Adson:] Aber indem Ihr Euch falsche Ordnungen vorgestellt habt, habt Ihr schließlich etwas gefunden…
Da hast du etwas sehr Schönes gesagt, Adson. Ich danke dir. Die Ordnung, die unser Geist sich vorstellt, ist wie ein Netz oder eine Leiter, die er sich zusammenbastelt, um irgendwo hinaufzugelangen. Aber wenn er dann hinaufgelangt ist, muß er sie wegwerfen, denn es zeigt sich, daß sie zwar nützlich, aber unsinnig war. ›Er muoz gelîchesame die leiter abewerfen, sô er an ir ufgestiegen‹ … Sagt man so?“ (Der Name der Rose, S. 651) Ein weiteres prägnantes Zitat aus dem Roman ist hier.

Ich schließe daher meine Ausführungen mit Wittgensteins ‘Tractatus’: „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie -auf ihnen -über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)

Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (Tractatus Logico-Philosophicus, 6.54)

Verwendete Literatur

Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1994.
Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. Aus dem Italienischen von Karl Witte. München 2020.
Umberto Eco: Der Name der Rose. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. München 1982.
Kurtzweilige und Lächerliche Geschichten und Historien, München, Bayerische Staatsbibliothek, 2 L.eleg.m. (fol. 90r), Frankfurt 1583, online: https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10147430-5 (zuletzt abgerufen am 04.07.2023).
Johannes Pauli: Schimpf und Ernst. Hg. von Hermann Österley. Stuttgart 1866 (Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart LXXXV).
Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. London 1922. Online: http://people.umass.edu/klement/tlp/ (zuletzt abgerufen am 04.07.2023).

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