Vaters Meer – Deniz Utlu

Am 29.10. fand in Bremen der Auftakt der LiteraTour Nord statt. Es las Deniz Utlu aus seinem bereits mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichneten Roman »Vaters Meer«. Und auch der Preis der LiteraTour Nord 2024 geht an Deniz Utlu und seinen Roman, dies wurde Ende Februar 2024 bekanntgegeben. Herzlichen Glückwunsch von mir an dieser Stelle! Mehr Infos zur Preisverleihung gibt es hier.

Weiterhin ist der Roman durch das Goethe-Institut für den Literaturpreis der Europäischen Union (EUPL) nominiert. Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt am 4. April.

Worum geht es?

Neben vielem anderen geht es grundsätzlich um die Geschichten des Vaters, die im Gedächtnis des Sohnes verharrten, und über die der Sohn nun den Vater erfassen will. Dabei erlangt er in Gesprächen mit anderen Personen neue Ansichten über den Vater und bekommt Einblicke in ihm bislang schwierig greifbare Perspektiven. Über Geschichten gelingt das Erinnern auf eine andere Art und Weise. Ganz passend waren auf der Bühne Leselampen verteilt, hinter den roten Sesseln auf der Bühne war eine Standlampe platziert, die für den Zeitraum des Gesprächs von Autor und Moderator erleuchtend durch ihren Dialog führte.

Vaters Meer - Deniz Utlu
Vaters Meer – Deniz Utlu

Wieso Meer?

Drei prägnante Textpassagen las Deniz Utlu an diesem Abend und erläuterte dem Publikum ausführlich basale Informationen zu seinem Roman. Am Ende wurden auch drei Fragen aus dem Publikum beantwortet. Darunter auch die Frage nach dem Titel »Vaters Meer«. Wieso Meer? Was hat das Erzählen mit dem Meer zu tun?

Vielleicht lohnt sich hier zunächst ein Blick in den Roman. „Das Wasser verbindet die Orte. Es verbindet alles.“[1] Dies stellt Yunus, der Protagonist des Romans fest, als er sich daran erinnert, wie sein Vater nach Deutschland kam. Und zwar auf dem Weg des Wassers von Istanbul über die Elbe mit einem Frachtschiff. Ursprünglich wollte er nach Kanada, um dort die englische Sprache zu erlernen. Das Wasser hat ihn nach Deutschland gebracht, und nur aufgrund einer Erkrankung muss er dort aussteigen und wieder genesen. Der Weg des Wassers hängt also zusammen mit dem Leben des Sohnes und auch mit Utlus Roman. Bedenkt man, dass dieser seine eigene Suche nach der Identität des Vaters mit seinem Erzählen verbunden hat, und sogar individuelle Erinnerungen an die Figur des Yunus verschenkt hat.

Der Ursprung im Wasser – Vaters Meer metaphorisch

Doch zurück zum Wasser an sich. Etwa 70 Prozent der Erde bestehen aus Wasser. Auch der Mensch besteht zu etwa 60 bis 80 Prozent aus Wasser. Vor etwa vier Milliarden Jahren bildete sich der erste Urozean als die Erde abzukühlen begann. Die Atome, aus denen unser Wasser besteht sind allerdings nach Schätzungen fünf bis zehn Milliarden Jahre alt und damit älter als die Erde selbst. Der Ursprung allen Lebens findet sich im Wasser. Wasser ist die Quelle des Lebens, denn ohne Wasser können keine lebenswichtigen Prozesse stattfinden. Die Verbindung des Wassers ist daher, eben wie Yunus feststellt, die Verbindung zum Leben und daher die Verbindung zu allem. „Der Mensch an sich und jeder Einzelne findet seinen Ursprung im Wasser“[2], heißt es später.

Wasser als Quelle in Vaters Meer

„Trink Wasser“[3], rät die Mutter Yunus, als dieser mit zugeschnürter Kehle im Krankenhaus sitzt und auf Informationen über den Vater wartet. Mit Wasser sind Orte verbunden, die am Meer liegen und im Leben und der Erinnerung der Figuren eine große Rolle spielen. Das weite Flachland Mesopotamiens, löst sich in der Nähe des Horizonts „Meerblau“[4] auf, heißt es, „und wer es nicht besser weiß, glaubt, dass dort Wasser ist.“[5]

Wasser als metaphysisches Element

Yunus liest seinem Vater aus dem Koran die Geschichte von Jakob und seinem Sohn vor. Dem Wasser kommt hier eine metaphysische Bedeutung zu, die als lichtes Material der Dunkelheit entgegensteht. Es geht in der Geschichte um Bruderverrat, um das Anlügen des Vaters und damit auch das Einlassen der Dunkelheit in die Welt. Die Herzen der Brüder, die Josef verraten haben, sind nichts mehr „als dunkle Brunnen.“[6] Jakob sieht nicht mehr seine Söhne, sondern „nicht als Finsternis, nichts als den Boden eines ewigtiefen Brunnens, aus dem es kein Wasser mehr zu holen gibt.“[7]

Wasser kann in dieser Geschichte aus dem Koran als das Elixier des Lebens, des Glaubens, der Wahrheit gedeutet werden, als Elixier des Lichts. Ohne Licht regiert die Dunkelheit, gibt es kein Leben. Wasser ist Licht. Wasser ist Leben – das scheint auch hier die Elementare Bedeutung zu sein. Und spricht nicht auch Jesus in der Bibel von lebendigem Wasser als er der Samariterin am Brunnen sagt: „Wer von diesem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“[8]

Der Mensch und Wasser

Tränen bestehen aus Wasser und sind Ausdruck von Emotionen. Sie spielen auch im Roman eine Rolle.

Wenn ein Mensch stirbt, verschwindet das Wasser nicht. Es verdunstet in die Welt, wenn er verbrannt wird. Es sichert in den Boden, wenn er begraben wird. Es regnet ab, es nährt die Pflanzen und andere Lebewesen. Es wir zu anderen Körpern, findet sich in einer Eizelle, in einem Auge, im Herzen, im Hirn. Von jemand anderem. Der Mensch geht, das Wasser bleibt in dieser Welt.“[9]

Ganz allgemein gilt insofern: An diesem Abend verband Wasser alle Anwesenden untereinander. Die Gesprächsführenden tranken Wasser. Wasser war auch überall.

Das Meer als Metapher

Zur Metapher wird das Meer, wenn die Proteste gegen die Menderes-Regierung beschrieben werden. Zeki, der Vater von Yunus studiert in Istanbul und schließt sich am 29. April 1960 Protestanten an, die er in der beginnenden Dämmerung als „ein Meer an Köpfen[10] wahrnimmt. Die Demonstranten richten sich gegen die repressive Politik der Demokratischen Partei in Istanbul.

Erzählen – Fakten und Fiktion

Wann sind Fakten wahr, wann sind sie bereits Fiktion. Ist nicht Erzählen immer fiktional, weil es subjektiv ist? Stimmen Fakten immer? Sind Nachrichten eine vertrauenswürdige Quelle, ist es die Bibel, ist es ein Buch oder ist der eigene Vater eine vertrauenswürdige Quelle, wenn es um das Erzählen geht? Das eigene Gedächtnis zumindest ist es nicht. Erinnerungen verschwimmen und verwirbeln sich mit dem Lauf der Zeit, sie werden zu etwas anderem. Sie könne zu etwas beängstigendem werden oder zu etwas erwünschtem, sie lassen sich sogar bewusst verändern.

Unsichere Erinnerungen in »Vaters Meer«

Auch der Erzähler, der Sohn Yunus, ist sich oft unsicher über die Erinnerungen, die er vom Vater, von der Mutter und seinen Erlebnissen hat: „Vater erzählte mir einmal von einem geliebten Tier. Oder war es Mutter, die von Vater erzählte, der von diesem geliebten Tier gesprochen hatte?“[11] Das ist bekannt, das kennt man von sich, aus dem Alltag. Was stimmt, was ist korrekt erinnert, kann man sich überhaupt ‘richtig’ erinnern?

Das Erinnern an die eigene lückenhafte Erinnerung wiederholt sich in »Vaters Meer«. „Ich habe keine verlässliche Erinnerung an die Erinnerung meines Vaters“[12], erklärt Yunus. Ein Bild sei geblieben. Sein Vater, der mit einer Melone zwischen den Füßen auf dem Sofa sitzt und über den Schock der Mutter lacht, weil er sich nach dem Koma selbst aus dem Krankenhaus entlassen hat. „Das ist so gut wie alles, was ich weiß. Er lachte, das weiß ich noch oder glaube, es zu wissen.“[13]

Vage, nebelig, verschwommen – Erinnerungen

So ist das mit den Erinnerungen. Sie sind vage und sie bleiben es. Was ist wahr gewesen und was ist erdacht oder aus einer bestimmten Intention, einem flüchtigen Gefühl erdichtet und der Erinnerung hinzugefügt worden? Gibt es ein Mittel, mit dem Erinnerungen nicht vergessen werden? Auch Yunus hatte sich „vorgenommen, nichts zu vergessen, jede Erinnerung an Vater in [ihm] wiederzufinden und zu sammeln, festzuschreiben.“[14] Er will sich die Gegenwart einprägen. „Aber die Erinnerungen in mir veränderten sich mit der Zeit. Zeitabfolgen, Bilder, Dialoge variierten, fielen weg, kamen hinzu. Sie wurden nicht weniger, sie wurden anders.“[15]

Literatur und Erinnerungen – Was haften bleibt

„Manchmal erinnere ich mich an Figuren aus Romanen oder Stücken wie an Menschen, denen ich begegnet bin. Ich kann zu ihnen zurückkehren, indem ich sie lese. Zu einem Menschen, der nicht mehr lebt, kann ich nur in meiner Erinnerung.“[16]

Yunus (oder vielleicht der Autor) fragt hier, ob dies den Unterschied zwischen Erinnerungen an eine Figur oder Erinnerungen an einen wirklichen Menschen ausmacht. Bücher könne man noch einmal lesen. An das Leben bliebe nur Erinnerung. Und hier kommen interessante Beobachtungen ins Spiel. Immer wieder finden sich in »Vaters Meer« Textpassagen, die einer gedanklichen Auseinandersetzung ähneln. Sind es Fragen und Gedanken, die sich die Figur Yunus in der Auseinandersetzung mit seinem Vater stellt und beantwortet? Oder sind es Fragen und Gedanken, die sich der Autor in Auseinandersetzung mit seinen Figuren stellt? Oder stellt er sich diese Fragen in Auseinandersetzung mit seinem Vater selbst? Dient das Papier in diesem Fall als Medium, auf dem der Kampf um die passenden Worte ausgetragen wird? Es verschwimmen die Grenzen im Erzählen, wie sich auch einzelne Wassertropfen in einem Meer verlieren. Das Meer ist grenzenlos wie auch das Erzählen.

Das Grenzenlose Dasein in Vaters Meer

Die Erinnerung lässt sich nicht auslesen.“[17] Gedanken, Handlungen – alles hat Potenzial zur Unendlichkeit. Bücher lassen sich auslesen, „eine Geschichte oder auch nur ein Klang findet Eingang in den Organismus und kreiert seine eigene Vervielfachung. […] die Zunahme der Erinnerungen und Erfindungen verändern das Erinnerte.“[18] Was Utlu in »Vaters Meer« mit schriftstellerischer Präzision in Worte fasst, lässt sich mit wissenschaftlichen Instrumentarien der Intertextualität untersuchen oder aber mit den Mechanismen des Erzählens in Kulturen, die sich über das Erzählen definierten:

„Existiert dann ein Punkt, an dem die Geschichten meines Vaters so oft erzählt wurden, dass sie nicht mehr seine sind, weil sich nicht mehr auseinanderhalten lässt, was der erlebte Kern einer Geschichte war und was beim abermaligen Erinnern und Erzählen hinzugekommen ist? Vielleicht liegt gerade darin die Unendlichkeit des Erinnerns. Und des Erzählens.“[19] Variation, Assimilation, Transformation, Absorption – dies sind nur einige der Fachbegriffe, die sich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Erzählen in einer Kultur auseinandersetzen. Genauso ,wie es viele Variationen einer Geschichte gibt und von Figuren, sei es der Untergang der Nibelungen, sei es die Geschichte Medeas, sei es die Vertreibung aus dem Paradies, sei es die Geschichte vom Struwwelpeter, die Kindern Gehorsam beibringen sollte.

Erzählen vom Leben, erzählen von Menschen

Erzählen kann nur, wer etwas erlebt. Wenn Yunus Dichter werden will, dann muss er dafür sorgen, dass er auch über etwas schreiben kann, das es wert ist, erzählt zu werden. „Wer erzählen wollte, musste leben, wer leben wollte, durfte nicht vor zwölf ins Bett.“[20] Auch der Vater erzählt viel und gerne. Was stimmt davon?

„Nachts legte sich Vater manchmal zu mir und erzählte Geschichten aus seiner Kindheit.“[21] Er erzählt seinem Sohn von Räubern, von der Wüste, von Tausendundeine Nacht-Erzählungen, die aber nicht nur Märchen seien, sondern wirklich wären. Räuber habe er gesehen wie aus Ali Baba und die vierzig Räuber. Der Vater selbst habe das berühmte Sesam, öffne dich vor einer Höhle gesagt, die sich daraufhin geöffnet habe. Geraubtes Gold habe er gesehen, Smaragde und viele Schätze.

Die Macht der Literatur – die Macht der Fiktion

Literatur und ganz spezielle Bücher spielen eine große Rolle in Utlus Roman. Das einführende Motto stammt aus Antoine de Saint-Exupérys »Der kleine Prinz«: „Ich brauchte lange, bis ich begriff, woher er kam.“ Es ist nicht nur ein typisches Motto eines Buchers, das ganz am Anfang eines Werkes steht und auf den folgenden Inhalt verweist. Die Essenz des Werkes ist präsent im Roman selbst – das Buch wird zitiert, es wird von den Figuren gelesen und auch der Autor wird es gelesen haben. Es ist relevant. Es trägt eine für den Roman stimmige Frequenz mit sich, die in der Intertextualität des Romans präsent ist. Yunus vergleicht seinen Vater mit der Figur des kleinen Prinzen, der seinen Planeten verlassen hat, weil er auf der Suche nach einem Freund war. War auch der Vater auf der Suche nach einem Freund? Hatte er darum seinen Planeten verlassen?[22]

Der Sohn liest die Bücher seines Vaters, darunter »Der Graf von Monte Christo« des Alexandre Dumas, »Römische Elegien« und Bertrand Russells »Wege zur Freiheit. Sozialismus, Anarchismus, Syndikalismus«, Karl Mays »Von Bagdad nach Stambul« und mehr. Etliche literarische Meisterwerke ruft die Utlu in seinem Roman auf. Sie spielen im Leben der Figuren eine gewichtige Rolle, die möglicherweise für ihn selbst wegweisend waren. Literatur verbindet also Figuren mit Menschen.

Erzählen verbindet Menschen

Erzählen öffnet die Menschen füreinander, es schafft Verbindungen, man gibt über das Erzählen etwas von sich preis, das erfordert Mut. So ergeht es auch Senem, als sie Zeki kennenlernt und er sich für sie interessiert und sie über ihr Leben befragt und sie beginnt, ihm von sich zu erzählen. „Sie verstand nicht, was in ihr geschah, weshalb sie sich diesem Fremden gegenüber öffnete. Sie erzählte von der Enge der Familie, von den Brüdern, die meinten, einem ständig sagen zu können, was sie zu tun hätte, dabei war sie es, die promovierte.“[23] Die Mutter ist die stille Heldin des Romans, die während all der Zeit, während der gesamten Pflegezeit des Vaters, loyal zu diesem gestanden hatte. Jederzeit hätte sie in die Türkei zurückkehren können, um dort in ihrem Beruf weiterzuarbeiten, eine Karriere zu verfolgen. Es war der Wunsch ihres Mannes, der sie davon abhielt.

Gott als Erzähler

Auch der Erzengel Gabriel kommt in Utlus Roman als Überbringer des Wortes vor. Er ist dort der Engel der islamischen Tradition, der zum Propheten Mohammed hinabsteigt und ihm befiehlt zu lesen, vorzutragen.[24] Melek, das bedeutet auf Türkisch Engel, das sind transzendentale Wesen und Abgeordnete aus dem Reich Gottes, die mit einer bestimmten Mission auf die Erde zu den Menschen gesandt werden. Aus den Erörterungen der Erzählinstanz im Roman führt der Befehl des Erzengels Gabriel zum Vortragen, zum Erzählen zu Gott: „Gott befahl zu erzählen.“[25]

Autoren und ihre Mission?!

Es würde zu weit gehen, sämtliche Autoren als Sprachrohe Gottes zu betrachten, die mit einer speziellen Mission, einem besonderen Auftrag zur Erde gesandt wurden. Mir persönlich kam dieser Gedanke beim Schreiben dieses Beitrags. Es sind oft Künstler, die einen ganz eigenwilligen Blick auf die Dinge der Welt haben. Es ist, wie gesagt, ein Gedanke, der plötzlich aufkam. Denn tatsächlich ist diese Engelsthematik auch in anderen Romanen mehr oder weniger präsent und daher mindestens ein intertextuell analysierbares Phänomen.

Weitere Themen in Vaters Meer: Pflege, Migration, Kommunikation

Es werden viele weitere Themen im Roman aufgerufen. Der Vater leidet nach seinem zweiten Schlaganfall am Locked-In-Syndrom, kann nur mehr über die Augen kommunizieren. Er ist zum Pflegefall geworden, jemand der in einer Einrichtung ständig überwacht und betreut werden muss. Pflegen, was bedeutet das eigentlich? Es handelt sich um einen Beruf, die Arbeit als Pflegekraft. Es existiert keine persönliche Bindung zwischen den Pflegern oder Ärzten und denjenigen, die gepflegt werden müssen und denen die zu Besuch kommen. Ein Beruf, an dem wird das eigene Leben verdient. Wie auszehrend Berufe in der Pflege oder im Gesundheitswesen sind, welche Auswirkungen dies auf die Menschen hat und welche Konsequenzen sich jeweils ergeben ist auch ein Thema aus Tim Staffels »Südstern«, der es in diesem Jahr auf die Longlist für den Buchpreis geschafft hat.

Sprachlosigkeit

Was macht diese Sprachlosigkeit mit Familienangehörigen? Der Vater lebt noch. Aber er ist nicht anwesend. Die Katze der Abwesenheit – diese Umschreibung fällt einige Male. Verbunden habe ich ihn eben mit dieser anwesenden Abwesenheit, die sich gleich einer Katze an die Bewohner der Räume schmiegt. Auch, wenn sie nicht da ist. Da ist jemand, der sich nicht mehr ausdrücken kann und gefangen ist. Im eigenen Körper.

Kommunikation

Türkisch, Arabisch, Englisch, Französisch, Deutsch – der Roman ist in deutscher Sprache geschrieben und doch in mehreren Sprachen verfasst. Auch seine Figuren kommunizieren in vielen Sprachen. Es geht um Sprachbarrieren, die mit der eigenen Herkunft zusammenhängen. Damit einher gehen Grenzen, auch Ausgrenzung. Mit dem Spracherwerb als solches hängt auch der Erwerb von Bildung zusammen. An der Sprache, am Ausdruck, am Dialekt lässt sich die Herkunftsregion erkennen. Als sein Vater nur noch mit den Augen spricht, wählt Yunus für die sprachliche Kommunikation mit ihm das Türkische. „Sein Türkisch war in gewisser Weise mein Deutsch, und mein Türkisch so gesehen sein Arabisch.“[26]

Beschluss: Deniz Utlu – »Vaters Meer«

Bestimmt, geistreich und reflektiert. Das sind drei Begriffe, mit denen ich persönlich den Autor an diesem Abend erfasst habe. Natürlich passt dies zum Thema des Abends, immerhin rufe ich hier subjektive Wahrnehmungen ab, die ich am gestrigen Abend (denn ich schreibe diese Zeilen am 30.10.) gewonnen habe und die ich aus meinem Gedächtnis abrufe. Mit jeder einzelnen Minute werden weitere hinzukommen. Während ich diesen Text verfasst habe, sind mir weitere Ideen gekommen, weitere Verbindungen in einem Meer aus Literatur, Wörtern und Menschen, in die sich dieses Buch, dieser Autor, dieser Abend, dieser Text hier einbinden.  

Literatur:
Deniz Utlu: Vaters Meer. Berlin 2023.


[1] Deniz Utlu: Vaters Meer. Berlin 2023, S. 313. [2] Ebd., S. 341. [3] Ebd., S. 183. [4] Ebd., S. 347. [5] Ebd. [6] Ebd., S. 348. [7] Ebd. [8] Die Bibel, Johannes 4.13-14. [9] Deniz Utlu: Vaters Meer, S. 342. [10] Ebd., S. 257. [11] Ebd., S. 96. [12] Ebd., S. 200. [13] Ebd., S. 200. [14] Ebd., S. 37. [15] Ebd., S. 37. [16] Ebd., S. 316. [17] Ebd., S. 317. [18] Ebd., S. 317. [19] Ebd., S, 317. [20] Ebd., S. 267. [21] Ebd., S. 85. [22] Ebd., S. 241. [23] Ebd., S. 279. [24] Ebd., S. 184.[25] Ebd., S. 184. [26] Ebd., S. 15.

Bildquellen

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