Was ist ein Gedankenexperiment?​

Gedankenexperimente auf einen Blick

  • Was ist es?
    Ein Experiment, das nur im Kopf stattfindet.
  • Wozu?
    Theorien prüfen, Konsequenzen durchspielen, neue Perspektiven gewinnen.
  • Wer nutzt es?
    Philosophen, Naturwissenschaftler, Ethiker, Literaten – praktisch alle, die Ideen testen wollen.
  • Bekannte Beispiele:
    Schrödingers Katze, Trolley-Problem, Galileo’s fallende Körper.
  • Vorteil:
    Kein Risiko, flexibel, fördert kreatives und analytisches Denken.

Eine kurze Einführung zu Gedankenexperimente und ihrer Anwendung

Laut Duden ist ein Gedankenexperiment ein „nur in Gedanken durchgeführtes (und durchführbares) Experiment, das etwas zeigen [und] beweisen soll“. Laut dem Metzler Lexikon der Philosophie besteht ein Gedankenexperiment darin, „unter Voraussetzung einer gegebenen Prämissenmenge (Theorie) aus lediglich hypothetischen, kontrafaktischen Situationen Schlussfolgerungen abzuleiten.“[1] Dabei ist eine Anwendung sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Geisteswissenschaften möglich. Ein Gedankenexperiment ist fachunabhängig. Es kann in der Philosophie genau wie ein reales Experiment in den Naturwissenschaften ein Mittel zum Gewinn von Erkenntnissen sein. Vor allem sind allein in Gedanken durchgeführte Experimente weniger gefahrenvoll als die realen.

„Ein Gedankenexperiment ist kein Experiment im eigentlichen Sinne, weil es einen gravierenden Unterschied zwischen beiden gibt: Während ein reales Experiment Theorien durch empirische Anschauung von außen untersucht, bleibt ein Gedankenexperiment grundsätzlich rational. Es nimmt in der Philosophie jene Rolle ein, die das Realexperiment in den Naturwissenschaften innehat.“

Martina Peters/Jörg Peters: Der Einsatz von Gedankenexperimente im Philosophie- und Ethikunterricht. In: Philosophieren mit Gedankenexperimenten- Methoden im Philosophie- und Ethikunterricht. Band 2. Hg. von Martina und Jörg Peters. Hamburg 2020, S. 9.

Gedankenexperimente sind gedankliche Hilfsmittel zum:

  • Entwickeln
  • Untermauern
  • Widerlegen
  • Veranschaulichen
  • Weiterdenken

1 Das kontrafaktische oder irreale Gedankenexperiment

Das sich durch Kontrafaktizität auszeichnenden Gedankenexperiment, dass Irreales annimmt, das nicht auf seinen Wahrheitsgehalt geprüft, aber dennoch gedanklich aufgrund möglicher Optionen durchgespielt werden kann. Ein Beispiel wäre die Frage, was passieren würde, wenn Schweine wirklich fliegen könnten.

2 Das fiktive Gedankenexperiment mit Bezug zur Realität

Die zweite Art des Gedankenexperiments kann zwar auch aus fiktiven Annahmen bestehen, allerdings einen konkreten Bezug zur Realität haben, sich also auf etwas in der Realität tatsächlich Mögliches beziehen.

Gedankliche Spielereien, die mit dem Gewinn eines Lottogewinns einhergehen oder mögliche Konsequenzen für die Erfolgsquote von Anmach-Sprüchen sind keine Gedankenexperimente. Der größere Rahmen, die Einpassung in ein großes Ganzes muss vorhanden sein und sich mit übergeordneten Problematiken und Themen auseinandersetzen. [2]

Durchgespielt werden in Gedanken Situationen, die es unter realen Umständen nicht geben kann sowie die sich aus diesen Situationen ergebenden möglichen Konsequenzen bezüglich einer bestimmten Fragestellung (die philosophischer Natur sein kann oder aber auch naturwissenschaftlich und eben auch literarischer).

5 Phasen eines Gedankenexperiments in den Naturwissenschaften

  • Thema
  • Versuchsaufbau
  • Versuchsdurchführung
  • Beobachtungen
  • Deutung (Erklärung) und Auslegung

Der Philosoph und Physiker Ernst Mach stellte bereits 1905 fest, dass gerade der „Projektenmacher, der Erbauer von Luftschlössern, der Romanschreiber, [also] der Dichter sozialer und technischer Utopien experimentiert in Gedanken. Aber auch der solide Kaufmann, der ernste Erfinder oder der Forscher tut dasselbe.“[3] Die Vorstellung bestimmter Umstände in Gedanken werden laut Macht an Erwartungen, Vermutungen gewisser Folgen geknüpft und ermöglich einen „Gedankenerfahrung“.[4]

„So sind ja die physikalischen Untersuchungen des Aristoteles großenteils Gedankenexperimente, in welchen die in der Erinnerung und namentlich in der Sprache, aufbewahrten Erfahrungsschätze verwertet werden“[5], stellt er fest.

„Es ist kein Zweifel, dass das Gedankenexperiment die größten Umwandlungen in unserm Denken einleitet, und die bedeutendsten Forschungswege eröffnet.“[6] Für Mach ist „die Vorführung von Paradoxen“[7] dem Experimentieren in Gedanken zuträglich, da man gerade „durch das Paradoxe am besten die Natur eines Problems fühlen [lernt], welches ja eben durch den paradoxen Gehalt zu einem Problem wird, sondern die widerstreitenden Elemente eines Paradoxon lassen die Gedanken auch nicht mehr zur Ruhe kommen, und lösen eben den Prozess aus, der als Gedankenexperiment bezeichnet wurde.“[8]

Aus diesem Grund ist die Literatur ein vorzügliches Medium, in Gedanken zu experimentieren und Optionen jeglicher Art an Figuren durchzuspielen.

Gedankenexperiment in der Praxis

Gedankenexperimente dienen als methodisches Werkzeug, um Theorien, Annahmen oder Hypothesen systematisch zu prüfen, ohne dass reale Experimente durchgeführt werden müssen. Sie erlauben es, komplexe Zusammenhänge gedanklich zu abstrahieren und unterschiedliche Szenarien durchzuspielen, wodurch Einsichten gewonnen werden können, die in der Praxis nur schwer oder gar nicht überprüfbar wären.

Ein klassisches Beispiel ist eines meiner liebsten Gedankenexperimente von Erwin Schrödinger. Es heißt konsequenterweise Schrödingers Katze: In diesem Gedankenexperiment wird ein hypothetisches Szenario konstruiert, in dem eine Katze gleichzeitig lebendig und tot ist, solange ihr Zustand nicht beobachtet wird, um die Paradoxien der Quantenmechanik zu veranschaulichen. Es ist vergleichbar mit dem Licht im Inneren eines Kühlschranks.

Gedankenexperimente sind dabei nicht auf einen Fachbereich beschränkt: In den Naturwissenschaften helfen sie physikalische Gesetzmäßigkeiten oder Modelle zu testen, in den Geisteswissenschaften und der Philosophie dienen sie dazu, ethische, logische oder gesellschaftliche Fragestellungen zu reflektieren. So verbinden Gedankenexperimente kreatives Denken mit analytischer Präzision und eröffnen Wege, die sowohl theoretische Erkenntnisse als auch praktische Implikationen beleuchten können.

Verwendete Literatur

[1] Michael Quante: Gedankenexperiment. In: Metzler Lexikon Philosophie. Begriffe und Definitionen. 3. erweiterte und aktualisierte Auflage. Hrsg. von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. Stuttgart 2008, S. 196.

[2] Martina Peters/Jörg Peters: Der Einsatz von Gedankenexperimente im Philosophie- und Ethikunterricht. In: Philosophieren mit Gedankenexperimenten- Methoden im Philosophie- und Ethikunterricht. Band 2. Hg. von Martina und Jörg Peters. Hamburg 2020, S. 8-9.

[3] Ernst Mach: Erkenntnis und Irrtum. Skizzen zur Psychologie der Forschung. Wien 1905, S. 185.

[4] Ebd.

[5] Ebd., S. 186.

[6] Ernst Mach: Über Gedankenexperimente. In: Zeitschrift für den Physikalischen und Chemischen Unterricht. Zehnter Jahrgang (1897), S. 2.

[7] Über Gedankenexperimente, S. 4.

[8] Ebd.

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Worum geht es?

Worum geht es? Dieser Blog dient dem Interpretieren von Literatur, Filmen und Kunst, individuellen Erfahrungen und der Realität. Die Analysen und Interpretationen erfolgen als Gedankenexperimente im Rahmen einer Beschäftigung mit dem Erzählen, literarischen Figuren, historischen Personen sowie realen Menschen unter Anwendung literaturwissenschaftlicher Theorien und Methoden.

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