Uwe Timms Rennschwein Rudi Rüssel – Schwein oder nicht Schwein?

Rennschwein Rudi Rüssel in vollem Galopp.

Zuletzt aktualisiert am 27. April 2026

Was ist Rennschwein Rudi Rüssel? – fragte ich mich neulich, als ich mir Uwe Timms Die Entdeckung der Currywurst im Antiquariat besorgte. Etwas dämmerte mir erst dunkel, dann heller. Das war Lektüre aus der Grundschule! Zeit, die Erinnerung aufzufrischen. Rennschwein Rudi Rüssel also! Für 1 Euro hab ich doch glatt noch einmal zugelangt und mir den Schnapper gesichert. Das Buch gehörte einst einem gewissen Lukas aus der 5a – geschrieben in marineblauer Füllfederhalterschrift. Ich schreibe auch gerne mit Füller. Jedenfalls – mich interessieren neben der Verwendung des Wortes „Schwein“ in verschiedenen Handlungszusammenhängen auch gesellschaftskritische Aspekte.

Warum ist Rennschwein Rudi Rüssel pädagogisch wertvoll?

Bevor ich in den Text einsteige, kurz die Frage vorweg, warum sich der Roman im Unterricht lohnt – falls Lehrkräfte hier mitlesen. Rennschwein Rudi Rüssel gehört zu den Kinderbüchern, die unter der humorvollen Oberfläche erstaunlich viel verhandeln, ohne belehrend zu werden: Empathie für Tiere und die Frage, warum wir Hund und Schwein eigentlich so unterschiedlich behandeln; Konsum- und Bürokratiekritik, eingebaut mit so leichter Hand, dass sie nicht als Botschaft daherkommt, sondern als Teil der Geschichte; und nebenbei eine spielerische Sprachsensibilisierung, weil der Roman Redewendungen rund ums Schwein („mein Schwein pfeift“, „daraus wird kein Schwein klug“) nicht nur einstreut, sondern in konkrete Szenen auflöst, sodass der übertragene Sinn sich aus der Handlung selbst ergibt. Was darüber hinaus pädagogisch wertvoll ist – Familienzusammenhalt, gemeinsames Problemlösen, kritisches Denken – ergibt sich beim Lesen ohnehin und muss nicht extra ausgeflaggt werden.

Worum geht es in Rennschwein Rudi Rüssel?

Der Roman erzählt die Geschichte eines namenlosen Jungen, der mit seiner jüngeren Schwester Zuppi, der älteren Schwester Betti und seinen Eltern bei der Tombola eines Feuerwehrjubiläums auf einem Dorf ein Ferkel gewinnt. Während die Kinder von dem neuen Familienmitglied begeistert sind, ist der Vater, ein arbeitsloser Ägyptologe, alles andere als erfreut. Nach einigen humorvollen und abenteuerlichen Ereignissen, bei denen das Rudi getaufte Schwein immer wieder für Probleme sorgt, wird es schließlich auf einem Bauernhof untergebracht. Als der Bauernhofinhaber plötzlich stirbt, verkauft sein Sohn die Schweine an einen Schlachthof. Rudi wird von der Familie in letzter Sekunde gerettet und zurück in die Wohnung gebracht. Als der Vermieter Rudi entdeckt, kündigt er das Mietverhältnis, sodass die Familie eine neue Bleibe suchen muss. Das stellt sich aus vielen Gründen als schwierig heraus, doch schließlich finden sie ein Haus auf einem Sportgelände. Rudi wird zunächst das Maskottchen der Fußballmannschaft und der Vater findet als Platzwart übergangsweise Arbeit. Zuletzt macht Rudi sich beim Schweinerennen einen Namen und verliebt sich in das Schweinemädchen Gullinborsti. Sie beiden werden ein glückliches Schweinepaar, gründen eine Familie und leben glücklich auf dem Bauernhof.

Zum Autor Uwe Timm – Leben und Werk

Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Seine Kindheit und Jugend waren stark von den Folgen des Zweiten Weltkriegs geprägt. Sein älterer Bruder fiel 1943 als Freiwilliger bei der Waffen-SS, ein Thema, das Timm später in seinem autobiografischen Werk Am Beispiel meines Bruders (2003) verarbeitet hat. Nach einer Kürschnerlehre (Pelzhandwerk) studierte er Germanistik und Philosophie in München und Paris. Timm gilt als politisch engagierter Schriftsteller, der sich mit den großen Fragen der deutschen Geschichte auseinandersetzt. Zu wichtigen Motiven gehören die Erinnerungskultur (z. B. NS-Zeit in Am Beispiel meines Bruders), soziale Gerechtigkeit und Kapitalismuskritik, Alltagsgeschichten mit tiefgründigem Hintergrund und humorvolle Gesellschaftskritik. Mit Rennschwein Rudi Rüssel (1989) schuf er eines seiner bekanntesten Kinderbücher. Die Geschichte verbindet humorvolle Familienunterhaltung mit unterschwelliger Gesellschaftskritik. Das Buch wurde 1995 verfilmt und mehrfach für Theater adaptiert, ist in über 25 Sprachen übersetzt worden und auch für Erwachsene ansprechend. Weitere bekannte Werke sind Die Entdeckung der Currywurst (1993) – eine Mischung aus historischer Reflexion und Alltagsgeschichte über die deutsche Nachkriegsgesellschaft; Johannisnacht (1996) – ein satirischer Roman über die deutsche Wiedervereinigung oder Rot (2001) – eine kritische Auseinandersetzung mit den Idealen der 68er-Generation. Timm hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter zum Beispiel den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (2012). Sein Werk bleibt relevant, da es gesellschaftliche und politische Fragen anspricht, die auch heute noch aktuell sind. Uwe Timm ist ein Autor, der Literatur als Reflexionsmedium für Geschichte, Gesellschaft und Politik nutzt. Seine Bücher sind oft leicht zugänglich, aber mit einer unterschwelligen Tiefgründigkeit, die sie auch für Erwachsene interessant macht. Rennschwein Rudi Rüssel ist dabei ein Beispiel, wie er auf unterhaltsame Weise Gesellschaftskritik in ein humorvolles Kinderbuch einbettet.

Warum ist Rudi Rüssel ein Schwein?

Na, weil sonst die tolle Alliteration mit Rennschwein Rudi Rüssel aus dem Titel nicht funktionieren würde! Spaß beiseite. Wir müssen uns dafür ein wenig mit dem Schwein als Tier und Begriff an sich auseinandersetzen, mit seiner Semantik und Symbolik, die auch im Roman aufgerufen wird. Schweine symbolisieren nämlich eine Vielzahl von Eigenschaften, die von Wohlstand und Fruchtbarkeit bis zu Gier, Unreinheit und sogar Macht reichen und je nach Kontext variieren können. Und weil Rudi ein Schwein ist, dient er als Verbindungspunkt zwischen zwei Polen der Gesellschaft: Er ist ein Nutztier, das zum Haustier wird; ist ein Hausschwein, das zum festen Familienmitglied wird. Die Familie kommt ständig in Konfliktsituationen, weil Rudi eben kein „normales“ Haustier ist wie ein Hund oder eine Katze. Dazu gesellen sich dann noch ökologische Aspekte um Tierschutz und Massentierhaltung, die auch einhergehen mit Konsumkritik an der Wohlstandsgesellschaft. Nimmt man das Entstehungsdatum des Romans – 1989 – dann gewannen gerade in den 80ern Umweltbewegungen an Einfluss. Themen wie Massentierhaltung, Tierschutz und Vegetarismus wurden stärker diskutiert. Die Art, wie die Familie mit Rudi umgeht, stellt eine ironische Brechung der üblichen Mensch-Tier-Beziehung dar: Statt ihn zu essen, wird das Schwein zum Familienmitglied. Dadurch hinterfragt das Buch spielerisch gesellschaftliche Normen der Tiernutzung. Und bei der Nutzung spiegelt sich gerade an Rudi als Schwein, also als ursprünglichem Nutztier, die Frage wider, wie man mit einem „nutzlosen“ Tier umgeht. Und ich meine nutzlos, weil er die ihm als Schwein vom Menschen zugedachte Zweckmäßigkeit als Fleischlieferant nicht erfüllt. Das Schwein wird nicht als wirtschaftlicher Besitz (Schlachtvieh), sondern als individuelles Lebewesen betrachtet – eine Kritik an der Zweckrationalität der Gesellschaft. Bevor ich weiter auf diese kulturellen Kriterien eingehe, will ich aber noch etwas in den Text schauen und narrative Funktion des Schweins untersuchen.

Ein süßes Schwein

Das Dreckschwein als Erziehungsmaßnahme

»Dieses kleine Dreckschwein«, (S. 16) schreit der Vater, als Rudi mit dreckigen Klauen über seine Pergamente läuft. Dabei hat er von Anfang an Vorurteile:

»Schweine sind immer dreckig«, sagte Vater. »Sie lieben den Dreck. Was meint ihr wohl, woher das kommt, wenn man sagt, jemand isst wie ein Schwein oder das Zimmer ist wie ein richtiger Schweinestall.« (Uwe Timm: Rennschwein Rudi Rüssel. Ein Kinderroman mit Bildern von Gunnar Matysiak. Bearbeitete Neuausgabe nach den Regeln der Rechtschreibreform. 18. Auflage. München 2004, S. 10)

Tja, wer hat als Kind nicht schon einmal diese „nützliche“ erzieherische Praktik über sich ergehen lassen müssen? Ich kenne noch die Steigerung: Saustall! Zugegeben, ich war nicht das ordentlichste Kind. Aber kreatives Chaos hat seinen Zweck und es gibt eben wichtigere Dinge im Leben als Ordnung im Kinderzimmer. Schön war auch: Hier sieht es aus wie bei Hempels unter’m Sofa (immer noch keine Ahnung, wer die waren). Oder: Du willst doch nicht bei den Hotten-Totten enden (diskriminierende Reminiszenzen vom kolonialen Erbe Halloho!). Jedenfalls wird später deutlich, dass Rudi wie ein Hund zur Reinlichkeit erzogen werden kann und artig auf sein eigenes Torfmullklo geht. Was das Buch ebenfalls ausgezeichnet macht (da bin ich ja nicht die erste Person, die das nach knapp 40 Jahren feststellt), sind die eingeschobenen Erklärungen bzw. Auflösungen und Aufklärungen der Vorurteile. So wird auch das Label „Dreckschwein“ aufgehoben.

„Dreckig werden [Schweine] nur, weil die Menschen sie so dreckig in kleinen Ställen halten. Hin und wieder wälzen sie sich im Schlamm, und das auch nur um sich vor den Stichen der Insekten zu schützen. Jedenfalls hielt sich Rudi selbst sehr sauber.“ (S. 27)

Nicht nur das Vorurteil ist menschengemacht, auch das dreckige Schwein als Tier ist nur dreckig, weil der Mensch verantwortlich ist. Übrigens lässt sich die Verwendung vom Schwein als dreckliebendes Wesen bis ins Mittelalter verfolgen. Von Schweinen als unreinen Tieren wird bereits mehrfach in der Bibel hingewiesen.

Das Dreckschwein - ein Vorurteil gegenüber Schweinen von Birgit Böllinger-auf-pixabay

Die Funktion der metareflexiven Inszenierung des Dreckschweins Rudi

Dass Rudi das Rennschwein einmal als Dreckschwein bezeichnet wird, das dann tatsächlich dreckig ist und sogar als kleine Zeichnung auf der besagten Seite am oberen Rand im Roman auftaucht, ist dann keine einfache Redundanz. Es handelt sich je nach wissenschaftlichem Ansatzpunkt um eine entfaltete oder auserzählte Metapher, eine Ironisierung ist ebenfalls möglich und natürlich werden Metaebenen aufgemacht. Diese Metaebenen bestehen im genannten Beispiel in der Übertragung auf das Zimmer der Kinder – die Kinder werden mit dem Schwein Rudi gleichgesetzt. Zudem findet eine Ironisierung bestehender gesellschaftlicher Vorurteile statt – Schweine sind dreckig –, die schließlich entlarvt und aufgehoben wird. Man hat sich eben nicht die Zeit genommen, diese Vorurteile aufzudecken. Das Dreckschwein ist insofern eine metareflexive Spielerei, die wörtlich genommen wird, mit der Timm aber auch sprachlich spielerisch umgeht. Er inszeniert diese narrative Auflösung anhand der Figurenkonstellation der Familie, integriert pädagogische Erziehungsmaßnahmen und lädt sie mit tradierten Wissenselementen auf und setzt alles in einem aufklärenden Konsens zusammen. Das mag auch ein weiterer Grund sein, warum Rudi ein Schwein ist, denn es gibt viele weitere narrative Spielereien, die sich ebenfalls im Roman wiederfinden.
Übrigens lässt sich die Verwendung vom Schwein als dreckliebendes Wesen bis ins Mittelalter verfolgen. Solche kulturellen Zuschreibungen funktionieren oft umgekehrt zur Wirklichkeit – das Einhorn als Symbol absoluter Reinheit zeigt das in einer Variante, in der die Zuschreibung das Tier eher unsichtbar macht als kenntlich. Von Schweinen als unreinen Tieren wird bereits mehrfach in der Bibel hingewiesen.

Rudi als Hieroglyphenschwein

Der Vater ist wie gesagt Ägyptologe, zwar momentan arbeitslos, doch emsig mit seiner Forschung beschäftigt, sodass überall mit Hieroglyphen beschriftete Pergamente herumliegen, die er fokussiert betrachtet. Es gibt da eine weitere Textstelle, die mit dem soeben entlarvten Wortspiel um das Dreckschwein zusammenhängt. Rudi rennt mit dreckigen Klauen über das mit Hieroglyphen beschriftete Pergament.

[Der Vater] stand da und starrte auf das am Boden liegende Pergamentpapier, über das Rudi gelaufen war und auf dem seine dreckigen Klauen ihre Spuren hinterlassen hatten. Wie kleine Keile und Balken standen sie zwischen den anderen Schriftzeichen.
»Papa«, sagte Zuppi ganz leise, »ist dir nicht gut?« Und dann sagte sie noch: »Schweine sind doch sehr lustige Tiere, nicht?«
Aber Vater stand und schwieg, als sei er plötzlich taub geworden, und starrte auf seine Hieroglyphen mit Rudis Abdrücken.
»Interessant«, sagte Vater endlich. »Wenn man Rudis Zehenabdrücke mitliest, kommt ein ganz neuer Sinn aus der Inschrift. Da steht nämlich jetzt: Den Vater ließ alles kalt, was er nicht ändern könnte.« (S. 16-17)

Und zwar hat Rudi ein sehr wertvolles Dokument beschmutzt, wenn nicht sogar zerstört, das der Vater für seine Forschung benötigt.

Versuch der Auflösung des Begriffs Hieroglyphenschwein

Einige Male soll Rudi aus der Wohnung verschwinden. Doch die Kinder sind sehr einfallsreich, den liebgewonnenen Freund bei sich zu behalten. So hat Zuppi eine Idee:

»Wir machen Rudi zu einem Hieroglyphenschwein.« Das hat er [der Vater] bestimmt noch nicht gesehen.
»Und wie willst du das machen?«
»Wie beschriften ihn.«
»Und was willst du draufschreiben? Papas Liebling?«
»Quatsch. Diesen Satz, der Papa so gefallen hat und bei dem Rudi ja auch mitgeholfen hat: Den Vater ließ alles kalt, was er nicht ändern konnte.« (S. 20).

Kurzerhand wird Rudi also mit dem wasserfesten Augenbrauenstift der Mutter beschriftet und dem Vater vorgeführt, sodass Rudi bleiben darf.

Betrachten wir nun den Neologismus »Hieroglyphenschwein« näher (denn das Wort gibt es ja so nicht) erkennen wir zunächst, dass hier zwei verschiedene Begriffe aufeinandertreffen und zu einem Wort verbunden werden. Hieroglyphen sind alte Schriftzeichen, die aus einer hochentwickelten Kultur stammen, das Schwein ist im Alltagsjargon etwas, das (wie erörtert zu Unrecht) mit Schmutz oder Albernheit verbunden wird. Es treffen also zwei Pole aufeinander. Aber das war noch lange nicht alles!

Kurze Info zu Hieroglyphen

Hieroglyphen sind Bildzeichen, die vor allem aus dem alten Ägypten stammen und seit etwa 3000 v. Chr. verwendet wurden, um Sprache schriftlich festzuhalten. Wörtlich bedeutet Hieroglyphe »heilige Einritzung«. Es stammt aus dem Griechischen hieros – heilig und glyphein – ritzen oder schneiden. Der Anfang der Zeile beginnt dort, wo die Figuren hinschauen, das können Vögel sein oder Personen. Man findet Hieroglyphen auf Tempelwänden, Grabkammern oder Papyri. In Rennschwein Rudi Rüssel ist der Vater Ägyptologe und beschäftigt sich mit der Übersetzung von Hieroglyphen. Für ungeschulte Personen sind Hieroglyphen unleserliche Zeichen, sie stehen daher im allgemeinen Sprachgebrauch für Rätselhaftigkeit, Historie und teilweise auch magische Elemente. Man kennt vielleicht auch den Spruch: Das sieht ja aus wie Hieroglyphen“, wenn etwas als unleserlich oder kompliziert bezeichnet wird.

Also das hier wäre mein Name in Hieroglyphen, gelesen von links nach rechts – Chat GPT hat geholfen:

Der Name Katrin in Hieroglyphen.

Die Funktion des Begriffs »Hieroglyphenschwein« in Rennschwein Rudi Rüssel

Als Wortschöpfung folgt das Hieroglyphenschwein einem Verfahren, das man aus ganz unterschiedlichen literarischen Kontexten kennt – von dadaistischer Lyrik, die ihre Effekte aus der Kollision unverbundener Elemente zieht, bis zu satirischen Glossen, in denen ein vergleichbarer Kniff funktioniert (man könnte etwa schreiben: „Das neue Formularwesen ist ein Hieroglyphenschwein“). Was diese Verfahren teilen, ist der Reiz der semantischen Reibung: zwei Felder, die nichts miteinander zu tun haben sollten, werden in einem Wort zusammengezwungen und erzeugen genau dadurch Bedeutung. Bei Timm trifft das Heilig-Archaische der Hieroglyphe auf das Alltäglich-Derbe des Schweins, und beide Pole bleiben im neuen Wort spürbar. Das ist kein bloßer Gag, sondern eine sprachreflexive Geste: Der Roman macht hier vor, was er an anderer Stelle erzählt – dass Sprache Bedeutung produziert, indem sie Dinge, die nicht zusammengehören, zusammenbringt.

Die konkrete Szene macht das anschaulich: Dass die Kinder Rudi mit dem wasserfesten Augenbrauenstift der Mutter beschriften, wirkt zunächst ironisch, grotesk oder surreal. Witzig ist meiner Ansicht die Tatsache, dass ja Pergament aus der Haut von Schafen, Ziegen und Kälbern hergestellt wurde, also ein organischer Beschreibstoff. Schweinepergament ist dicker und wurde nach meinen Recherchen eher für Einbände verwendet, denn für direkte Beschriftungen. Aber hier findet die Beschriftung eines lebenden Pergamentes statt – Rudi Rüssel. Dann sind es auch noch Hieroglyphen. Die Übersetzungssituation – ein Historiker übersetzt einen altertümlichen Text, der auf die Haut eines toten Tieres geschrieben wurde wird hier verkehrt – die altertümlichen Schriftzeichen stehen auf einem lebenden Tier und wurden zudem noch falsch interpretiert! Wenn ich in die Zeit zurückreisen könnte, dann wäre Sebastian Brant einer meiner erster Ansprechpartner für ein paar wirklich wichtige Fragen. Dann käme Hartmann von Aue dran und ich würde mich mit Goethe gutstellen und ihn auf seine Farbenlehre ansprechen.

Das Schwein als Hieroglyphe

Anders als Rinder und Katzen war das Schwein im alten Ägypten nicht besonders beliebt, obwohl es einen festen Platz als Symbol in der Hieroglyphenschrift hatte – auch die unliebsamen Dinge sind halt Teil der Sprache (auch wenn sich beispielsweise in Harry Potter nur wenige trauen, den Namen eines gewissen Antagonisten auszusprechen). Zudem galt das Schwein auch als unrein, wurde aber trotzdem als Nutztier gehalten.

Literarischer Einsatz

In Rennschwein Rudi Rüssel wird tatsächlich Sprache thematisiert, wie an dem Beispielauszügen veranschaulicht. Wenn der Vater sich mit dem Satz »Den Vater ließ alles kalt, was er nicht ändern konnte« obdes zerstörten Pergaments durch Rudi einfach beruhigen will, erkennen die Kinder diese Ironie nicht und denken tatsächlich, dass Rudi mit seinem Getrampel dem Vater bei der Übersetzung geholfen hätte, dass er nun den Satz mit Hilfe von Rudis Spuren endlich entziffern konnte. Auf einer Metaebene wird insofern der Umgang mit Übersetzungspraktiken und Verschriftlichung auf zur Verfügung stehenden Materialien inszeniert; und dass, weil die Kinder Ironie aufgrund der Verkehrung des Gesagten nicht verstehen können. Ironie ist, wenn man etwas sagt, aber das Gegenteil meint. Kinder denken oft wörtlich, weil das Gehirn sich in dem Alter noch auf das Offensichtliche fokussiert. Ironie braucht zum Verständnis aber auch Sprachgefühl, Kontextwissen und Empathie, weil man spüren muss, was gemeint ist. Kinder entwickeln die Fähigkeiten zum Verständnis von Ironie erst später. Vielleicht interpretiere ich aber auch zu viel hinein. Dann wäre mein Geschreibsel für viele Leserinnen und Leser auch nur „hieroglyphisch“.

Das Schwein als Glücksbringer

»Vielleicht bringt das Schwein ja Glück« (S. 28) – sagt der Vater, als er auf einen Kongress der Ägyptologen fährt und sich durch den Besuch eine Anstellung erhofft. Was hier durch die literarische Figur benannt wird, ist der vielfache Glauben vom Schwein als Glücksbringer. Der griechischen Göttin Demeter opferte man in der Antike Schweine und die Göttin Freya hatte den Beinamen „Syr“, was so viel wie Sau bedeutet. In China steht das Schwein heute noch für Glück und Zufriedenheit. Und gerade, weil es sich um tradiertes Wissen handelt, kann auch der Vater in der Familie aus Rennschwein Rudi Rüssel vom Glückschwein sprechen – hat Uwe Timm dies als Teil der kulturellen Gemeinschaft gewusst und konnte es im Roman verarbeiten. Rudi wird als Glückschwein sogar mit einem vierblättrigen Kleeblatt zeichnerisch im Roman abgebildet. Als die Familie später notgedrungen aus der Wohnung ziehen muss und durch glückliche Umstände eine neue Bleibe in einem Haus am Sportplatz findet, erklärt der Vater: »Das nenne ich Schwein«. (S. 84). Es handelt sich hier ebenfalls um eine lange tradierte Redewendung. Schon im Mittelalter bekamen Verlierer von Turnieren als Trostpreis Schweine überreicht – eigentlich zum Hohn aller Anwesenden. Doch war das Schwein ein Gewinn für den Verlierer, der sonst nichts bekommen hätte. Und da Schweine als Nutztiere sehr wertvoll waren, hatte der Verlierer »Schwein gehabt« – im wahrsten Wortsinn. So auch die Familie im Roman. Weil der Vermieter Rudi als Hausschwein nicht duldet, verliert die Familie die Wohnung, doch der Vater bewirbt sich als Platzwart und erhält die Stelle, zu der das kostenlose Wohnen im Haus am Sportplatz gehört. Insofern war Rudi der Auslöser für die Wohnungskündigung, zugleich hat er aber im Sinne der Redewendung symbolisch gemäß der Tradierung für das Glück der neuen Bleibe gesorgt.

Das Schwein ist oft auch als Glücksbringer bekannt - Bruno von Pixabay

Rudi Rüssel quiekt – Ich glaub, mein Schwein pfeift

Als die Eltern auf dem Kongress sind, will ein Einbrecher in die Wohnung vordringen, was Rudi Rüssel aufgeregt quiekend den Kindern meldet.

Wir lagen im Kinderzimmer in unseren Betten. Betti las »Karlsson vom Dach«. Zuppi sah sich die Schweine in dem Bilderbuch »Das Schweinchen Bobo« an und ich las zum dritten Mal »Die Schatzinsel«, das ist mein Lieblingsbuch. Da kam plötzlich Rudi ins Zimmer gelaufen. Er quiekte aufgeregt, lief hin und her, und dann wieder hinaus, so als wolle er uns auf etwas aufmerksam machen. Sein Quieken wurde fast zu einem Dauerton, wie ein pfeifen.
»Ich glaub, mein Schwein pfeift«, sagte Zuppi. (S. 28-29)

Hier findet wieder eine ironische Übertragung statt, wobei Zuppi sich einer bekannten Redewendung bedient, die sie sicher irgendwo aufgeschnappt haben wird – schließlich quiekt Rudi und pfeift nicht. »Ich glaub, mein Schwein pfeift“ ist eine umgangssprachliche, humorvolle Redewendung im Deutschen, die meist verwendet wird, um Überraschung, Unglauben oder Erstaunen auszudrücken. Es wird gesagt, wenn etwas Unerwartetes oder Unglaubliches passiert oder wenn jemand etwas völlig Ungewöhnliches oder Abwegiges behauptet. Die Redewendung spielt auf die absurde Vorstellung an, dass ein Schwein pfeifen könnte, was natürlich in der Realität nicht passiert – Schweine können nicht pfeifen. Der Ausdruck ist eine Art humorvolle Übertreibung und wird oft verwendet, um zu zeigen, dass etwas so ungewöhnlich oder überraschend ist. Der Ausdruck hat sich in der deutschen Sprache gut etabliert und wird häufig in lockeren oder humorvollen Gesprächen verwendet.

Das Prinzip der Etablierung Tradierung von Wissen

Tatsächlich wird im Roman der Spruch auch erklärt – die kleinen Leserinnen und Leser lernen also noch etwas.

Von diesem Einbruch blieb uns noch ein Spruch. Nämlich das, was Zuppi gesagt hatte, als Rudi so aufgeregt herumquiekte: »Ich glaub, mein Schwein pfeift.«
Ein Spruch, der meint, dass man über etwas erstaunt und sehr verwundert ist. Dieser Spruch setzte sich erst in der Familie, dann bei unseren Schuldfreunden, schließlich auch bei entfernten Bekannten durch. So dass ich ihn, gut drei Monate später, sogar aus dem Mund meines Mathematiklehrers hörte, der statt seines Mathematikbuches einen Krimi aus seiner Aktentasche zog, das Buch erstaunt in der Hand hielt und sagte: »Ich glaub, mein Schwein pfeift.« (S. 33-34)

Ich persönlich finde diese Beschreibung zum einen witzig, zum anderen auch sehr interessant. Denn beschrieben wird hier auf kleinstem Raum zunächst einmal die Etablierung einer Redewendung in den geläufigen Sprachgebrauch. Das Lustige daran ist aber, dass dem Jungen die Einordnung in den kulturellen Kontext fehlt – er weiß nicht, dass die Redewendung bereits vor Zuppis Erwähnung bestanden hat und jedem geläufig ist. Aber das Interessante ist wiederum, dass die Entstehung einer sich verbreitenden Redewendung narrativ inszeniert wird. Redewendungen und Sprichwörter entstehen oft spontan und verbreiten sich dann durch alltägliche Gespräche, Medien und die Kultur oft über Generationen hinweg.

Und aus dem Grund kann Zuppi in der dargestellten Situation diesen Ausdruck für den quiekenden Rudi benutzen und der junge dann feststellen, dass er von vielen anderen Menschen aus seinem Bekanntenkreis ebenfalls benutzt wird.

Narrativ inszenierte Redewendungen in Rennschwein Rudi Rüssel

Schweine sind sehr intelligente Tiere, wie das Sprichwort schon sagt: »Daraus wird kein Schwein klug.« Das meint doch, dass nicht einmal ein Schwein das Problem verstehen könnte. Oder: »Der ist so dumm, dass ihn die Schweine beißen.« Das bedeutet, dass Schweine sich über die Dummheit so ärgern, dass sie die Leute beißen wollen. (S. 49)

Ich würde „daraus wird kein Schwein klug“ eher als Redewendung denn als Sprichwort bezeichnen. Es ist eine weitere humorvolle und bildhafte Redewendung im Deutschen. Sie wird verwendet, um auszudrücken, dass eine Sache völlig unverständlich oder undurchschaubar ist, sodass niemand, auch nicht das „Schwein“, daraus schlau werden kann. Es deutet darauf hin, dass eine Situation oder ein Problem zu kompliziert oder verwirrend ist, um eine Lösung oder Erklärung zu finden.

Im Wortlaut bedeutet es also, dass selbst ein Schwein, das in der Regel als Symbol für etwas Einfaches oder Unverständliches verwendet wird, bei diesem Problem nicht klug wird. Es ist eine eher spöttische Art zu sagen, dass etwas so schwierig oder unsinnig ist, dass niemand einen klaren Schluss daraus ziehen kann.

In Rennschwein Rudi Rüssel dient dieser Abschnitt dazu, im allgemeinen Sprachgebrauch bekanntes Wissen über das dreckige und einfach gestrickte Schwein ad absurdum zu führen.

Rudi Rüssel braucht eine künstlerische Genehmigung

Zwar hat die Familie nach dem Rauswurf durch den Vermieter auf dem Haus am Sportplatz eine neue Bleibe gefunden, doch gibt es wieder Probleme mit Rudi Rüssel. Der Verein verlangt eine behördliche Genehmigung, dass Rudi für eine künstlerische Betätigung gebraucht wird. Man überlegt nun fieberhaft, wie man Rudi zu einem „Kunst-Schwein“ (S. 84) machen könnte. Rudi jedenfalls kann zumindest keine Eier in Löffeln balancieren, weil er sie lieber frisst. Doch das Haus am Sportplatz hat Vorteile – Rudi entdeckt beim Mannschaftstraining seine Liebe zum Rennen und wird zum Maskottchen. Der neue Job wird von der Behörde sofort als künstlerischer Nachweis anerkannt. Und auch die Medien lieben Rudi, betitelt die Zeitung ihn als „Trainingsschwein“ (S. 94).

Dass eine offizielle Genehmigung für Rudis „künstlerische Betätigung“ benötigt wird, ist an sich schon eine absurde und überzogene Vorstellung. Diese Idee könnte als eine satirische Übertreibung der Bürokratie und der Regeln in der Gesellschaft verstanden werden, die manchmal auf den ersten Blick völlig unsinnig oder unnötig erscheinen.

Überzeichnete Kritik an absurder Bürokratie in Rennschwein Rudi Rüssel

Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Rennschwein Rudi Rüssel die Absurdität bestimmter gesellschaftlicher Normen aufgreift und humorvoll thematisiert. Gleichzeitig spiegelt sich der Wunsch der Familie, Rudi als Haustier in ihr Familienleben zu integrieren wie einen Hund oder eine Katze, die keine Genehmigung bedurft hätten. Gezeigt wird, wie absurd es erscheint, dass ein Schwein wie ein Mensch behandelt wird und gleichzeitig mit denselben bürokratischen Hürden konfrontiert wird wie Menschen in der Gesellschaft. Es wird eine Kritik an der Überregulierung und den manchmal unsinnigen Vorschriften deutlich, die das Leben unnötig komplizieren können. Die satirische Überzeichnung von Behörden und Vorschriften in der Geschichte spiegelt eine verbreitete Skepsis gegenüber bürokratischen Strukturen wider, die in Westdeutschland in den 1980ern spürbar war. Die absurde Bürokratie, die sich mit Rudi befasst, kann als Kommentar auf überregulierte Systeme und die oft humorlosen Reaktionen von Institutionen verstanden werden.

Rudi Rüssel als Teil der Familie

Rudi hat im Roman schon fast schon menschliche Züge. In diesem Sinne erhält die soeben benannte behördliche Genehmigung, die für seinen Aufenthalt bei der Familie notwendig wird, groteske Züge. Die Vermenschlichung beginnt schon kurz nach der Taufe des Ferkels auf Rudi Rüssel. Da die Nächte recht kühl seien, könne man Rudi nicht einfach in den Garten setzen, so die Mutter (S. 12). Daher wohnt Rudi zunächst auch im Badezimmer. Der Vater redet zum Beispiel oft nur von »dem Schwein«, das aus dem Haus muss oder weg, während alle anderen Rudi sagen und das Tier beim Namen nennen. Rudi wird durch seinen Namen und die Zugehörigkeit zur Familie vom Nutztier Schwein abgegrenzt und stellt einen individuellen Charakter im Familiensystem dar. Wenn der Junge für den Deutschunterricht einen Aufsatz mit dem Titel »Die Ohren als Stimmungsträger des Hausschweins« schreibt und Rudi als Anschauungsobjekt dann aufgrund der Stellung der Ohren spezifische Emotionen wie Wut, Trauer, Angriffslust und mehr unterstellt, wird das Schwein bis zu einem gewissen Grad vermenschlicht. Rudis Lieblingsessen ist Kartoffelmuß und ihm wird Einsamkeit unterstellt, wenn er beim gemeinsam verbrachten Weihnachtsfest nicht anwesend sein kann. Darüber hinaus kann Rudi auch betrunken sein (S. 135), Kaffee trinken zum Nüchternwerden (S. 136) und sich verlieben (S. 111).

Rennschwein Rudi Rüssel in vollem Galopp.

Konsumkritik in Rennschwein Rudi Rüssel

In den 1980er Jahren war Westdeutschland eine gefestigte Konsumgesellschaft. Die Menschen lebten in Wohlstand, aber auch mit wachsendem Bewusstsein für ökologische und soziale Fragen. In Rennschwein Rudi Rüssel spiegelt sich dies in der Konfrontation zwischen der bürgerlichen Familie und der Frage wider, wie man mit einem „nutzlosen“ Tier umgeht. Das Schwein wird nicht als wirtschaftlicher Besitz (Schlachtvieh), sondern als individuelles Lebewesen betrachtet – eine Kritik an der Zweckrationalität der Gesellschaft. Damals entstand eine Gegenbewegung zu Wegwerfmentalität und Massenproduktion. Bio-Lebensmittel, vegetarische Ernährung und nachhaltiger Konsum waren Nischenthemen, gewannen aber langsam an Bedeutung. Heute dagegen ist nachhaltiger Konsum ist ein zentrales Thema. Konzepte wie „Zero Waste“ oder „Veganismus“ sind keine Randerscheinungen mehr, sondern Teil der gesellschaftlichen Debatte. Unternehmen reagieren auf den Druck der Konsumenten, indem sie nachhaltige Produkte bewerben – oft auch mit Greenwashing.

In Rennschwein Rudi Rüssel zeigt sich Konsumkritik durch die absurde Situation, dass ein Schwein plötzlich nicht mehr nur als Nutz- oder Konsumgut (Essen), sondern als Lebewesen betrachtet wird. Zum Beispiel frisst Rudi Essensreste der Familie und hat einen eigenen Napf.

In den Napf warfen wir unsere Essensreste: Kartoffelschalen, harte Brotrinden, sehnige Fleischstücke, all das, was normalerweise Vater von unseren Tellern nahm und aufaß, weil er sagte: »Essen darf man nicht wegwerfen.« Jetzt schien er regelrecht erleichtert zu sein, dass Rudi für ihn die Reste verputzte. (S. 26)

Diese Umkehrung regt zum Nachdenken an: Warum ist es normal, ein Schwein zu essen, aber absurd, es als Familienmitglied aufzunehmen? Diese Frage ist heute aktueller denn je.

Die Kritik an der Wohlstandsgesellschaft in Rennschwein Rudi Rüssel

Beispielsweise erhält Rudi als Rennschwein zur Belohnung für einen guten Lauf Wiener Würstchen (S. 122). Er frisst sich also selbst bzw. seine eigenen Artgenossen, bedenkt man, woraus Wiener Würstchen gemacht sind. Das ist auf den ersten Blick eine humoristische Beiläufigkeit, bei näherem Hinsehen aber die unauffälligste und zugleich verstörendste Stelle des Romans. Denn Rudi ist an diesem Punkt längst kein Schwein mehr im Sinne der Tombolagewinns, sondern Familienmitglied, Maskottchen, Charakter mit Lieblingsessen und Liebesleben. Dass ihm ausgerechnet das Erzeugnis seiner eigenen Spezies vorgeworfen wird – und er es frisst, ohne dass irgendwer in der Familie aufzuckt – zeigt, wie selbstverständlich die Trennung zwischen dem einen Schwein, das zählt, und dem anderen Schwein, das verzehrt wird, auch in der vermenschlichten Umgebung weiterläuft. Die Familie hat Rudi gerettet, sie behandelt ihn wie einen Hund, sie hängt an ihm – aber das ändert nichts am Würstchenkonsum. Genau hier liegt die eigentliche Schärfe der Szene: Sie macht sichtbar, dass die Vermenschlichung eines einzelnen Tieres die Logik der Massentierhaltung nicht aufhebt, sondern nur eine Ausnahme schafft. Rudi ist gerettet, weil er einen Namen hat. Die anderen Schweine, aus denen die Würstchen gemacht sind, hatten keinen.

Ökologische Debatten und Tierschutz in Rennschwein Rudi Rüssel

In den 1980ern begannen Umweltbewegungen an Einfluss zu gewinnen und Themen wie Massentierhaltung, Tierschutz und Vegetarismus wurden stärker diskutiert. Die Art, wie die Familie mit Rudi umgeht, stellt eine ironische Brechung der üblichen Mensch-Tier-Beziehung dar: Statt ihn zu essen, wird das Schwein zum Familienmitglied. Dadurch hinterfragt der Roman spielerisch gesellschaftliche Normen der Tiernutzung. Immerhin wird Rudi selbst fast zum „Opfer“ des Massentierbetriebs und der Schlachtung, nachdem er an einen Mastbetrieb verkauft und fettgefüttert wurde. Überhaupt muss Rudi Rüssel einen Namen erhalten und als Teil der Familie auch von Leserinnen und Lesern liebgewonnen werden. Das funktioniert besser, wenn er einen Namen erhält und ihm menschliche Emotionen zugestanden werden. Dabei gibt es auf der Suche nach einer artgerechten Bleibe für Rudi Abstecher in die Welt der Massentierhaltung. Zum einen wäre da der Besuch auf einem Bauernhof, auf dem sogenannte Legebatterien betrieben werden.

Die Beschreibung einer Legebatterie in Rennschwein Rudi Rüssel

Der Bauer lud uns ein seine Legebatterien zu besichtigen. Das war kein Hühnerstall, sondern eine lange, moderne Halle. In dieser Halle waren Tausende von Hühnern in langen, schmalen Käfigen untergebracht. Die Hühner saßen da, still und mit einem Ernst, wie wir bei Klassenarbeiten dasitzen. Sie waren ganz auf das Eierlegen konzentriert. Der Bauer ging zu einem Computer, drückte ein paar Tasten und über verschiedene Röhren wurde das Kraftfutter in die durchlaufenden Futterrinnen der Käfige geschüttet. In der Halle war ein rötliches Licht. Das wurde automatisch heller und dunkler und täuschte so den Hühnern einen künstlichen Tag vor, der aber viel kürzer war als der Tag draußen, so legten sie schneller und damit auch mehr Eier. (S. 42)

Die Beschreibung eines Schweinemastbetriebs in Rennschein Rudi Rüssel

In der Halle standen die Schweine in langen niedrigen Käfigen auf Eisenrosten, darunter wurde Mist und Jauche gesammelt und nach außen geleitet. Durch alle Käfige liefen Futterrinnen, in die automatisch aus einem Silo das Kraftfutter gefüllt wurde, und zwar sorgte ein Computer für die richtige Zusammensetzung. Der Schweinemäster war sehr stolz auf die technische Einrichtung, die er gerade neu gekauft hatte. Das Geld hatte er sich von einer Bank geliehen. […]
Er zeigte uns die Lichtanlage, damit man bestimmen konnte, wann die Schweine schlafen und wann sie wachen, also fressen sollte. Denn das war die einzige Aufgabe der Schweine, möglichst viel und schnell zu fressen, damit sie recht bald dick würden um dann geschlachtet zu werden. Die Masthalle war hell erleuchtet, wesentlich sauberer als der Stall vom alten Voß, und doch wirkte das alles traurig. Die Schweine bissen sich, da sie so dicht zusammenstanden, immer wieder gegenseitig die Schwänze oder Ohren ab. Manche Tiere standen hinter den Gitterstäben und wackelten mit den Köpfen hin und her, ohne dass sie uns auch nur ansahen. Langsam gingen wir an den Ställen vorbei und betrachteten die Schweine. […] Überall das gleiche Bild: traurige Schweine, die aus lauter Langeweile fressen, weil sie ja nichts anderes tun können als fressen. Wie fürchterlich musste das für Rudi sein, in so einem winzigen Stall zu sitzen, wo er doch so gern rumrannte. (S. 62-63)

Die Kritik an Massentierhaltung und Tierschutz ist aktuell

Rudi kann im Roman gerade noch gerettet werden – für die meisten Tiere in vergleichbaren Anlagen sieht das kurze Leben so aus, wie der Roman es schildert, und in vielen Punkten unverändert. Die Kritik, die Timm 1989 in zwei knappen Szenen verdichtet, hat heute eher an Schärfe gewonnen: Tierwohl, Umweltbelastung durch Gülle und Futtermittelproduktion, Antibiotikaeinsatz und resultierende Resistenzbildung, schließlich die ethische Grundfrage nach Produktionsmethoden – das alles steht inzwischen auf einer öffentlichen Agenda, auf der es 1989 noch keinen Platz hatte. Was den Roman im Rückblick erstaunlich macht, ist nicht die Aktualität seiner Kritik, sondern dass er sie in einem Kinderbuch unterbringt, ohne den Ton zu verlieren. Die Beschreibungen der Halle und der Schweine, die einander aus Enge die Schwänze abbeißen, sind nicht didaktisiert. Sie stehen einfach da, und ein Kind, das das liest, weiß für den Rest seines Lebens, was eine Mastanlage ist.

Rennschwein Rudi Rüssel – Ende gut, alles gut

Jetzt habe ich kaum etwas über Rudis Karriere als Rennschwein gesagt. Das liegt aber daran, dass ich andere Aspekte im Roman wichtiger fand. Was allerdings aus dieser Phase von Rudis Leben interessant ist, dass er auf dem Rennplatz seine große Liebe kennenlernt: Gullinborsti! Der Name stammt ursprünglich von den Germanen, die den Eber als heiliges Tier verehrten und ihn „Gullinbursti“ tauften – das heißt „der mit den goldenen Borsten“. Gullinbursti begleitete den germanischen Fruchtbarkeitsgott Freyr. Jedenfalls soll Rudi gegen Gullinborsti antreten, doch die Schweine haben ein solches Interesse aneinander, dass sie nicht laufen, sondern sich anschnobern. Man könnte auch sagen – es war Liebe auf den ersten Schnober! Mit der Liebesgeschichte zwischen Rudi und Gullinborsti wird die Vermenschlichung von Rudi abgeschlossen, entwickeln beide nämlich nach ihrer Trennung einen solchen Liebeskummer, dass sie regelrecht abmagern. Rudi hat zuletzt nicht einmal mehr „wärmenden Speck mehr auf den Rippen.“ (S. 153) Erst als sie sich wiedertreffen, geht es ihnen wieder gut.

Moritz hatte Gullinborsti geholt. Da, als Rudi und Gullinborsti einander sahen, galoppierten sie aufeinander zu und rieben ihre Rüssel aneinander. Dann rannten sie über den Hof, schlugen Haken, standen still, beschnüffelten einander, grunzten leise, rannten wieder hintereinander her, quiekten hell. So tobten sie die ganze Zeit im Schnee herum. Dann gingen sie dich nebeneinander in den Stall. Wenn man sie von hinten sah, konnte man deutlich erkennen, wie dünn die beiden geworden waren. (S. 153-154)

Und tatsächlich werden Rudi Rüssel und Gullinborsti Eltern von acht süßen Ferkeln.

Beschluss zu Uwe Timms Rennschwein Rudi Rüssel

Schwein oder nicht Schwein – die Frage des Titels lässt sich am Ende nicht eindeutig beantworten, und das ist kein Mangel des Romans, sondern sein eigentliches Verfahren. Rudi ist Schwein und ist es nicht: Spezies, Tombolagewinn, Maskottchen, Familienmitglied, Charakter mit Lieblingsessen und Liebeskummer, Glücksbringer im wörtlichen wie im redensartlichen Sinn, Hieroglyphenträger, Konsumgut und gerade nicht Konsumgut. Genau diese Vieldeutigkeit macht das Buch zur Reflexion über Kategorien – über die Linien, die wir zwischen Tier und Mensch, Nutztier und Haustier, dem einen Schwein und allen anderen ziehen, ohne sie je begründen zu müssen. Timm macht das nicht im Modus der Belehrung, sondern im Modus des Spiels: mit Sprache, mit Redewendungen, mit der Verkehrung von Übersetzungssituationen, mit der absurden Bürokratie um eine künstlerische Genehmigung, mit der Belohnung des Rennschweins durch das Erzeugnis seiner eigenen Spezies. Was den Roman nach fast vierzig Jahren noch tragfähig macht, ist nicht die Aktualität seiner Einzelthemen – Massentierhaltung, Konsumkritik, Bürokratie –, sondern dieses Verfahren: Eine Frage offenzuhalten, die andere Bücher zu schnell beantworten. Rudi Rüssel bleibt am Ende ein Schwein, das mit Gullinborsti acht Ferkel zeugt. Aber er ist eben auch alles, was er sonst noch geworden ist. Beides gleichzeitig zu denken, übt der Roman ein – ähnlich wie Der Zauberer von Oz seine Figuren in einem produktiven blinden Fleck arbeiten lässt – bei seinen kindlichen Leserinnen und Lesern und, wenn man ihn mit Abstand wiederliest, auch bei den Erwachsenen.
Schwein oder nicht Schwein – der Titel zitiert nicht zufällig die ontologische Grundfrage aus Hamlet. Wie bei Shakespeare lässt sich auch bei Timm die Frage am Ende nicht eindeutig beantworten, und das ist kein Mangel, sondern Verfahren

Katrin Beißner

Rennschwein Rudi Rüssel im Unterricht – Themen und Aspekte

Geeignet für die Klassenstufen 4–6, fächerübergreifend einsetzbar in Deutsch, Sachkunde, Ethik und Sozialkunde.

🐷 Pädagogisch wertvolle Aspekte von Rennschwein Rudi Rüssel:

  • Fördert Empathie und Mitgefühl Kinder identifizieren sich mit dem Schwein und lernen, Tiere als fühlende Wesen zu betrachten, nicht nur als Nutztiere.
  • Verständnis für Verantwortung im Umgang mit Tieren Die Familie muss sich um Rudi kümmern – das zeigt, dass Tiere kein Spielzeug sind, sondern Fürsorge brauchen.
  • Erste Auseinandersetzung mit Massentierhaltung und Tiermast Ohne belehrend zu sein, zeigt das Buch: Schweine werden oft nicht wie Lebewesen behandelt, sondern wie Produkte. Die Beschreibungen von Legebatterie und Schweinemastbetrieb im Roman eignen sich gut für eine erste Auseinandersetzung mit industrieller Tierhaltung im Sachkunde- oder Ethikunterricht.
  • Sensibilisierung für Konsumverhalten Dass Rudi mit Wiener Würstchen belohnt wird, ist ironisch – es führt Kindern spielerisch vor Augen, wie widersprüchlich unser Fleischkonsum ist und wirft die Frage nach der Herkunft tierischer Produkte auf.
  • Gesellschaftskritik kindgerecht verpackt Die Bürokratie rund um Rudis „künstlerische Betätigung“ macht staatliche Regeln und Behörden für Kinder nachvollziehbar – und lädt zum Hinterfragen ein.
  • Stärkt Werte wie Zusammenhalt, Familie und Freundschaft Die Geschichte zeigt, wie eine Familie gemeinsam Probleme löst und auch in schwierigen Situationen zusammenhält – ein wichtiges Vorbild für junge Leserinnen und Leser.
  • Fördert Sprachverständnis durch Redewendungen und Sprichwörter Im Buch tauchen zahlreiche Redewendungen rund um das Schwein auf: → „Ich glaub, mein Schwein pfeift“ – Ausdruck von Überraschung oder Ungläubigkeit. → „Da wird kein Schwein draus klug“ – bedeutet: etwas ist völlig unverständlich. → „Schwein gehabt“ – Ausdruck für unverhofftes Glück. Kinder lernen so bildhafte Sprache kennen und entwickeln ein Gefühl für Bedeutungen im übertragenen Sinn.
  • Fördert kritisches Denken über gesellschaftliche Werte Rudi wird als Familienmitglied behandelt – das wirft Fragen auf: Warum unterscheiden wir so klar zwischen Haustieren und Nutztieren? Was macht den Unterschied aus, und wie willkürlich ist er?
  • Alltagsnähe mit humorvoller Perspektive Der kindliche Blick auf Regeln, Schule, Familie und Tierhaltung hilft jungen Leserinnen und Lesern, die Welt zu verstehen – mit einem Augenzwinkern.

Das beigefügte Arbeitsblatt greift einige dieser Aspekte auf und kann als Einstieg in eine Unterrichtsreihe oder als ergänzendes Material zur Lektüre eingesetzt werden.

Arbeitsblatt zu diesem Beitrag mit Rennschwein Rudi Rüssel

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