Das Erdbeben in Chili – Heinrich von Kleists literarisches Meisterwerk

Zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2025

Bei Heinrich von Kleists Novelle Das Erdbeben in Chili von 1807 handelt es sich um eine Novelle, die man zu den eindringlichsten in der deutschen Literatur zählen kann. Vielerorts wird sie im Schulunterricht besprochen und auch im Kultur- und Literaturbetrieb wird vielfach daran geforscht. In der Tat ist die Geschichte außergewöhnlich, denn es wird eine Liebesgeschichte mit einer Naturkatastrophe verbunden und zudem existenzielle Fragen nach Schuld, göttlicher Gerechtigkeit und menschlicher Moral – ja Gott überhaupt – gestellt.

Das Erdbeben in Chili ist eine der Lektüren, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, aufgrund ihrer präzisen Drastik und den Fragen, die auf einen selbst zurückgeworfen werden. Die Handlung beginnt im Chile des 18. Jahrhunderts mit einem verheerenden Erdbeben. Was folgt, ist eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen Zufall, Schicksal und der Fragilität zivilisatorischer Strukturen. Kleists Werk ist auch heute noch ein fesselnder Lesestoff. Auch Menschen in verschiedenen Teilen der Welt sehen sich bedroht von verheerenden Naturkatastrophen. Die Fragen, die Kleist erzählerisch inszeniert, sind also keineswegs neu und könnten in modernem Gewand übertragen werden.

Das Erdbeben in Chili ist lesenswert, weil…

👉 es zugleich Abgründe wie Güte der menschlichen Natur zeigt.

Kleist zeigt am Beispiel einer plötzlich auf die Menschen hereinbrechenden Naturkatastrophe, wie Menschen gleich werden und in Zeiten der Not Klassenunterschiede und Standesdünkel vergessen. Doch im gleichen Atemzug zeigt er auch wie alle Güte hinter dem mordenden Gesicht der Masse verschwinden: Zivilisation und Barbarei sind nur durch eine dünne Schicht getrennt. Besonders eindrücklich fand ich den Kontrast zwischen der paradiesischen Szene im Tal, wo trotz des Chaos Harmonie herrscht, und dem darauffolgenden blutigen Massaker in der Kirche. Hier schwingt auch der Gegensatz Natur und Mensch wieder mit, immerhin ist auch die Kirche ein von Menschen gemachter Ort. Kleist stellt keine einfachen Antworten bereit, sondern konfrontiert uns mit der verstörenden Komplexität menschlichen Verhaltens. Aber gerade das finde ich auch so interessant.

👉 die Novelle fundamentale Fragen nach göttlicher Gerechtigkeit und Schuld aufwirft.

Sind Naturkatastrophen als göttliche Strafen zu verstehen und hängen sie mit dem Sündhaften Verhalten einzelner zusammen, die dann die gesamte Gemeinde treffen? Was gilt als Sünde und wer hat die Deutungshoheit, wenn Gott schweigt? Das sind keine neuen Fragen, die erst Kleist literarisch inszeniert hat. Bereits auf den Flugblättern des Spätmittelalters werden Wundergeburten und Kometen mit dem Zorn Gottes oder als Warnung vor sündhaftem Verhalten unter die Menschen gebracht. Die Ironie, dass ausgerechnet in der Kirche, dem Ort der Nächstenliebe, das grausamste Verbrechen geschieht, entlarvt religiöse Heuchelei. Dabei ist wichtig zu unterscheiden: Der Erzbischof ordnete vor dem Erdbeben Josephes Hinrichtung durch weltliche Gewalt an; der Chorherr jedoch hetzt nach dem Erdbeben die Menge zum spontanen Lynchmord auf – zwei verschiedene Formen institutioneller und fanatischer Gewalt. Der Text zwingt uns zu fragen, wer hier wirklich schuldig ist: die Liebenden, die gesellschaftliche Konventionen brachen, oder die selbstgerechte Masse, die mordet? Diese theologischen und ethischen Fragen haben nichts von ihrer Brisanz verloren. Fakten und Wahrheit sind dabei zwei Paar Schuhe wie schon Yuval Noah Harari in Nexus ausführlich erörtert hat. Dabei bieten Schuldzuweisungen und Fake News im immensen Leid einen Deutungsrahmen. Die Frage nach dem Warum ist in Das Erdbeben in Chili spürbar deutlich gestellt. Aber eine Antwort gibt es nicht.

👉 die Erzählweise mit sprachlicher Präzision und Dramatik sehr dicht ist.

Die Novelle ist mit circa 25 bis 30 Seiten je Ausgabe sehr kurz und doch entfaltet sich in dieser Kürze eine Handlung von enormer Wucht und Komplexität. Kleist schreibt häufig verschachtelt mit langen Sätzen, doch jedes Wort sitzt exakt und jeder Satz hat seinen Wert – sie treiben die Handlungen voran und die Figuren in den Tod.

👉 es ein Gedankenexperiment über den Naturzustand und die gesellschaftliche Ordnung darstellt.

Der Gedanke, dass Kleist Das Erdbeben in Chili ein Gedankenexperiment über die Natur des Menschen ist bzw. über die Anwesenheit Gottes in der Welt oder vielleicht auch andere Aspekte, scheint mir stimmig. Denn gerade in der Literatur lassen sich Aspekte auf vielfältige Art inszenieren und so drastisch darstellen, dass sichtbar wird, was in der Realität verborgen bleibt. Und dabei müssen Widersprüche und Differenzen und Brüche gesetzt werden, auch Übertreibungen, denn nur mit dem Außergewöhnlichen gewinnt jemand über Aufmerksamkeit. Scheint in Kleists Novelle Menschlichkeit zunächst möglich, so wird die durch die Katastrophe heraufbeschworene Gleichberechtigung durch institutionelle Strukturen wieder grausam zunichte gemacht.

Insofern wird auch gefragt, ob gesellschaftliche Strukturen notwendig repressiv sind oder human gestaltet werden könnten.

👉 …es die Mechanismen von Manipulation und Massenhysterie zeigt.

Die Predigt des Chorherrn ist ein Paradebeispiel für die Manipulation der Massen mit rhetorischen Mitteln: es werden Ängste der friedlichen Menge geschürt, die sich daraufhin in eine gewaltbereite Menge verwandelt. Insofern zeigt Kleist in seiner Novelle auch, wie religiöse Autorität missbraucht wird, um persönliche Rachegelüste und gesellschaftliche Ressentiments zu legitimieren. Die Beschreibung des Lynchmordes ist so verstörend, weil sie deutlich macht, wie schnell Individuen in der Masse ihre moralische Urteilskraft verlieren. Diese Warnung vor kollektiver Gewalt ist heute vielleicht aktueller denn je. Das Erdbeben in Chili lehrt uns, wachsam zu sein gegenüber jenen, die einfache Erklärungen für komplexe Probleme anbieten und Sündenböcke benennen.

Auszug aus Kleists Erdbeben in Chili

Sie waren kaum funfzig Schritte gegangen, als man Donna Elisabeth welche inzwischen heftig und heimlich mit Donna Elvire gesprochen hatte. Don Fernando! rufen hörte, und dem Zuge mit unruhigen Tritten nacheilen sah. Don Fernando hielt, und kehrte sich um; harrte ihrer, ohne Josephen loszulassen, und fragte, da sie, gleich als ob sie auf sein Entgegenkommen wartete, in einiger Ferne stehen blieb: was sie wolle? Donna Elisabeth näherte sich ihm hierauf, obschon, wie es schien, mit Widerwillen, und raunte ihm, doch so, daß Josephe es nicht hören konnte, einige Worte ins Ohr. Nun? fragte Don Fernando: und das Unglück, das daraus entstehen kann? Donna Elisabeth fuhr fort, ihm mit verstörtem Gesicht ins Ohr zu zischeln. Don Fernando stieg eine Röte des Unwillens ins Gesicht; er antwortete: es wäre gut! Donna Elvire möchte sich beruhigen; und führte seine Dame weiter. –

Als sie in der Kirche der Dominikaner ankamen, ließ sich die Orgel schon mit musikalischer Pracht hören, und eine unermeßliche Menschenmenge wogte darin. Das Gedränge erstreckte sich bis weit vor den Portalen auf den Vorplatz der Kirche hinaus, und an den Wänden hoch, in den Rahmen der Gemälde, hingen Knaben, und hielten mit erwartungsvollen Blicken ihre Mützen in der Hand. Von allen Kronleuchtern strahlte es herab, die Pfeiler warfen, bei der einbrechenden Dämmerung, geheimnisvolle Schatten, die große von gefärbtem Glas gearbeitete Rose in der Kirche äußerstem Hintergrunde glühte, wie die Abendsonne selbst, die sie erleuchtete, und Stille herrschte, da die Orgel jetzt schwieg, in der ganzen Versammlung, als hätte keiner einen Laut in der Brust. Niemals schlug aus einem christlichen Dom eine solche Flamme der Inbrunst gen Himmel, wie heute aus dem Dominikanerdom zu St. Jago; und keine menschliche Brust gab wärmere Glut dazu her, als Jeronimos und Josephens!

Die Feierlichkeit fing mit einer Predigt an, die der ältesten Chorherren einer, mit dem Festschmuck angetan, von der Kanzel hielt. Er begann gleich mit Lob, Preis und Dank, seine zitternden, vom Chorhemde weit umflossenen Hände hoch gen Himmel erhebend, daß noch Menschen seien, auf diesem, in Trümmer zerfallenden Teile der Welt, fähig, zu Gott empor zu stammeln. Er schilderte, was auf den Wink des Allmächtigen geschehen war; das Weltgericht kann nicht entsetzlicher sein; und als er das gestrige Erdbeben gleichwohl, auf einen Riß, den der Dom erhalten hatte, hinzeigend, einen bloßen Vorboten davon nannte, lief ein Schauder über die ganze Versammlung. Hierauf kam er, im Flusse priesterlicher Beredsamkeit, auf das Sittenverderbnis der Stadt; Greuel, wie Sodom und Gomorrha sie nicht sahen, straft‘ er an ihr; und nur der unendlichen Langmut Gottes schrieb er es zu, daß sie noch nicht gänzlich vom Erdboden vertilgt worden sei.

Aber wie dem Dolche gleich fuhr es durch die von dieser Predigt schon ganz zerrissenen Herzen unserer beiden Unglücklichen, als der Chorherr bei dieser Gelegenheit umständlich des Frevels erwähnte, der in dem Klostergarten der Karmeliterinnen verübt worden war; die Schonung, die er bei der Welt gefunden hatte, gottlos nannte, und in einer von Verwünschungen erfüllten Seitenwendung, die Seelen der Täter, wörtlich genannt, allen Fürsten der Hölle übergab! Donna Constanze rief, indem sie an Jeronimos Armen zuckte: Don Fernando! Doch dieser antwortete so nachdrücklich und doch so heimlich, wie sich beides verbinden ließ: »Sie schweigen, Donna, Sie rühren auch den Augapfel nicht, und tun, als ob Sie in eine Ohnmacht versunken; worauf wir die Kirche verlassen.« Doch, ehe Donna Constanze diese sinnreiche zur Rettung erfundene Maßregel noch ausgeführt hatte, rief schon eine Stimme, des Chorherrn Predigt laut unterbrechend, aus: Weichet fern hinweg, ihr Bürger von St. Jago, hier stehen diese gottlosen Menschen! Und als eine andere Stimme schreckenvoll, indessen sich ein weiter Kreis des Entsetzens um sie bildete, fragte: wo? hier! versetzte ein Dritter, und zog, heiliger Ruchlosigkeit voll, Josephen bei den Haaren nieder, daß sie mit Don Fernandos Sohne zu Boden getaumelt wäre, wenn dieser sie nicht gehalten hätte. »Seid ihr wahnsinnig?« rief der Jüngling, und schlug den Arm um Josephen: »ich bin Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten der Stadt, den ihr alle kennt.« Don Fernando Ormez? rief, dicht vor ihn hingestellt, ein Schuhflicker, der für Josephen gearbeitet hatte, und diese wenigstens so genau kannte, als ihre kleinen Füße. Wer ist der Vater zu diesem Kinde? wandte er sich mit frechem Trotz zur Tochter Asterons. Don Fernando erblaßte bei dieser Frage. Er sah bald den Jeronimo schüchtern an, bald überflog er die Versammlung, ob nicht einer sei, der ihn kenne? Josephe rief, von entsetzlichen Verhältnissen gedrängt: dies ist nicht mein Kind, Meister Pedrillo, wie Er glaubt; indem sie, in unendlicher Angst der Seele, auf Don Fernando blickte: dieser junge Herr ist Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten der Stadt, den ihr alle kennt! Der Schuster fragte: wer von euch, ihr Bürger, kennt diesen jungen Mann? Und mehrere der Umstehenden wiederholten: wer kennt den Jeronimo Rugera? Der trete vor! Nun traf es sich, daß in demselben Augenblicke der kleine Juan, durch den Tumult erschreckt, von Josephens Brust weg Don Fernando in die Arme strebte. Hierauf: Er ist der Vater! schrie eine Stimme; und: er ist Jeronimo Rugera! eine andere; und: sie sind die gotteslästerlichen Menschen! eine dritte; und: steinigt sie! steinigt sie! die ganze im Tempel Jesu versammelte Christenheit! Drauf jetzt Jeronimo: Halt! Ihr Unmenschlichen! Wenn ihr den Jeronimo Rugera sucht: hier ist er! Befreit jenen Mann, welcher unschuldig ist! –

Aus: Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili. Anmerkungen von Sabine Doering. Nachwort von Christan Wagenknecht. Stuttgart 1993, S. 51-69, hier S. 63-66.

Online unter https://www.projekt-gutenberg.org/kleist/erdbeben/chili.html (zuletzt aufgerufen am 25.11.2025)

Zum Autor Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist (1777-1811) war ein deutscher Dramatiker, Erzähler und Lyriker der Romantik. Sein Leben war geprägt von persönlichen Krisen, beruflichen Misserfolgen und einer unsteten Existenz. Kleist stammte aus einer preußischen Offiziersfamilie, brach jedoch seine militärische Laufbahn ab und suchte seine Bestimmung in der Literatur. Zu Lebzeiten blieb ihm der große Erfolg versagt, und seine Werke wurden oft missverstanden. 1811 nahm er sich gemeinsam mit Henriette Vogel am Wannsee das Leben. Heute gilt Kleist als einer der bedeutendsten deutschen Autoren, dessen Texte durch psychologische Tiefe und sprachliche Meisterschaft bestechen.

Zusammenfassung Das Erdbeben in Chili

Jeronimo Rugera sitzt 1647 in Santiago de Chile im Gefängnis und will sich erhängen, nachdem seine heimliche Geliebte Donna Josephe, eine Nonne, sein Kind zur Welt gebracht hat und zum Tode verurteilt wurde. In diesem Moment erschüttert ein gewaltiges Erdbeben die Stadt und ermöglicht Jeronimo die Flucht aus dem einstürzenden Gefängnis. Er macht sich auf die Suche nach Josephe und findet sie mit dem gemeinsamen Sohn Philipp in einem idyllischen Tal vor der zerstörten Stadt. Dort haben sich Überlebende versammelt, und in der Ausnahmesituation scheinen die strengen gesellschaftlichen Konventionen aufgehoben – Menschen aller Schichten helfen einander. Das Liebespaar genießt einen kurzen Moment des Glücks und der Hoffnung auf ein neues Leben.

Doch Don Fernando, ein Adliger, der sie beschützt, überredet sie, an einem Dankgottesdienst teilzunehmen. In der Kirche hält der Chorherr eine flammende Predigt, in der er das Erdbeben als göttliche Strafe für die Sünden der Stadt interpretiert und besonders gegen Josephe und Jeronimo wettert. Die aufgeputschte Menge erkennt das Paar und lyncht sie brutal, wobei auch der kleine Philipp getötet wird. Nur durch einen tragischen Irrtum überlebt Don Fernandos Sohn Juan, den Josephe in den Armen hielt, während Fernandos eigener Sohn ermordet wird. Am Ende adoptiert Don Fernando den kleinen Juan und beschließt, nie mehr von dessen Herkunft zu sprechen.

Historischer Kontext Das Erdbeben in Chili

Die Novelle spielt zur Zeit des spanischen Kolonialismus in Chile, einer Epoche strenger katholischer Moralvorstellungen und rigider gesellschaftlicher Hierarchien. Das historische Erdbeben, auf das Kleist sich bezieht, ereignete sich 1647 in Santiago und zerstörte große Teile der Stadt. Kleist nutzt dieses Ereignis als Metapher für den Zusammenbruch gesellschaftlicher Ordnung und als Katalysator für seine Handlung. Die Erzählung reflektiert auch die Debatten der Aufklärungszeit über Naturkatastrophen, besonders nach dem verheerenden Erdbeben von Lissabon 1755, das Europa erschütterte und theologische sowie philosophische Diskussionen über göttliche Vorsehung auslöste. Kleists Text wurde vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege und des gesellschaftlichen Umbruchs um 1800 geschrieben, was sich in der Darstellung kollabierender Ordnungen widerspiegelt.

Hauptfiguren Das Erdbeben in Chili

Jeronimo Rugera

Ein junger spanischer Hauslehrer, der in Santiago de Chile lebt. Er unterrichtete Donna Josephe im Kloster und verliebte sich in sie. Mutig und leidenschaftlich, folgte er seinen Gefühlen trotz des gesellschaftlichen Tabus. Nach der Entdeckung der Schwangerschaft Josephes wurde er inhaftiert. Im Gefängnis verzweifelt er so sehr, dass er sich erhängen will, wird aber durch das Erdbeben gerettet. Er ist ein liebevoller Vater und Partner, der von Schuldgefühlen geplagt wird. Seine Hoffnung auf ein neues Leben mit Josephe und seinem Sohn treibt ihn durch die Katastrophe.

Donna Josephe Asteron

Eine junge Nonne aus adligem Haus, die in das Kloster der Karmeliterinnen eingetreten ist. Sie verliebte sich in ihren Hauslehrer Jeronimo und wurde von ihm schwanger. Als sie während der Fronleichnamsprozession auf den Stufen der Kathedrale ihr Kind zur Welt brachte, wurde dies zum öffentlichen Skandal. Sie wurde zum Tode durch Enthauptung verurteilt, das Urteil wurde jedoch durch das Erdbeben verhindert. Sie ist eine liebevolle Mutter, die ihren Sohn Philipp rettet. Trotz aller erlittenen Demütigungen bewahrt sie ihre Würde und Hoffnung auf ein gemeinsames Leben mit Jeronimo.

Philipp (Felipe)

Der etwa einjährige Sohn von Jeronimo und Josephe. Ein unschuldiges Kind, dessen bloße Existenz zum Auslöser des gesellschaftlichen Skandals wurde. Er wird von seiner Mutter Josephe liebevoll versorgt und überlebt zunächst das Erdbeben. Das Kind symbolisiert die Hoffnung auf eine neue Zukunft für das Liebespaar. Tragischerweise wird er am Ende von der aufgebrachten Menge zusammen mit seinen Eltern getötet, obwohl er keinerlei Schuld trägt.

Unterstützende Figuren Das Erdbeben in Chili

Don Fernando Ormez

Ein junger spanischer Edelmann von etwa dreißig Jahren, der sich durch außergewöhnliche Menschlichkeit und Mut auszeichnet. Er begegnet Josephe zufällig nach dem Erdbeben und nimmt sie und später auch Jeronimo unter seinen Schutz. Er ist verheiratet mit Donna Elvire und hat einen Sohn namens Juan. Don Fernando verteidigt das verfolgte Paar mutig gegen die aufgebrachte Menge in der Kirche und versucht, sie mit seinem eigenen Körper zu schützen. Nach der Tragödie adoptiert er den Sohn des ermordeten Paares und zeigt damit echte christliche Nächstenliebe. Er repräsentiert das Ideal eines aufgeklärten, humanen Adligen.

Donna Elvire

Die Frau von Don Fernando, eine ebenso gütige und mitfühlende Frau. Sie stillt den kleinen Philipp an ihrer eigenen Brust, als Josephe nicht genug Milch hat. Diese Geste zeigt ihre tiefe Menschlichkeit und das Überwinden gesellschaftlicher Schranken. Sie begleitet ihren Mann zum Gottesdienst und teilt sein Schicksal, ihr eigenes Kind bei dem Massaker zu verlieren. Sie verkörpert weibliche Solidarität über Standesgrenzen hinweg.

Juan

Der etwa gleichaltrige Sohn von Don Fernando und Donna Elvire. Er wird von seiner Mutter zum Gottesdienst getragen. In der Verwirrung des Massakers wird er mit Philipp verwechselt und überlebt als einziges Kind, während Philipp, den Josephe trägt, getötet wird. Dieser tragische Austausch der Kinder unterstreicht die Willkürlichkeit und Sinnlosigkeit der Gewalt. Juan wird später von seinen Eltern aufgezogen, die nie über seine „Adoption“ des anderen Kindes sprechen – obwohl tatsächlich ihr eigenes leibliches Kind überlebt hat.

Antagonisten Das Erdbeben in Chili

Der Chorherr (Domherr)

Ein fanatischer katholischer Geistlicher, der die zentrale Rolle als Antagonist einnimmt. Er hält nach dem Erdbeben einen Dankgottesdienst ab, in dem er die Naturkatastrophe als göttliche Strafe für die moralische Verderbtheit der Stadt interpretiert. In seiner Predigt nennt er Josephe explizit als Beispiel für die Sündhaftigkeit und bezeichnet sie als „Unheil stiftend“. Seine aufhetzende Rhetorik entflammt den religiösen Fanatismus der Menge und führt direkt zum Lynchmord. Er repräsentiert religiösen Dogmatismus und Intoleranz und steht im direkten Gegensatz zur Menschlichkeit Don Fernandos.

Meister Pedrillo

Ein Schuster, der als Mitglied der aufgebrachten Volksmenge eine aktive Rolle beim Aufhetzen spielt. Er erkennt Josephe in der Kirche und ruft: „Das ist Josephe Asteron!“ und trägt damit zur Identifizierung und anschließenden Verfolgung bei. Er verkörpert den Mob und die Gewaltbereitschaft der einfachen Bevölkerung, die sich von religiösem Fanatismus instrumentalisieren lässt.

Familienmitglieder Josephes

Don Alonzo Onoreja (auch: Don Henrico Asteron)

Josephes leiblicher Vater, ein strenger spanischer Adliger. Er hat seine Tochter aus Prestigegründen ins Kloster gesteckt. Als ihre Schwangerschaft und die Geburt öffentlich werden, verstößt er sie völlig. Seine Härte und sein Festhalten an gesellschaftlichen Konventionen machen ihn mitverantwortlich für Josephes Leid. Er repräsentiert die unnachgiebige patriarchalische Ordnung der kolonialen Gesellschaft.

Donna Constanze Xares

Josephes Stiefmutter, die ebenfalls von adliger Herkunft ist. Sie unterstützt ihren Mann in seiner harten Haltung gegenüber Josephe und lehnt jede Milde ab. Auch sie hält streng an den gesellschaftlichen Normen fest und trägt zur Isolation Josephes bei. Die Ablehnung durch die Stiefmutter verstärkt Josephes soziale Ächtung.

Nebenfiguren und Erwähnungen Das Erdbeben in Chili

Die Äbtissin des Klosters Die Vorsteherin des Karmeliterinnenklosters, in dem Josephe lebte. Sie ist diejenige, die Josephes Schwangerschaft entdeckt oder zumindest offiziell macht. Sie handelt im Sinne der kirchlichen Moral und trägt zur Verurteilung Josephes bei.

Der Erzbischof und die kirchliche Obrigkeit

Der Erzbischof ist die höchste kirchliche Autorität in Santiago und entscheidet vor dem Erdbeben über Josephes Todesurteil. Er ist nicht identisch mit dem Chorherrn, der nach dem Erdbeben die Hetzpredigt hält. Während der Erzbischof die institutionelle Macht der Kirche repräsentiert, verkörpert der Chorherr den religiösen Fanatismus, der die Menge zum Lynchmord aufstachelt.

Der Vizekönig

Die höchste weltliche Autorität in der spanischen Kolonie Chile. Er bestätigt das Todesurteil gegen Josephe und zeigt damit, dass weltliche und geistliche Macht in der Verurteilung übereinstimmen.

Die Menge / Der Mob

Eine kollektive Figur, die eine zentrale Rolle spielt. Nach dem Erdbeben zunächst solidarisch und hilfsbereit, verwandelt sie sich im Gottesdienst in eine mörderische Masse. Diese Verwandlung zeigt die Fragilität zivilisatorischer Werte und die Macht religiöser Manipulation. Die Menge repräsentiert die dunkle Seite der Kollektivität.

Don Fernandos Schwager (namenlos)

Ein weiteres Mitglied von Don Fernandos Familie, das erwähnt wird und zum Gottesdienst mitgeht. Er wird während des Massakers ebenfalls verletzt, als er versucht, das Paar zu verteidigen.

Aufgabe 1: Goethe und das Erdbeben von Lissabon

Wie erwähnt, gehört Kleists Das Erdbeben in Chili zum Kanon der Schulliteratur. Auch ich habe einst einige Aufgaben im Rahmen der Novelle behandelt und stelle diese hier mit ein.

1. Fasse die Darstellung und Wertung Goethes über das Erdbeben zusammen.

Goethe schildert die Naturkatastrophe als ungeheuren Schrecken, der plötzlich sechzigtausend Menschen in den Tod reißt. Wobei er jene der Opfer für am glücklichsten hält, die sofort und ohne Bewusstsein für das Elend auf der Stelle tot waren. Nicht nur, dass dieses ungeheure Erdbeben viele Recht schaffende Menschenleben fordert. Die Überlebenden müssen sich nicht nur vor der sich immer noch aufrührenden Natur in Acht nehmen, da die Brände nicht zu löschen sind, sondern sich auch gegen niederträchtige Menschen zur Wehr setzen, die das Elend der Opfer ausnutzen indem sie rauben und morden. Goethe beschreibt dies als schrankenlose Willkür der Natur, die von allen Seiten auf die Überlebenden des Erbebens hereinbricht. Des Weiteren nennt er auch den Dämon des Schreckens, der zu keiner Zeit so schnell und so mächtig seine Schauer über die Erde verbreitet hat.

Nachdem Goethe das Erdbeben beschrieben hat, erwähnt er, dass das die Naturkatastrophe viele Betrachtungen und Wertungen von Philosophen, Geistlichen und gläubigen Menschen auf sich zog, die dem Ereignis jeweils verschiedene Interpretationen zukommen ließen.

Goethe beschreibt sich als betroffen, da er zum Zeitpunkt der Katastrophe erst 6 Jahre alt war und nun aus der Rückschau schreibt. Gott, den er als Schöpfer und Verwalter des Himmels und der Erde weise und gnädig kennengelernt hat, erwies sich durch diese schreckliche Katastrophe keineswegs väterlich, da er gerechte wie ungerechte Menschen gleichermaßen demselben grausamen Schicksal aussetzt. Für Goethe war dies, da er selbst noch ein Kind war, nicht begreiflich und sein gesamtes Weltbild wurde damit auf den Kopf gestellt. Er beschreibt dies, indem er vergebens versuchte sein junges Gemüt gegen diese Eindrücke wieder herzustellen. Dies war ihm jedoch unmöglich, und selbst die Weisen und Gelehrten konnten sich über die Art wie das Erdbeben von Lissabon bewertet werden sollte nicht einigen.

Auszug aus Gothes Wahrheit und Dichtung

Und zwar beziehe ich mich wohl in dieser Hausarbeit auf einen Auszug aus Goethes Wahrheit und Dichtung:

„Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum ersten Mal im tiefsten erschüttert. Am 1. November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien, denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen mit einander zu Grunde, und der Glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Die Flammen wüten fort, und mit ihnen wütet eine Schar sonst verborgner, oder durch dieses Ereignis in Freiheit gesetzter Verbrecher. Die unglücklichen Übriggebliebenen sind dem Raube, dem Morde, allen Mißhandlungen bloßgestellt; und so behauptet von allen Zeiten die Natur ihre schrankenlose Willkür.

Schneller als die Nachrichten hatten schon Andeutungen von diesem Vorfall sich durch große Landstrecken verbreitet: an vielen Orten waren schwächere Erschütterungen zu verspüren, an manchen Quellen, besonders den heilsamen, ein ungewöhnliches Innehalten zu bemerken gewesen; um desto größer war die Wirkung der Nachrichten selbst, welche erst im allgemeinen, dann aber mit schrecklichen Einzelheiten sich rasch verbreiteten. Hierauf ließen es die Gottesfürchtigen nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen. So vieles zusammen richtete die Aufmerksamkeit der Welt eine Zeitlang auf diesen Punkt, und die durch fremdes Unglück aufgeregten Gemüter wurden durch Sorgen für sich selbst und die Ihrigen um so mehr geängstigt, als über die weitverbreitete Wirkung dieser Explosion von allen Orten und Enden immer mehrere und umständlichere Nachrichten einliefen, vielleicht hat der Dämon des Schreckens zu keiner Zeit so schnell und so mächtig seine Schauer über die Erde verbreitet.

Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen mußte, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen. Vergebens suchte das junge Gemüt sich gegen diese Eindrücke herzustellen, welches überhaupt um so weniger möglich war, als die Weisen und Schriftgelehrten selbst sich über die Art, wie man ein solches Phänomen anzusehen habe, nicht vereinigen konnten.

Der folgende Sommer gab eine nähere Gelegenheit, den zornigen Gott, von dem das Alte Testament so viel überliefert, unmittelbar kennen zu lernen. Unversehens brach ein Hagelwetter herein und schlug die neuen Spiegelscheiben der gegen Abend gelegenen Hinterseite des Hauses unter Donner und Blitzen auf das gewaltsamste zusammen, beschädigte die neuen Möbeln, verderbte einige schätzbare Bücher und sonst werte Dinge und war für die Kinder um so fürchterlicher, als das ganz außer sich gesetzte Hausgesinde sie in einen dunklen Gang mit fortriß und dort auf den Knieen liegend durch schreckliches Geheul und Geschrei die erzürnte Gottheit zu versöhnen glaubte; indessen der Vater, ganz allein gefaßt, die Fensterflügel aufriß und aushob, wodurch er zwar manche Scheiben rettete, aber auch dem auf den Hagel folgenden Regenguß einen desto offnern Weg bereitete, so daß man sich, nach endlicher Erholung, auf den Vorsälen und Treppen von flutendem und rinnendem Wasser umgeben sah.“

Aus Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Erster Theil. Tübingen 1911, S. 50-54. Online unter https://www.digitale-sammlungen.de/de/search?filter=volumes%3A%22bsb10858628%2FBV001160012%22, zuletzt aufgerufen am 25.11.2025)

Aufgabe 2: Theodizee und Existenz Gottes

Auch eine zweite Aufgabe habe ich gefunden. Die Theodizeeproblematik wird auch im Film Signs aus Figurenperspektive betrachtet und ist auch in Voltaires Candide präsent. Vorab werde ich die Quelle angeben, aus der die Thematik hervorging:

„Auf meinen Reisen hatte ich dann Gelegenheit, mich mit mehreren bedeutenden Männern verschiedener Richtungen zu besprechen, wie z. B. mit Herrn Peter von Wallenburg,
Weihbischof von Mainz, Herrn Johann Ludwig Fabricius, dem ersten Theologen in Heidelberg, und endlich mit dem berühmten Herrn Arnauld, dem ich sogar, etwa um 1673, einen von mir verfaßten lateinischen Dialog über diesen Gegenstand mitteilte, in dem ich schon damals als Tatsache hinstellte, daß Gott die vollkommenste aller möglichen Welten erwählt habe und durch seine Weisheit bestimmt worden sei, das damit verbundene Übel zuzulassen, was jedoch nicht hindere, daß diese Welt alles in allem die beste sei, die gewählt werden konnte.“

Leibniz, G. W.: Die Theodizee I. Philosophische Schriften Band 2.1. Französisch und deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Herbert Herring. Frankfurt am Main 1996, S. 51-53.

2. Was versteht Leibniz unter Theodizee? Wie versucht er die Existenz Gottes zu rechtfertigen?

Theodizee heißt „Rechtfertigung Gottes“. Leibniz war der Auffassung, dass dank der Weisheit und Vollkommenheit Gottes diese Welt die beste unter allen möglichen Welten sei, da Gott sonst keine geschaffen hätte. Leibniz leugnet das „Übel“ in der Welt nicht. Er argumentiert, dass Gutes nur zum Preis der Existenz von Übel zu haben ist. Nach Leibniz‘ Logik kann das Gute in der Welt von Gott nicht mit einem geringeren Preis an Übel verwirklicht werden – eine Position, die für den jungen Goethe jedoch keine befriedigende Antwort auf das Lissaboner Erdbeben darstellte. Gott ist also vollkommen, aber er kann sich nicht über die Grenzen der Vernunft, also der natürlichen Ordnung des Kosmos, wie etwa der physikalischen Gesetze, hinwegsetzen. Die Welt ist nicht perfekt aber sie ist eben durch Gottes Weisheit die beste aller möglichen Welten.

Leibniz versucht die Existenz Gottes zu rechtfertigen indem er erklärt, dass durch Gottes Allmacht und Weisheit eben nur die beste aller möglichen Welten entstehen konnte und jedes Übel in der Welt ist aufgrund dieser Tatsache notwendig und erklärbar.

Leibniz beschreibt drei Übel. Das metaphysische Übel oder Elend sieht er in der Endlichkeit der Welt, also die Unvollkommenheit der Geschöpfe. Gott wollte nicht gottgleiche Wesen schaffen die unendlich sind so wie er. Das zweite Übel ist nach Leibniz das physische Übel, welches aus dem metaphysischen Übel hervorgeht und somit notwendig ist, da eben die endlichen Geschöpfe durch Gott geschaffen zwangsläufig unvollkommen sind. Das dritte Übel ist das moralische Übel. Leibniz beschreibt die durch Gott verliehene Gabe der Freiheit, die jedem unvollkommenen Wesen zuteilwurde und diesem somit die Möglichkeit gibt zu sündigen oder Gutes zu tun.

Aufgabe 3: Alternativbrief zur Hass- und Hetzpredigt des Chorherrn

Tatsächlich habe ich auch eine weitere Kreativaufgabe wiedergefunden, die mich nachträglich sehr beeindruckt hat und ich mich gefragt habe, ob ich das wirklich geschrieben habe.

Aufgabe 3: Entwirf in einem Brief an den Chorherrn eine Alternative zu seiner Hass- und Hetzpredigt

Hochwürdigster Herr Prälat der Dominikanerkirche zu St. Jago,

die jüngst zurückliegenden Ereignisse haben mich derart erschüttert, dass ich dies nur schwer in Wort fassen kann. Zweifelsohne werden Sie wissen, von welchem Geschehen ich schreibe. Die Berichte über das schreckliche Erdbeben von St. Jago drangen bis in den fernen Norden und selbst hier, weitab vom tragischen Mittelpunkt der grausamen Begebenheit ergehen sich alle Menschen in Grauen und Furcht. Sie rufen nach Gott und flehen, er möge ihnen Einsicht in seine Pläne gewähren und sie Verstehen für das schreckliche Ereignis lehren.

Bevor ich nun zu dem Grund meines Briefes komme, will ich Ihnen und allen Überlebenden von ganzem Herzen meine Kondolenz und mein Mitgefühl aussprechen. Meine Gebete gelten den Toten, Verletzten und all jenen, denen ein geliebter Mensch brutal entrissen wurde. Mein Vater, der Edelmann Don Enrico Cubanestra den Sie bereits kennen, wird sich in wenigen Tagen auf den Weg nach St. Jago machen. Arbeiter wurden vorausgesandt, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Außerdem ist er bereit eine ansehnliche Geldsumme für Ihre Kirche und die Opfer zu spenden, so dass für das Nötigste gesorgt sein wird. Hochwürdigster Herr Prälat, in dieser unglückseligen Lage sind Sie nicht verlassen und allein.

Nun komme ich zu dem Grund aus dem ich diesen Brief schreibe. So wie ich Berichte über das furchtbare Erdbeben vernommen habe, so erreichten mich auch Schilderungen über das Schreckliche, was danach durch Menschenhand geschah. Vor Entsetzen ganz benommen lauschte ich den entrückenden Darstellungen über die zerstörerische Macht des Bebens. Die Natur unterliegt eben weder dem menschlichen Willen noch seinen Gesetzen. Doch als ich hörte, was nach Ihrer Predigt in der Dominikanerkirche geschah, hochwürdigster Herr Prälat, war ich der Ohnmacht nah. So entsetzlich waren die Worte, die meine Ohren erreichten. Von Gottes geschaffenen Geschöpfen geschaffenes Übel, schlimmer als jedes durch die Natur verursachte Leid. Ich bitte Euch inständig in Eurer nächsten Predigt das Leben zu preisen und den Überlebenden Trost zu spenden. Denn wie kann Gott rachsüchtig sein? Ist er ein strafender Gott? Ein zerstörender Gott? Dies, hochwürdigster Herr Prälat, kann nicht sein. Denn wenn Gott diese Welt erschaffen hat, so kann er nicht über sie richten, sondern ist seinen Gesetzen ebenso unterworfen wie wir sterblichen Menschen. Aus der Ferne und mit dringendem Anliegen bitte ich Sie, Ihre Predigt zu überdenken. Sprechen Sie erneut zu den Menschen, in einem versöhnlicheren, frohen und dankbaren Ton und sprechen Sie allen Überlebenden den Mut zu, den sie in ihrer Not benötigen.

Ich habe einen Gegenentwurf zu Ihrer Predigt vorbereitet. Demutsvoll bitte ich Sie, diese mit Ihrem Herzen zu lesen und abzulassen von Hass und Hetze. Sie sind Gottes nicht würdig. Wenden Sie sich Liebe und Vergebung zu. Hochwürdigster Herr Prälat, ich hoffe meine fromme Bitte an Sie ist nicht zu vermessen, geschieht sie doch aus innigem Glauben heraus. Meine Familie ist, wie Sie wissen, bekennend in der christlichen Konfession und mein Vater weiß um diesen Brief.

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Bürger von St. Jago, Überlebende des furchtbaren Erdbebens,

wir stehen hier, gemeinsam in der einzig verbliebenen Kirche unserer Stadt. Hier finden wir Trost in dieser schweren Zeit. Hier finden wir gemeinsam neuen Mut. Hier sind wir alle gleich vor Gott und uns. Denn jeden hier hat das gleiche Schicksal ereilt. Mit Tränen in den Augen, ob nun der Dankbarkeit für unser Leben, oder ob der Trauer um liebe Angehörige die von der furchtbaren Gewalt der Natur verschlungen wurden, stehen wir inmitten der Zerstörung. Und fragen Gott inständig: Warum? Doch Gott bleibt still. Wir sind ihm nicht ebenbürtig und können seinen Willen nicht erraten. Doch dürfen wir ihm für die Leben derer danken, die er verschont hat.

Die Natur bleibt unberechenbar in ihren Launen und unwillkürlich schenkt sie Leben oder nimmt es. Schon die Alten wussten von Erdstößen in der Umgebung von St. Jago zu berichten. Doch wer kann ein solch furchterregendes Beben vorausahnen? Seine zerstörerische Kraft mag viele an Sodom und Gomorra erinnern, zwei Städte die der Sünde verfielen und durch Gott mit Zerstörung gestraft wurden.

Doch sage ich Euch, fürchtet Euch nicht! Diese Katastrophe ist kein Wink des Allmächtigen. Kein Racheakt. Kein Weltgericht Gottes um die Sündigen in der Stadt zu strafen. Gott selbst erschuf diese Welt, doch er kann sich selbst nicht über seine von ihm erschaffene Ordnung hinwegsetzen um zu richten und zu strafen. Wäre dies so, dann wäre nicht nur St. Jago allein Opfer solch direkter Grausamkeit geworden. Wir hätten Nachrichten aus allen Städten der Welt. Ich sage es noch einmal: Fürchtet Euch nicht, Bürger von St. Jago. Wenn diese Katastrophe eine Prüfung für unseren Glauben sein soll, dann ist sie es in dem Maß, wie wir ihr gegenüberstehen und uns in dieser Notsituation verhalten. Gott hielt seine schützende Hand über uns. Unser Leben ist sein Geschenk an uns. Hier in dieser Kirche wollen wir Vergebung üben. Hier in dieser Kirche wollen wir Dankbarkeit zeigen. Hier sind wir alle gleich vor Gott und uns.

„Und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ (Kol 3,13). So steht es in der Bibel geschrieben. Wir wollen allen Hass und Groll im Angesicht der übermächtigen Gewalt der Natur vergessen und einander vergeben, so wie auch Gott uns vergeben hat. Um dies zu bekräftigen wollen wir gemeinsam das Vaterunser beten.

– Vaterunser mit der Gemeinde beten –

So wie der Herr uns unsere Schuld vergeben hat, so vergeben auch wir unseren Schuldigern. Hier wollen wir als die Überlebenden der christlichen Gemeinde von St. Jago neu beginnen in unserem Denken, Handeln und Fühlen. Hier wollen wir hinsichtlich der grausamen Verwüstung unserer geliebten Heimatstadt einander helfen wo wir können und so in unseren Herzen einen Funken Hoffnung bewahren, der uns Aug in Aug mit der Zerstörung unverkennbar in die Seelen strömt. Hier sind wir alle gleich vor Gott und uns.

In dieser Notlage zeigt sich der wahre Charakter und Glauben eines Menschen. Und was für Christen wären wir, wenn wir uns dem verwehren würden? Lasst ab von Hass und Hetze. Ein neuer Tag beginnt, ein neues Leben, ein friedvolleres Leben! Für uns alle!

Empfangt nun Gottes Segen.

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden (Num 6,24-27).

Gehet nun in Frieden.

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Ich erwähne die angeklagte, liebende Familie nicht, die vor den Mauern der heiligen Dominikanerkirche durch einen aufgebrachten Mob ihren Tod fand. Doch werden sich die Menschen besinnen, wenn sie die versöhnlicheren Worte der in diesem Brief enthaltenen Predigt hören. So kennen sicher auch Sie, als Wissender und Geistlicher, das folgende Bibelzitat von Jesus aus dem Johannes-Evangelium 8,7: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Wir alle sind sündig. Aus dem Paradies verbannt und aus Gottes Willen gefallen. Auch Sie, hochwürdigster Herr Prälat, sind ein Sünder. Bedenken Sie die Tragweite Ihrer gottlosen Entscheidung und erkennen Sie die hoffnungsfrohe Botschaft des Herrn, die in der Vergebung untereinander zu finden ist, so wie Gott uns Sündern ebenso vergeben hat.

Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung verbleibe ich in demütiger Hoffnung

Donna Josefa Cubanestra

Katrin Beißner

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