Zuletzt aktualisiert am 29. April 2026
Der bereits 1998 erschienene Thriller Das Jesus Video von Andreas Eschbach verwebt Archäologie, Religion und Wissenschaft miteinander und zählt zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Science-Fiction-Bücher. Er begeistert bis heute Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt – trotz der Tatsache, dass Videos als veraltetes Medium gelten.

Eschbach erzählt eine packende Geschichte, die zum Nachdenken anregt und gleichzeitig spannend unterhält. Was bedeutet Glauben für jeden einzelnen von uns? Inwiefern sind religiöse Institutionen am Bewahren christlicher Traditionen beteiligt? Mit welchen Mittel lenken sie die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit? Und was kann wahrer Glauben im Leben eines Menschen bewirken? Das Jesus Video ist bis heute eines der Bücher, die ich am meisten gelesen habe – darum sieht es auch so abgegrabbelt aus. Und so wie es mir einst empfohlen wurde, möchte ich es weiterempfehlen.
2014 erschien mit Der Jesus-Deal eine direkte Fortsetzung von Das Jesus Video, in der die Geschichte konsequent weitergedacht wird. Zu diesem Roman kann ich persönlich allerdings nicht sagen, da ich ihn nicht gelesen habe. Es geht in der Fortsetzung aber mit den bekannten Figuren weiter.
Das Jesus Video ist lesenswert, weil…
👉 es eine brillante Verbindung von historischen Fakten und spekulativer Fiktion schafft, die von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann zieht.
👉 die im Erzählszenario aufgeworfenen philosophischen und theologischen Fragen zum Nachdenken anregen und zu Diskussionen über Glauben, Wissenschaft und Wahrheit inspirieren.
👉 die Figuren komplex und vielschichtig sind, sodass man mit ihnen mitfiebert und ihre moralischen Dilemmata nachvollziehen kann.
👉 die Handlung geschickt konstruiert ist und mit überraschenden Wendungen aufwartet, ohne dabei zu wirken.
👉 es zeigt, wie gute Science-Fiction auch tiefgründige Fragen über die menschliche Existenz abseits profaner Unterhaltungsliteratur stellt.
Ein kleiner Vorgeschmack auf Das Jesus Video
Kaun mischte sich wieder ein. »Wir denken, daß kein Betrug im Spiel ist. Ich schlage vor, ich zähle Ihnen alles auf, was wir momentan als gesichert annehmen, und sage Ihnen dann, welchen Schluß wir daraus ziehen. Und Sie sagen uns dann, was Sie davon halten.«
»Das klingt sinnvoll.«
»Erstens «, zählte der Medienzar auf, wobei er den ersten Finger der rechten Hand abspreizte und begann, auf und ab zu gehen, »die Schicht, in der das Skelett gefunden wurde, ist zweitausend Jahre alt und bei der Ausgrabung unverletzt gewesen. Zweitens, der Beutel besteht aus einem Material, das hierzulande vor zweitausend Jahren verwendet wurde, heute aber nirgendwo mehr zu finden ist. Drittens, das Material des zweiten Beutels ist eindeutig Plastikfolie; es scheint sich durch einen noch unbekannten Einfluß verfärbt zu haben. Viertens, auch das Papier, auf das die Betriebsanleitung gedruckt ist,scheint sehr alt zu sein, so seltsam sich das anhört. Wir werden veranlassen, daß alle Materialien – Stoff, Papier, Knochen – mit Hilfe der Radiokarbonmethode datiert werden; das wird jedoch noch einige Zeit dauern.«
»Übrigens haben wir«, fügte der Professor hinzu, »in den Zähnen des Schädels Amalgamfüllungen entdeckt. Für Zahnfüllungen wurde Amalgam erstmals 1847 in Frankreich verwendet.«
»Eine verlorengegangene Erfindung?«
»Nein. Der Tote hat zwei fachmännisch ausgebohrte und verplombte, ansonsten aber eine Menge gräßlich kariöser Zähne; viele fehlen auch. Wenn es im Jahr 50 einen so fortschrittlichen Zahnarzt gegeben hätte, wäre er wieder hingegangen.«
Eisenhardt atmete seufzend aus, verschränkte die Arme hinter dem Rücken, ging ein paar Schritte, drehte dann wieder um und ging denselben Weg zurück, blieb vor dem Grab stehen und sag auf die halb freigelegten Knochen hinab. Es roch nach heißem Staub. Der Schädel glänzte im Licht der Deckenlampen, nur die Augenhöhlen warfen dunkle Schatten.
»Sie denken, es ist ein Zeitreisender, nicht wahr?«
Einen Herzschlag lang Stille, dann hörte er John Kaun auflachen.
»Sehen Sie?« rief der dem Professor zu. »Was habe ich gesagt? Für einen Science Fiction-Schriftsteller ist das ein Kinderspiel. Wo wir uns die Köpfe heiß denken, schaut er einmal
hin und – zack, weiß er, was los ist!« Er klatschte in die Hände wie ein Kind, aber nicht einmal das sah lächerlich aus bei ihm, sondern bedrohlich. Eisenhardt spürte, wie sich etwas in seinem Magen verkrampfte.
»Das ist also Ihre archäologische Sensation«, meinte er.
»Das Skelett eines Zeitreisenden.«
Kaun hielt inne.
»Nein«, sagte er, in einem Tonfall, als werde ihm jetzt erst klar, daß Eisenhardt das Wichtigste noch gar nicht verstanden hatte. »Das ist noch nicht die Sensation.«
»Sondern?«
»Überlegen Sie doch«, forderte der Mann im dunkelblauen Anzug ihn auf. »Ein Zeitreisender. Mit einer Videokamera.«
Eisenhardt starrte ihn an. Er begriff.
»Oh, mein Gott«, entfuhr es ihm.
Kaun lächelte wölfisch. »Ja … was kann der wohl gewollt haben vor zweitausend Jahren?«
Aus: Andreas Eschbach: Das Jesus Video. Augsburg 1998, S. 66-67.
Eine kurze Zusammenfassung von Das Jesus Video
Bei archäologischen Ausgrabungen in Israel findet der junge IT-Unternehmer Stephen Foxx das Skelett eines Mannes aus dem ersten Jahrhundert entdeckt. Ungewöhnlich an dem Fund ist die Plastikverpackung und die beiliegende moderne Bedienungsanleitung für eine Videokamera, die noch gar nicht auf dem Markt ist. Der Fund ruft neben dem Medienmagnaten John Kaun auch die Kirche auf den Plan, wobei auch Foxx sich auf die Suche nach dem Verbleib des Videos macht. Denn immerhin muss es eine Kamera mit Aufnahmen geben, Aufnahmen von Jesus Christus. Foxx macht sich auf die Suche nach diesem mysteriösen Video, das möglicherweise bestimmte Ereignisse der Bibel zeigt, die vielleicht sogar die Kreuzigung. Der Science-Fiction Autor Peter Eisenhardt wird von Kaun engagiert, um mögliche Szenarien um den Fund und das Thema Zeitreisen zu erörtern. Als einer der führenden Medienunternehmer ist Kaun besonders an dem Video interessiert. Es beginnt ein spannender Wettlauf um den Fund des Videos, der die Figuren zurück in die Geschichte Jerusalems mit seinen historischen Orten führt und theologische Fragen aufwirft.
Über den Autor Andreas Eschbach
Andreas Eschbach, geboren 1959 in Ulm, ist einer der bekanntesten deutschen Science-Fiction-Autoren. Nach einem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik arbeitete er zunächst als Software-Entwickler, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete.
Eschbachs literarischer Durchbruch gelang 1998 mit Das Jesus Video. Das Buch wurde nicht nur zum Bestseller, sondern erhielt auch den renommierten Deutschen Science Fiction Preis und machte Eschbach über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Der Roman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und sogar als Fernsehfilm adaptiert.
Zu bekannten Werken zählen Eine Billion Dollar (2001), Der letzte seiner Art (2003), Ausgebrannt (2007) und auch Herr aller Dinge (2011). Sein Roman NSA – Nationales Sicherheits-Amt (2018) verlegt das Überwachungssystem der NSA ins Nazi-Deutschland und wurde kontrovers diskutiert. Mit GIER (2022) lieferte er einen dystopischen Thriller über künstliche Intelligenz und Überwachungskapitalismus.
Eschbachs Werke zeichnen sich durch akribische Recherche, vielschichtige Figuren und komplexe Handlungsstränge aus. Er verbindet technische und wissenschaftliche Konzepte mit philosophischen und ethischen Fragestellungen, sodass sie einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Dabei stellt er auch unbequeme Fragen, die zum Nachdenken anregen. Für sein Gesamtwerk wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kurd-Laßwitz-Preis, dem wichtigsten deutschen Science-Fiction-Preis, den er bereits mehrfach erhielt.
Häufige Fragen zu Das Jesus Video von Andreas Eschbach
⚠️ Hinweis: Die folgenden Antworten enthalten Spoiler. Wer das Buch noch nicht gelesen hat und die Spannung erhalten möchte, sollte diesen Abschnitt überspringen.
Welche Rolle spielt John Kaun in Das Jesus Video?
John Kaun ist der ambivalente Medienmagnat, der im Roman als Antagonist und treibende Kraft zugleich funktioniert. Als Medienzar finanziert er die Ausgrabung und engagiert den Science-Fiction-Autor Peter Eisenhardt, um die Implikationen des Funds zu durchdenken. Sein Interesse am Jesus-Video ist nie rein archäologisch, sondern medial und ökonomisch motiviert – das macht ihn zur Figur, an der der Roman seine Konsumkritik und Medienreflexion festmacht. Eschbach inszeniert ihn mit physischer Präsenz und „wölfischem Lächeln“ als bedrohliche Variante des modernen Patriarchen, der über Information herrscht.
Ist Das Jesus Video religionskritisch?
Eschbach inszeniert weniger eine religionskritische Position als eine Auseinandersetzung mit der Frage, was Glauben überhaupt ist – und wie er sich verändert, wenn er auf Beweise trifft. Das Buch nimmt sowohl die Position der Kirche als auch die der wissenschaftlichen Skepsis ernst, ohne eine der beiden zu denunzieren. Die eigentliche Kritik richtet sich eher gegen institutionelle Machtmechanismen, die Glauben für ihre Zwecke instrumentalisieren – auf beiden Seiten. Wer ein einfaches Pro- oder Contra-Buch erwartet, wird enttäuscht.
Warum heißt der Roman Das Jesus Video, wenn Videos heute veraltet sind?
Der Roman ist 1998 erschienen, als VHS und Camcorder noch Alltagsmedien waren. Eschbach nutzt das Video bewusst als Symbol für ein bestimmtes Wahrheitsverständnis: Was auf Video zu sehen ist, gilt als unbestreitbar. Diese Beweis-Idee überträgt der Roman auf die religiöse Frage – und bleibt damit auch heute relevant, weil sich die Frage nach medialer Authentizität in Zeiten von Deepfakes und KI-generierten Bildern eher noch verschärft hat. Das Medium Video wirkt veraltet, die Frage nach dem Beweischarakter visueller Medien ist aktueller denn je.
Lohnt sich Das Jesus Video auch für nicht-religiöse Leser?
Absolut. Der Roman setzt keine theologischen Vorkenntnisse voraus und funktioniert als Thriller über Wissenschaft, Macht und mediale Konstruktion von Wahrheit unabhängig von der Glaubensfrage. Wer sich für Zeitreise-Plots, Verschwörungsdramaturgie oder die Frage interessiert, wie Institutionen mit unbequemen Erkenntnissen umgehen, findet hier alle drei Stränge gleichzeitig. Die religiöse Dimension ist Anlass, nicht Voraussetzung der Lektüre.
Worum geht es in Der Jesus-Deal, der Fortsetzung?
Die Fortsetzung habe ich tatsächlich nicht gelesen. Allerdings ist die Verlagsseite frei einsehbar. Aber das Buch beginnt direkt im Anschluss an das Ende des Vorgängers, bei dem die Protagonisten sich das Video ansehen und dann durch eine fremde Elitetruppe überrascht werden, die das Video mitnehmen. Im Fokus steht im Nachfolger wohl der Multimilliardär Samuel Barron, der das Video sichern will, und seinen Sohn Michael. Es geht um Verschwörungen bis in die höchsten Kreise, um Wissenschaft, um Glaube und Wahrheit, Andreas Eschbach versteht es, unvereinbare Diskurse miteinander auf eine spannungsvolle Art und Weise miteinander zu verweben.
Wer ist der Tote im Grab in Das Jesus Video?
Der Tote in Das Jesus Video ist ein junger Mann, der durch bei seinem Urlaub durch die Zeit gefallen ist und sich zu Christi Lebzeiten in der Nähe von Bet Shearim wiederfindet. Als er erfährt, dass ein Prediger namens Jesus auf Kapernaum zu ihnen kommt, holt er die für den Urlaub gekaufte Videokamera hervor und filmt solange, bis die Batterien alle sind. Für Überlegungen zum Zustandekommen dieser ahistorischen Begebenheit engagiert Medienmagnat John Kaun sogar einen Schriftsteller, der gedankliche Flexibilität einbringen soll, allerdings steht eine so profane Lösung wie eine unbeabsichtigte Zeitreise vor Kauns eigentlichen Zielen eher im Hintergrund. Tatsächlich lernen wir den Zeitreisenden im Buch sogar zweimal kennen – auf verschiedene Arten.
Was haben Stephen Foxx und Peter Eisenhardt für eine Rolle im Roman?
Stephen Foxx ist der junge IT-Unternehmer, der den Fund auslöst und im Zentrum der Suche nach dem Video steht – er ist die Identifikationsfigur, durch deren Augen die Leser den Plot vorrangig erleben. Peter Eisenhardt dagegen ist die Reflexionsfigur: ein Science-Fiction-Autor, den John Kaun engagiert, um die Implikationen des Funds zu durchdenken. Diese Rollenverteilung ist erzählerisch geschickt, weil Eschbach damit zwei verschiedene Zugänge zum Stoff inszeniert – den jagenden, handelnden Foxx und den theoretisierenden, fragenden Eisenhardt. Der Roman lebt von dieser Doppelung: Die eine Figur sucht das Video, die andere fragt, was es bedeuten würde, es zu finden.
Welche Rolle spielt die Kirche in Das Jesus Video?
Die katholische Kirche taucht im Roman als institutioneller Akteur auf, der ein eigenes Interesse am Verbleib des Videos hat – und zwar ein Interesse, das nicht primär theologisch, sondern machtpolitisch motiviert ist. Eschbach zeichnet die kirchlichen Vertreter nicht als Karikatur, aber er macht deutlich, dass die Institution Selbstschutz über Wahrheitssuche stellt. Damit reiht sich das Buch in eine Tradition von Romanen ein, die religiöse Institutionen kritisch von ihrem eigenen Glaubenssubstrat trennen. Die Kirche im Roman fürchtet das Video nicht, weil es den Glauben gefährden würde, sondern weil es die kirchliche Deutungshoheit untergraben könnte.
Ist Das Jesus Video verfilmt worden?
Ja, Das Jesus Video wurde 2002 als zweiteiliger Fernsehfilm unter der Regie von Sebastian Niemann adaptiert, mit Matthias Koeberlin in der Hauptrolle. Die Verfilmung weicht in einigen Punkten vom Roman ab und konzentriert sich stärker auf die Thriller-Elemente als auf die theologischen Reflexionen. Wer den Roman geschätzt hat, wird die Verfilmung tendenziell als verkürzt empfinden – die intellektuelle Tiefe, die Eschbachs Eisenhardt-Figur in den Plot bringt, ist im Film weitgehend zurückgenommen. Als eigenständige Adaption funktioniert der Film aber, und für Leser, die nach der Lektüre einen visuellen Anschluss suchen, lohnt sich der Blick.
Zum Genre Science-Fiction
Wer den Begriff Science-Fiction hört, denkt oft an Aliens, Raumschiffe und fremde Planeten. Dabei bietet das Genre so viel. Oftmals sind wissenschaftliche oder technologische Spekulationen Ausgangspunkt für die Erörterung grundlegender Fragen über die menschliche Existenz, Gesellschaft und die Zukunft. Insofern dienen Science-Fiction-Stories als Gedankenexperimente, die sich durchaus an realen Szenarien orientieren und diese weiterdenken: Was wäre, wenn eine bestimmte Technologie existieren würde? Welche Konsequenzen hätte das für den Menschen und die Gesellschaft? Wie könnte unsere Welt in 50 Jahren aussehen? Insofern erlaubt das Genre den fiktionalen Rückgriff auf aktuelle gesellschaftliche, ethische oder philosophische Debatten, wobei die Szenarien in einem spekulativen Rahmen untersucht werden. Dabei unterhalten sie und regen zugleich zu kritischem Denken an.
Das Science-Fiction-Genre hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert. Zu den frühesten und bekanntesten Vertretern gehören Autoren wie Jules Verne und H.G. Wells. Mittlerweile haben sich auch viele Subgenres entwickelt, zu denen beispielsweise Hard Science-Fiction (mit Fokus auf wissenschaftliche Genauigkeit), Cyberpunk, Space Opera oder eben Zeitreise-Geschichten wie Eschbachs Jesus Video zählen. Insofern ist der Roman ein gutes Beispiel dafür, wie das Genre religiöse und wissenschaftliche Perspektiven in einen spannenden Dialog bringen kann.
Bildquellen
- Jesus-Video_ergebnis: Andreas Eschbach: Das Jesus Video. Augsburg 1998.








