Eulenspiegel entlarvt: Was der mittelalterliche Narr über Gesellschaft verrät

Illustration aus einem historischen Till Eulenspiegel-Druck: Eulenspiegel näht eine lebende Katze in ein Hasenfell und verkauft sie als ‚Hasen‘ an die Kürschner in Leipzig. Darstellung des Sprichworts ‚Die Katze im Sack kaufen‘. Wunderbarlich und seltzame Historien Tyl Eulenspiegels Eines Bawren Son, bürtig auß dem Land zu Braunschweig. München, Bayerische Staatsbibliothek -- Res/P.o.germ. 332 d, S.I. 1593, fol. 79r, online unter: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00089935?page=160,161 (zuletzt aufgerufen am 21.01.2026).

Zuletzt aktualisiert am 25. Januar 2026

Till Eulenspiegel ist eine der bekanntesten literarischen Gestalten des deutschen Mittelalters. Die Geschichten um den schalkhaften Narren wurden von verschiedenen Autoren über die Jahrhunderte hinweg weitergegeben. Die bekannteste Ausgabe stammt von Hermann Bote aus dem 16. Jahrhundert. Till Eulenspiegel ist bis heute wegen seiner witzigen und oft ironischen Streiche beliebt ist. In diesem Beitrag schauen wir uns besonders die Historien an, in denen er bekannte Sprichwörter wörtlich nimmt und damit die Menschen narrt.

Inhaltsverzeichnis

Till Eulenspiegel – Handlung, Themen & Bedeutung der Schelmenstreiche

Till Eulenspiegel zeichnet sich durch eine Reihe von humorvollen, scharfsinnigen und oft satirischen Erzählungen aus, die ihn als eine Figur des Widerstands gegen Autoritäten und soziale Normen darstellen. Denn er ist nicht nur ein harmloser Spaßmacher, sondern ein exzellenter Beobachter. Durch seinen Humor und seine Streiche setzt er den Menschen einen Spiegel vor und stellt sie unter anderem vor die Frage, warum sie die Autoritäten und Normen akzeptieren und befolgen. Diesbezüglich hat er einiges gemein mit Captain Yossarian, dem Protagonisten aus Joseph Hellers Catch 22. Till Eulenspiegel ist gutes Beispiel für die Macht des Humors und der Satire als Mittel des Widerstands. Eben dies macht die Geschichten von Till Eulenspiegel zeitlos und universell – damit sind sie auch bestens für kurze Lektüren zwischendurch geeignet.

Warum Till Eulenspiegel eine unterhaltsame Weihnachtslektüre ist

👉 Die Mischung aus Wortspielen, Ironie und situativen Komik macht die Geschichten unterhaltsam, weil in den Humor und Tiefsinn verbunden werden.
👉 Eulenspiegel stellt Autoritäten, gesellschaftliche Konventionen und die menschliche Dummheit infrage, denn seine Streiche entlarven oft die Arroganz und Heuchelei der Mächtigen.
👉 Er zeigt, wie man sich durch List und Humor gegen Ungerechtigkeiten oder soziale Hierarchien wehren kann.
👉 Sein Schelmen-Dasein regt zum Lachen an, was in der oft hektischen Weihnachtszeit eine willkommene Abwechslung ist.
👉 In den Geschichten sind Redewendungen oder Sprichwörter verborgen, wobei es spannend sein kann, diese zu entdecken.

Till Eulenspiegel und das Sprichwort „Wer Brot hat, dem gibt man Brot“ – Historie 18 erklärt

Die 18. Historie sagt, wie Eulenspiegel Brot kaufte nach dem Sprichwort: »Wer Brot hat, dem gibt man Brot«.

Treue gibt Brot. Als Eulenspiegel den Doktor betrogen hatte, kam er danach gen Halberstadt. Er ging auf dem Markt umher und sah, daß es ein harter und kalter Winter war. Da dachte er: der Winter ist hart, und der Wind weht dazu scharf; du hast doch oft gehört: Wer Brot hat, dem gibt man Brot. Und er kaufte für zwei Schillinge Brot, nahm einen Tisch und stellte sich vor dem Dom von Sankt Stephan auf. Er hielt sein Brot feil und trieb solange Gauklerei, bis ein Hund kam, ein Brot vom Tisch nahm und damit den Domhof hinauflief. Eulenspiegel lief dem Hund nach. Unterdessen kam eine Sau mit zehn jungen Ferkeln und stieß den Tisch um; ein jegliches Tier nahm ein Brot ins Maul und lief damit hinweg.
Da fing Eulenspiegel an zu lachen und sagte: »Nun sehe ich klar, daß die Worte falsch sind, wenn man spricht: wer Brot hat, dem gibt man Brot. Ich hatte Brot, und das wurde mir genommen.« Und er sprach weiter: »O Halberstadt, Halberstadt, du führst deinen Namen mit Recht. Dein Bier und deine Kost schmecken wohl, aber deine Geldbeutel sind von Sauleder gemacht.« Und er zog wieder gen Braunschweig.

Die Geschichte ist auch online zu finden: https://www.projekt-gutenberg.org/bote/eulenspg/eulen18.html

Illustration aus einem historischen Till Eulenspiegel-Druck: Eulenspiegel verkauft Brot auf dem Marktplatz, während ein Hund und eine Sau das Brot stehlen. Darstellung des Sprichworts ‚Wer Brot hat, dem gibt man Brot‘. Wunderbarlich und seltzame Historien Tyl Eulenspiegels Eines Bawren Son, bürtig auß dem Land zu Braunschweig. München, Bayerische Staatsbibliothek -- Res/P.o.germ. 332 d, S.I. 1593, fol. 24r, online unter: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00089935?page=52,53 (zuletzt aufgerufen am 21.01.2026).
Illustration aus einem historischen Till Eulenspiegel-Druck: Eulenspiegel verkauft Brot auf dem Marktplatz, während ein Hund und eine Sau das Brot stehlen. Darstellung des Sprichworts ‚Wer Brot hat, dem gibt man Brot‘. Wunderbarlich und seltzame Historien Tyl Eulenspiegels Eines Bawren Son, bürtig auß dem Land zu Braunschweig. München, Bayerische Staatsbibliothek — Res/P.o.germ. 332 d, S.I. 1593, fol. 24r, online unter: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00089935?page=52,53 (zuletzt aufgerufen am 21.01.2026).

Historie 18 von Till Eulenspiegel – Handlung und Streiche

Die 18. Historie erzählt, wie Till Eulenspiegel das Sprichwort „Wer Brot hat, dem gibt man Brot“ wörtlich auf dem Marktplatz von Halberstadt ausprobiert. Eulenspiegel kauft Brot, stellt es auf einen Tisch und versucht, das Sprichwort durch sein Verhalten zu prüfen. Die Tiere auf dem Markt – zunächst ein Hund, dann eine Sau mit Ferkeln – entwenden das Brot, woraufhin Eulenspiegel erkennt, dass die wörtliche Umsetzung des Sprichworts fehlschlägt. Daraufhin kommentiert er die Diskrepanz zwischen der Redensart und der Realität und verlässt Halberstadt in Richtung Braunschweig.

Die Handlung illustriert den typischen Aufbau einer Eulenspiegel-Historie: ein scheinbar einfacher Plan, der auf einer bekannten gesellschaftlichen oder sprachlichen Norm basiert, eskaliert durch unerwartete Ereignisse, meist mit komischem Ausgang. Till fungiert als Reflexionsfigur, die Alltagsweisheiten auf die Probe stellt.

Zum Sprichwort „Wer Brot hat, dem gibt man Brot“ in Historie 18

Das zentrale Sprichwort „Wer Brot hat, dem gibt man Brot“ wird in der Historie wörtlich genommen, wodurch Till Eulenspiegel die Inkongruenz zwischen sprachlicher Konvention und realer Erfahrung demonstriert. Die Ironie entsteht aus der Diskrepanz zwischen der erwarteten normativen Aussage („wer Brot besitzt, erhält Gutes“) und dem tatsächlichen Ergebnis: Das Brot wird von Tieren gestohlen, Eulenspiegel erlebt die gegenteilige Realität. Man könnte insofern auch von einem Gedankenexperiment sprechen, das literarisch „aufgebaut“ ist und Sprichwörter literarisch und visuell inszeniert.

  • Till entlarvt die Sprache als unzuverlässiges Medium, ein Merkmal des Schelmenromans.
  • Die Historie illustriert die Konfrontation von Redewendung und empirischer Realität, wodurch das Sprichwort seine normative Autorität verliert.
  • Eulenspiegels abschließende Bemerkung über Halberstadt zeigt, dass Sprichwörter nicht universell gültig sind, sondern kontextabhängig interpretiert werden müssen.

Gesellschaftliche und sprachliche Bedeutung der 18. Historie

Die Historie reflektiert sowohl gesellschaftliche Normen als auch Sprache als kulturelles Instrument:

  • Gesellschaftlich: Die Markt- und Stadtsituation verdeutlicht den Umgang mit Besitz, Wirtschaft und sozialer Ordnung im spätmittelalterlichen städtischen Alltag. Der Marktplatz fungiert als mikrokosmischer Spiegel der Gesellschaft.
  • Linguistisch: Durch die wörtliche Ausführung des Sprichworts wird die Ambivalenz und Instabilität von Redewendungen offengelegt. Sprichwörter, die moralische oder pragmatische Ratschläge transportieren, werden im narrativen Kontext hinterfragt.
  • Literarisch: Till Eulenspiegel fungiert als kritische Reflexionsfigur, die normative Aussagen dekonstruiert. Humor und Ironie dienen gleichzeitig der Unterhaltung und der kritischen Hinterfragung gesellschaftlicher Weisheiten.

Fazit zu Till Eulenspiegel und der 18. Historie

Die 18. Historie zeigt, dass Sprache und soziale Normen nicht automatisch Realität abbilden. Till Eulenspiegel macht auf humorvolle Weise deutlich, dass Redewendungen oft allgemeine Wünsche oder Ideale transportieren, aber empirisch überprüfbar nur begrenzt gelten. Der Schelmenroman wird so zum Medium der gesellschaftlichen und sprachlichen Reflexion.

Till Eulenspiegel und die Redewendung „Die Katze im Sack kaufen“ – Historie 53 erklärt

Die 53. Historie sagt, wie Eulenspiegel in Leipzig den Kürschnern eine lebende Katze in ein Hasenfell nähte und sie in einem Sack als lebendigen Hasen verkaufte.

Eulenspiegel konnte sich schnell einen guten Streich ausdenken, was er den Kürschnern in Leipzig am Fastnachtsabend bewies, als sie zusammen ihr Zechgelage abhielten. Diesmal hätten sie gern Wildbret dazu gehabt. Das vernahm Eulenspiegel und dachte in seinem Sinn: der Kürschner in Berlin hat dir nichts für deine Arbeit gegeben; das sollen dir diese Kürschner bezahlen. Also ging er in seine Herberge. Dort hatte sein Wirt eine schöne, fette Katze. Diese nahm Eulenspiegel unter seinen Rock und bat den Koch um ein Hasenfell, er wolle damit einen hübschen Schelmenstreich ausführen.
Der Koch gab ihm ein Hasenfell, darin nähte Eulenspiegel die Katze ein. Dann zog er Bauernkleider an, stellte sich vor das Rathaus und hielt sein Wildbret so lange unter der Joppe verborgen, bis einer der Kürschner daherkam. Den fragte Eulenspiegel, ob er nicht einen guten Hasen kaufen wolle und ließ ihn den Hasen unter der Joppe sehen. Da einigten sie sich, daß er ihm vier Silbergroschen für den Hasen gab und sechs Pfennige für den alten Sack, in dem der Hase steckte. Den trug der Kürschner in seines Zunftmeisters Haus, wo sie beieinander waren mit großem Lärmen und viel Fröhlichkeit, und sagte, daß er den schönsten lebendigen Hasen gekauft habe, den er seit Jahren gesehen habe. Alle betasteten ihn der Reihe nach.
Da sie nun den Hasen erst zur Fastnacht haben wollten, ließen sie ihn in einem eingezäunten Grasgarten umherlaufen, holten Jagdhunde und wollten Kurzweil bei der Hasenjagd haben.
Als nun die Kürschner zusammenkamen, ließen sie den Hasen los und die Hunde dem Hasen nachlaufen. Da der Hase nicht schnell laufen konnte, sprang er auf einen Baum, rief: »Miau!« und wäre gern wieder zu Hause gewesen. Als das die Kürschner vernahmen, riefen sie ungestüm: »Kommt, kommt! Lauft schnell, ihr lieben, guten Zunftgenossen! Der uns mit der Katze geäfft hat: schlagt ihn tot!«
Dabei blieb es aber. Denn Eulenspiegel hatte seine Kleider ausgezogen und sich so verändert, daß sie ihn nicht erkannten.

Auch hier online zum Lesern verfügbar

Überhaupt kann man Tills Abenteuer online direkt nachlesen

Illustration aus einem historischen Till Eulenspiegel-Druck: Eulenspiegel näht eine lebende Katze in ein Hasenfell und verkauft sie als ‚Hasen‘ an die Kürschner in Leipzig. Darstellung des Sprichworts ‚Die Katze im Sack kaufen‘. Wunderbarlich und seltzame Historien Tyl Eulenspiegels Eines Bawren Son, bürtig auß dem Land zu Braunschweig. München, Bayerische Staatsbibliothek -- Res/P.o.germ. 332 d, S.I. 1593, fol. 79r, online unter: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00089935?page=160,161 (zuletzt aufgerufen am 21.01.2026).
Till Eulenspiegel täuscht die Kürschner: Eine Katze wird in ein Hasenfell eingenäht und als lebendiger Hase verkauft – visuelle Umsetzung des Sprichworts ‚Die Katze im Sack kaufen‘ aus der 53. Historie. Wunderbarlich und seltzame Historien Tyl Eulenspiegels Eines Bawren Son, bürtig auß dem Land zu Braunschweig. München, Bayerische Staatsbibliothek — Res/P.o.germ. 332 d, S.I. 1593, fol. 79r, online unter: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00089935?page=160,161 (zuletzt aufgerufen am 21.01.2026).

Historie 53 von Till Eulenspiegel – Handlung und Streiche

Die 53. Historie (je nach Druck variiert die Reihenfolge und die Geschichte steht an 54. Stelle o.ä.) schildert, wie Till Eulenspiegel die Kürschner in Leipzig an Fastnacht mit einem raffinierten Streich narrt. Eulenspiegel näht eine lebende Katze in ein Hasenfell und verkauft diesen „Hasen“ an die Kürschner, die den Streich zunächst nicht durchschauen. Bei der Hasenjagd zeigt sich die Täuschung: Die Katze kann nicht laufen wie ein Hase, ruft „Miau!“, und die Kürschner erkennen die Falschheit des Tieres. Till entkommt jedoch unversehrt, indem er seine Kleidung wechselt und damit seine Identität verschleiert.

Der Aufbau der Historie folgt dem klassischen Eulenspiegel-Muster: eine alltägliche Situation, die scheinbar harmlos beginnt, eskaliert durch das clevere Spiel mit Normen und Erwartungen, bis ein überraschendes und humorvolles Ende erreicht wird. Till agiert dabei als intelligenter Akteur, der soziale Hierarchien und Erwartungshaltungen spielerisch hinterfragt.

Redewendung „Die Katze im Sack kaufen“ in Historie 53

Das zentrale Sprichwort „Die Katze im Sack kaufen“ wird hier wörtlich und satirisch umgesetzt. Eulenspiegel täuscht die Kürschner, indem er das Wortspiel realisiert: Anstatt eines echten Hasen erhalten sie eine Katze, verborgen im Sack. Die Ironie entsteht aus der Diskrepanz zwischen sprachlicher Erwartung und realem Ergebnis.

  • Die Historie illustriert die kritische Auseinandersetzung mit Redewendungen: Sie sind nicht als absolute Wahrheit zu verstehen, sondern müssen im Kontext geprüft werden.
  • Till Eulenspiegel nutzt die Redewendung, um die menschliche Gier, Leichtgläubigkeit und soziale Selbstüberschätzung zu karikieren.
  • Humor und Täuschung dienen zugleich der gesellschaftlichen Reflexion und der Unterhaltung.

Gesellschaftliche und sprachliche Bedeutung der 53. Historie

Die Historie offenbart sowohl soziale als auch linguistische Aspekte:

  • Gesellschaftlich: Die Kürschner stehen für städtische Zunftstrukturen und repräsentieren soziale Macht, die durch Tills Streich temporär unterlaufen wird. Der Markt- und Fastnachtkontext ermöglicht das Ausprobieren von Normen und Regeln außerhalb des Alltags.
  • Linguistisch: Durch die wörtliche Umsetzung der Redewendung wird Sprache als flexibles und manipulatives Instrument sichtbar. Sprichwörter transportieren normative Erwartungen, die in der Realität oft konträr verlaufen.
  • Literarisch: Till Eulenspiegel fungiert erneut als kritische Reflexionsfigur, die menschliche Schwächen offenlegt und die Diskrepanz zwischen Redewendung und Wirklichkeit humorvoll kommentiert.

Fazit zur Historie 53 von Till Eulenspiegel

Historie 53 zeigt, wie Sprache, Normen und gesellschaftliche Erwartungen durch Schelmenstreiche dekonstruiert werden. Till Eulenspiegel beweist, dass Redewendungen zwar gesellschaftliche Orientierung bieten, aber empirisch überprüfbar und ironisch hinterfragbar bleiben.

Schelmenroman – Definition und bekannte Werke

Der Schelmenroman ist eine literarische Gattung, die besonders im 16. und 17. Jahrhundert in Europa verbreitet war. Typisch für diese Romane ist die Darstellung eines gewitzten Antihelden, der durch Schläue, Täuschung und Humor gesellschaftliche Normen und Hierarchien hinterfragt. Solche Figuren sind meist aus einfachen Verhältnissen stammend, geraten in Alltagssituationen und lösen Konflikte auf unkonventionelle Weise. Der Schelmenroman kombiniert Unterhaltung mit subtiler Gesellschaftskritik, wobei Ironie, Sprachspiel und Situationskomik zentrale Elemente darstellen.

Bekannte Werke dieser Gattung sind neben Till Eulenspiegel auch der spanische Lazarillo de Tormes (1554), der deutsche Der abenteuerliche Simplicissimus (1668) von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen sowie spanische und französische Schelmenromane wie Guzmán de Alfarache oder Les Aventures de Télémaque in späteren Adaptationen. Alle diese Werke teilen das Prinzip, dass der Protagonist die Widersprüche der Gesellschaft aufdeckt, oft zum eigenen Vorteil, und dabei moralische, soziale oder sprachliche Normen auf humorvolle Weise hinterfragt und kommentiert.

Warum Till Eulenspiegel bis heute beliebt ist – Analyse der Geschichten

Die Geschichte von Till Eulenspiegel ist spannend, unterhaltsam und bei eingehender Betrachtung komplex, da sie gesellschaftliche Themen wie soziale Ungerechtigkeit, die Korruption der Mächtigen und die Heuchelei der Institutionen humorvoll darstellt. Eulenspiegel wird dabei nicht nur als einfacher Narr und Spaßmacher inszeniert, sondern als eine vielschichtige und ambivalente Figur, die durch ihre Streiche die Gesellschaft zum Nachdenken anregen soll. Der Verschmelzung von Humor und Kritik kommt bei der Reflexion eine besondere Rolle zu und es ist auch gerade der Humor, der die Geschichten so interessant macht – er ist nämlich äußerst vielschichtig. Oft steckt in den Streichen eine intelligente, kritische Reflexion über die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Willkür der Macht. Humor und Spott als Form des Widerstands? Auf jeden Fall!

📚 FAQ: Alles über Till Eulenspiegel – Historien, Sprichwörter & Bedeutung

Wer war Till Eulenspiegel?

Till Eulenspiegel ist eine legendäre Schelmenfigur aus dem 14. Jahrhundert, die vor allem durch eine anonyme niederdeutsche Schwanksammlung von 1515 bekannt wurde. Er gilt als Volksheld und Narr, der mit Witz und Spott die Schwächen und Absurditäten der Gesellschaft aufdeckt. Ob es ihn wirklich gegeben hat, ist historisch umstritten.

Was sind die wichtigsten Merkmale der Figur?

Eulenspiegel ist ein Trickster – ein Schelm, der Regeln bricht, Autoritäten lächerlich macht und sprachliche Mehrdeutigkeiten ausnutzt. Er ist schlau, frech, aber nicht unbedingt moralisch. Er stellt die Welt auf den Kopf und offenbart dabei gesellschaftliche Missstände, etwa Heuchelei, Dummheit, Habgier oder Standesdünkel.

Was ist das zentrale Prinzip seiner Streiche?

Seine Streiche beruhen meist auf wortwörtlicher Auslegung von Redewendungen und Befehlen. Wenn ihm jemand z. B. sagt, er solle „die Leute am Markt bedienen“, dann kann es sein, dass er sie mit einem Tablett schlägt – weil er das „Bedienen“ körperlich versteht. Diese Missverständnisse erzeugen Komik, zeigen aber auch die Schwächen von Sprache und Autorität.

Welche gesellschaftliche Funktion erfüllt Till Eulenspiegel?

Er erfüllt die Rolle des Narren, der als Außenseiter Wahrheiten sagen darf, die andere sich nicht trauen. Durch seine Späße wird Kritik an Obrigkeiten, der Kirche, Ärzten, Kaufleuten oder der Wissenschaft geübt. So wird Eulenspiegel zu einer Art „Spiegel“ der Gesellschaft – daher auch sein Name.

Was bedeutet der Name „Eulenspiegel“?

Der Name setzt sich zusammen aus „Eule“ und „Spiegel“, zwei Symbole, die auch auf seinem Wappen erscheinen. Die Eule steht traditionell für Weisheit, aber auch für nächtliche Heimlichkeit. Der Spiegel symbolisiert das Zurückwerfen des Bildes – also die gesellschaftskritische Funktion: Eulenspiegel hält den Menschen den Spiegel vor.

Wann und wo ist Till Eulenspiegel angeblich geboren und gestorben?

Laut der Schwanksammlung wurde Eulenspiegel um 1300 in Kneitlingen (heute Niedersachsen) geboren und starb um 1350 in Mölln (Schleswig-Holstein). In Mölln gibt es ein Till-Eulenspiegel-Museum und einen Gedenkstein – die Stadt hat die Figur stark in ihre Identität integriert.

Welche literarische Form hat das Eulenspiegel-Buch von 1515?

Das Werk besteht aus 96 Schwänken (kurzen Episoden), die lose chronologisch Eulenspiegels Lebensweg nachzeichnen. Es ist kein Roman im heutigen Sinn, sondern eine episodische Sammlung von Streichen, die oft einen komischen, aber auch gesellschaftskritischen Charakter haben. Die Sprache ist oft derb und volkstümlich.

Welche Bedeutung hat das Werk für die Literaturgeschichte?

„Till Eulenspiegel“ ist eines der bedeutendsten Werke der frühneuhochdeutschen Literatur und ein Klassiker des deutschsprachigen Schelmenromans. Es ist eine der frühesten fiktionalen Figuren der deutschen Literatur mit literarischem Wiedererkennungswert. Es beeinflusste spätere Autoren wie Grimmelshausen oder Jean Paul.

Warum ist Till Eulenspiegel bis heute beliebt?

Weil er die Lust am Ungehorsam, an Wortwitz und an sozialem Ausgleich bedient. Er steht für eine Figur, die sich nichts gefallen lässt, den Starken Paroli bietet und die Verhältnisse infrage stellt – eine Art Populärfigur, die immer wieder neu interpretiert werden kann: als Held, Narr, Anarchist oder Satiriker.

In welchen Medien lebt die Figur heute weiter?

Eulenspiegel taucht immer wieder in Kinderbüchern, Theaterstücken, Hörspielen, Comics, Opern (z. B. von Richard Strauss) oder Fernsehsendungen auf. Auch politische Satireformate greifen seinen Namen auf, etwa die DDR-Zeitschrift Eulenspiegel. Die Figur hat sich als kulturhistorisches Symbol erhalten.

Gibt es internationale Entsprechungen zu Eulenspiegel?

Ja, ähnliche Figuren gibt es in vielen Kulturen: z. B. Nasreddin Hodscha im türkisch-arabischen Raum, der französische „Gargantua“ bei Rabelais oder der italienische Pulcinella. All diese Figuren verkörpern den Volkswitz und die Umkehrung gesellschaftlicher Normen durch Ironie und Täuschung.

Welche Zielgruppe hatte das Eulenspiegel-Buch ursprünglich?

Ursprünglich war das Werk für ein erwachsenes Publikum gedacht, besonders für das aufkommende städtische Bürgertum. Erst später wurde Eulenspiegel durch Bearbeitungen und kindgerechte Adaptionen zu einer bekannten Kinderbuchfigur gemacht – allerdings meist stark entschärft.

Katrin Beißner

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Dieser Blog dient dem Interpretieren von Literatur, Filmen und Kunst, individuellen Erfahrungen und der Realität. Die Analysen und Interpretationen erfolgen als Gedankenexperimente im Rahmen einer Beschäftigung mit dem Erzählen, literarischen Figuren, historischen Personen sowie realen Menschen unter Anwendung literaturwissenschaftlicher Theorien und Methoden.

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