Zuletzt aktualisiert am 17. Januar 2026
Hinter Tür Nummer 14 befindet sich Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit von Rutger Bregman, einem niederländischen Historiker, Journalist und Bestsellerautor. Er argumentiert, dass Menschen von Natur aus nicht egoistisch oder gewalttätig sind, sondern eher kooperativ, empathisch und gut. Bregman widerlegt darüber hinaus pessimistische Ansichten über die Menschheit und zeigt, dass viele historische und psychologische Theorien – wie die des homo homini lupus (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) – fehlerhaft oder übertrieben sind. Und mit dieser hoffnungsvollen Botschaft passt dieses Buch wunderbar zu diesem Literarischen Adventskalender. Auch interessant sein könnte die moralische Ambition von Rutger Bregman. Im Grunde gut ruft mit seinen Argumentationen zu einem Umdenken auf und vermittelt mindestens eine neue Perspektive. Die muss man nicht übernehmen, aber anschauen und reflektieren – vielleicht hilft sie tatsächlich bei der Neusortierung der eigenen Welt.
Im Grunde gut von Rutger Bregman ist lesenswert, weil …
👉 es ein positives Menschenbild vermittelt und die weit verbreitete Annahme von der Schlechtigkeit des Menschen widerlegt.
👉 es zahlreiche inspirierende Beispiele für menschliche Solidarität liefert.
👉 es alternative Perspektiven auf bekannte Ereignisse bietet.
👉 es dich mit vielen Vorschlägen ermutigt, das Beste im Menschen zu sehen.
👉 es die Bedeutung von Vertrauen für nachhaltige Veränderung betont.
Zusammenfassung: Worum geht es in Im Grunde gut?
Rutger Bregman belegt in Im Grunde gut mit zahlreichen Beispielen aus Geschichte, Psychologie und Soziologie, dass Menschen in Krisen oft solidarisch handeln und dass Vertrauen und Zusammenarbeit die Grundlage für eine bessere Gesellschaft bilden können. Unter anderem greift er auch auf literarische Bilder wie Herr der Fliegen von William Golding zurück. Golding hatte dort Jungen auf einer Insel stranden lassen und an ihnen auf kleinstem Raum ein ltierarischer Experiment vollzogen und gezeigt, dass es bereits unter Jungen keine Solidarität gibt.
Zentrale Thesen & Kernideen von Bregman
- In Win-win-Szenarien denken: Im besten Fall gewinnen alle
- Sich outen und nicht für das Gute schämen: Gutes tun steckt an
- Mitgefühl trainieren, Empathie zügeln: Mitgefühl kostet keine Energie und man bleibt im Handeln.
- Versuchen, andere zu verstehen, auch wenn man kein Verständnis aufbringen kann: Verstehen ist nicht gleich Verständnis.
Textpassage aus Im Grunde gut von Rutger Bregman
Jemanden zu verstehen muss natürlich nicht bedeuten, dass man auch Verständnis für ihn aufbringt. Man kann einen Faschisten, einen Terroristen oder einen Liebhaber von Tatsächlich … Liebe sehr gut verstehen, ohne den Faschismus, den Terrorismus oder die Kulturbarbarei [möglich, dass hier auf Walter Benjamins 7. These aus Über den Begriff der Geschichte angespielt wird: Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein] gutzuheißen. Jemanden auf rationaler Ebene zu verstehen, ist eine Fertigkeit. Vergleichbar mit einem Muskel, den man trainieren kann.
Unseren Verstand benötigen wir dann am dringendsten, wenn wir bisweilen unseren Wunsch unterdrücken, nett zu sein. Unser freundlicher Instinkt steht nämlich manchmal der Wahrheit im Weg. Und der Gerechtigkeit. Wie oft halten wir den Mund, wenn wir Unrecht sehen, weil wir nicht als Miesmacher dastehen wollen? Wie oft verkneifen wir uns Bemerkungen um des lieben Friedens willen? Und wie oft stellen wir Menschen, die ihr Rechte einfordern, als Querulanten hin?
Aus: Bregman, Rutger: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure und Gerd Busse. 13. Auflage. Hamburg 2023, S. 423-424.
Warum Rutger Bregman zwischen Verstehen und Verständnis unterscheidet
Bregmans Passage entfaltet ein zentrales Spannungsverhältnis seines gesamten Buches: die Unterscheidung zwischen Verstehen und Verständnis. Er trennt hier sauber die kognitive Fähigkeit, Handlungen und Weltbilder nachzuvollziehen, von der moralischen Entscheidung, sie zu billigen oder abzulehnen. Dieser Unterschied ist wichtig, weil er das Missverständnis ausräumt, Empathie sei automatisch gleichbedeutend mit Zustimmung. Bregman zeigt: Rationales Begreifen kann sogar eine Voraussetzung sein, um moralisch handeln zu können, gerade weil es uns erlaubt, Muster, Motive und Strukturen klar zu erkennen.
Sein Beispielkatalog – Faschist, Terrorist, Liebhaber von Tatsächlich … Liebe – arbeitet mit bewusst steigendem Grad an Ironie. Dadurch schafft er einen komischen Moment, der die Schwere der angesprochenen Themen kurz entschärft, ohne sie zu verharmlosen. Gleichzeitig verweist der Einschub auf Walter Benjamin auf eine tiefere theoretische Ebene: Kultur und Barbarei als untrennbares Paar. Bregman zeigt, dass das Verständnis destruktiver Ideologien nicht deren Normalisierung bedeutet, sondern vielmehr ihre Durchschaubarkeit erhöht.
Die zweite Hälfte der Passage verschiebt den Fokus: vom Verstehen anderer hin zum Verstehen unserer eigenen ethischen Reflexe. Bregman diagnostiziert etwas Alltägliches und zugleich Verstörendes: dass unser Drang, „nett“ zu sein, häufig mit moralischer Feigheit verwechselt wird. Die Beispiele, die er nennt, sind universell – Schweigen aus Angst vor Disharmonie, Rückzug aus Konflikten, die eigentlich Gerechtigkeit erfordern würden. Damit formuliert er eine subtile Kritik an gesellschaftlicher Höflichkeit als sozialem Schmiermittel, das gelegentlich zu einer Art moralischem Lähmungsmittel wird.
Die wahrscheinlich wichtigste Aussage dieser Passage lautet daher:
Güte ist nicht immer ein Instinkt, sondern manchmal eine Entscheidung gegen Bequemlichkeit.
Und genauso ist rationales Verstehen kein Gefühl, sondern eine Fähigkeit, die wir kultivieren müssen, gerade wenn uns unsere spontane Nettigkeit im Weg steht.
Diese Stelle zeigt exemplarisch, wie Bregman argumentiert: Er verbindet Humor, moralische Klarheit und psychologische Einsicht und führt so vor, dass ein positives Menschenbild nicht naiv ist – sondern anstrengend, weil es aktives Denken erfordert.
Zum Autor Rutger Bregman
Rutger Bregman (*1988) ist ein niederländischer Historiker, Journalist und Bestsellerautor. Er ist bekannt für seine unkonventionellen und optimistischen Perspektiven auf soziale und wirtschaftliche Themen. Neben Im Grunde gut schrieb er Utopien für Realisten, in dem er das bedingungslose Grundeinkommen und die 15-Stunden-Woche propagiert. Seine Arbeiten regen zum Nachdenken an und fordern traditionelle Denkmuster heraus. Bregman ist ein häufiger Gast in internationalen Medien und hält Vorträge zu sozialen Innovationen. 2019 erregte Bregman große Aufmerksamkeit, als er beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Elite für ihre Heuchelei bezüglich Steuervermeidung und Ungleichheit kritisierte. Seine Rede ging viral und machte ihn weltweit bekannt. Er gilt als einer der führenden Intellektuellen seiner Generation und wurde in die Liste der 100 einflussreichsten Denker der Welt des Magazins Foreign Policy aufgenommen.
Wutrede in Davos: Historiker rechnet mit Reichen ab (Video)
Und noch ein historisches Beispiel für Solidarität aus Dänemark von 1943:
https://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-tausende-daenische-juden-wurden-vor-der-100.html
Die Rettung der dänischen Juden im Oktober 1943 ist ein bemerkenswertes Beispiel für Zivilcourage und Solidarität während des Holocausts. Im Herbst 1943 plante die deutsche Besatzungsmacht in Dänemark die Deportation der dort lebenden jüdischen Bürger. Ein rechtzeitiger Hinweis des deutschen Diplomaten Georg Ferdinand Duckwitz ermöglichte rechtzeitigen Widerstand.
Die Rettungsaktion der dänischen Juden von 1943
- Organisierte Flucht: In einer groß angelegten Aktion wurde der Großteil der etwa 7.200 dänischen Juden und ihrer Angehörigen in den Nächten um den 1. und 2. Oktober 1943 in Sicherheit gebracht.
- Transport nach Schweden: Mit Fischerbooten und anderen kleinen Wasserfahrzeugen wurden die Juden heimlich über den Øresund nach Schweden geschmuggelt, das neutral war und sie aufnahm.
- Breite Unterstützung: Die Rettung war nur möglich, weil eine große Anzahl von Dänen – von Fischern über Ärzte bis hin zu Geistlichen – zusammenarbeitete. Viele halfen freiwillig und nahmen persönliche Risiken auf sich.
Fast alle dänischen Juden entkamen, nur etwa 480 wurden von den Deutschen gefangen genommen und in Konzentrationslager deportiert. Die meisten von ihnen überlebten dank dänischer Interventionen und besserer Bedingungen im Lager Theresienstadt. Die Rettungsaktion zeigt, wie Solidarität und Widerstand auch unter schwierigen Bedingungen erfolgreich sein können. Sie ist ein Symbol für Menschlichkeit in einer Zeit der Barbarei.
Die zugehörige Textpassage zur Rettung der Juden aus Im Grunde gut zitiert
Bregman erklärt in Im Grunde gut den Grund für dieses solidarische Verhalten der Dänen. Er zitiert den Historiker Bo Lidegaard, der davon ausgeht, dass die dänischen Juden durch die konsequente Solidarität ihrer Landsleute geschützt wurden. (S. 204)
Als sich die Nachricht von der Razzia verbreitete, machte der Widerstand überall mobil. Kirchen, Universitäten, die Geschäftswelt, das Königshaus, die Anwaltskammer und der Dänische Nationale Frauenbund – sie alle zeigten sich zum Widerstand bereit. In kürzester Zeit wurde ein Netzwerk von Fluchtwegen eingerichtet. Es gab keine zentrale Organisation, es wurde kein Versuch unternommen, die Hunderte von Initiativen zu koordinieren. Dafür blieb auch keine Zeit. Tausende Dänen, arm und reich, jung und alt, hatten verstanden, dass es auf sie ankam. Wer jetzt wegschaute, verriet sein Land.-
Die Historikerin Leni Yahil notierte, dass «Bitten um Hilfe in keinem Fall verweigert wurden.» Schulen und Krankenhäuser öffneten ihre Türen. Kleine Fischerdörfer nahmen Hunderte von Flüchtlingen auf. Auch die dänische Polizei half, wo immer es möglich war, und weigerte sich, mit den Nazis zu kooperieren. «Wir Dänen treiben mit unserer Verfassung keinen Kuhhandel», schnaubte die Widerstandszeitung Dansk Maanedspost wütend, «und schon gar nicht, wenn es um die Gleichheit unserer Bürger geht.»
Wo das große Deutschland jahrelang rassistische Propaganda aufgesaugt hatte, blieb das kleine Dänemark von Humanismus durchdrungen. Die dänischen Staats- und Regierungschefs bestanden weiterhin auf der Gültigkeit des demokratischen Rechtsstaats. Wer Menschen gegeneinander ausspielte, galt nicht als wahrer Däne. Daher konnte von einer «jüdischen Frage» überhaupt keine Rede sein. Es gab nur Landsleute.
Aus: Bregman, Rutger: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure und Gerd Busse. 13. Auflage. Hamburg 2023, S. 204.
Was Rutger Bregman an der Rettung der dänischen Juden zeigt
Diese Passage aus Im Grunde gut zeigt eines der stärksten historischen Beispiele, mit denen Rutger Bregman seine These des positiven Menschenbildes belegt: den dänischen Widerstand gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung. Bregman beschreibt, wie sich 1943 innerhalb weniger Stunden ein dezentrales Netzwerk formte, das Juden in Dänemark rettete – ohne zentrale Organisation, sondern getragen von Kirchen, Universitäten, Fischerfamilien, Krankenhäusern und sogar Teilen der Polizei.
Dieses Ereignis gilt bis heute als Musterbeispiel menschlicher Solidarität und Zivilcourage. Der dänische Widerstand zeigt, dass Kooperation nicht erzwungen werden muss, sondern entsteht, wenn eine demokratische Kultur Humanität als politischen Kern begreift. Leni Yahils historische Einschätzung, dass „Bitten um Hilfe in keinem Fall verweigert wurden“, unterstreicht, wie tief verankert diese Haltung war.
Bregman kontrastiert diesen Humanismus bewusst mit dem von Propaganda geprägten Deutschland. Während dort eine „jüdische Frage“ konstruiert wurde, blieb Dänemark dem Prinzip treu: Es gibt nur Bürgerinnen und Bürger – keine Feindbilder. Dieser Abschnitt macht deutlich, dass das Menschenbild einer Gesellschaft darüber entscheidet, ob Solidarität möglich wird.
Für Bregman ist der dänische Widerstand ein Beweis dafür, dass Menschen im Grunde gut sind – und dass moralisches Handeln eine kollektive Kraft entfalten kann, wenn politische Strukturen es zulassen.
Allgemeine Fragen zu Rutger Bregmans Im Grunde gut
Was ist die zentrale These von Rutger Bregmans Im Grunde gut?
Bregman argumentiert, dass der Mensch im Kern kooperativ, hilfsbereit und vertrauenswürdig ist. Seine „neue Geschichte der Menschheit“ stellt ein positives Menschenbild gegen pessimistische Erzählungen der klassischen Anthropologie, Psychologie und Geschichtsschreibung.
Warum unterscheidet Bregman zwischen Verstehen und Verständnis?
Bregman betont, dass man Menschen rational verstehen kann, ohne ihr Verhalten gutzuheißen. „Verstehen“ ist für ihn eine kognitive Fähigkeit, kein moralisches Einverständnis. Diese Unterscheidung ist zentral, weil sie erklärt, warum moralische Klarheit manchmal wichtiger ist als Nettigkeit oder Harmoniestreben.
Wie erklärt Bregman, dass Nettigkeit oft moralisches Handeln verhindert?
Er zeigt, dass Menschen häufig schweigen, um Konflikte zu vermeiden oder nicht als „Querulanten“ zu gelten. Dieses Harmoniestreben führt jedoch dazu, dass Ungerechtigkeit stabilisiert wird. Für Bregman ist mutiges Einstehen für Wahrheit wichtiger als oberflächliche Freundlichkeit.
Warum gilt der dänische Widerstand 1943 für Bregman als Beleg für das Gute im Menschen?
Die Rettung der dänischen Juden ist für Bregman ein historisches Schlüsselbeispiel: Ohne zentrale Organisation formierte sich ein landesweites Netzwerk der Hilfe. Kirchen, Universitäten, Fischerfamilien und sogar Polizisten handelten solidarisch. Das Ereignis zeigt, wie stark Humanität wirken kann, wenn eine Gesellschaft demokratische Werte wirklich verinnerlicht hat.
Ist Bregmans positives Menschenbild realistisch oder naiv?
Bregman hält es nicht für naiv, sondern für empirisch gut belegbar. Er stützt sich auf Forschung aus Anthropologie, Psychologie und Geschichte. Sein Argument lautet: Menschen handeln kooperativ, wenn sie in Strukturen leben, die Vertrauen fördern statt Angst schüren.
Welche historischen Beispiele nutzt Bregman, um seine These zu stützen?
Neben dem dänischen Widerstand zitiert er:
– die Solidarität im Londoner Blitz,
– Experimente zur Kooperation,
– das Milgram-Experiment in neuer Interpretation,
– archäologische Befunde zu frühen Gemeinschaften.
Sie alle sollen zeigen, dass Kooperation häufig unterschätzt wird.
Wie bewertet Bregman die Rolle von Empathie in moralischen Entscheidungen?
Bregman differenziert zwischen emotionaler und kognitiver Empathie. Während emotionale Empathie manchmal manipulativ wirken kann, hält er kognitive Empathie — also Verstehen ohne Zustimmung — für essenziell, um faire und rationale Urteile zu treffen.
Warum ist moralischer Mut ein wiederkehrendes Thema in Im Grunde gut?
Weil moralischer Mut laut Bregman zeigt, wie „im Grunde gut“ Menschen tatsächlich handeln können, wenn sie erkennen, dass Schweigen Unrecht verstärkt. Mut bedeutet für ihn nicht Härte, sondern Klarheit und Verantwortungsbewusstsein.
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