Fiktiv, aber wahr: Was Guy Ritchie’s The Covenant über echte Schicksale erzählt

Guy Ritchie's The Covenant spielt in Afghanistan und wirft ein Licht auf das Verhalten des US-Militärs im Umgang mit einheimischen Übersetzern, denen Schutz versprochen wurde.

Zuletzt aktualisiert am 4. März 2026

Ahmed gibt es nicht. Aber seine Geschichte ist real.

Guy Ritchie’s The Covenant (2023)[1] erzählt die Geschichte von US-Sergeant John Kinley (Jake Gyllenhaal), der 2018 mit seiner Einheit in Afghanistan (gefilmt wurde in Spanien) stationiert ist, um das Land nach Waffenlagern der Taliban zu durchsuchen. In diesem Beitrag analysiere ich Guy Ritchie’s Werk als filmisches Mittel, das fiktive Figuren nutzt, um reale historisch-politische Missstände – insbesondere das Versagen des US-Visaprogramms für afghanische Dolmetscher – stellvertretend darzustellen und öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Die zentrale Fragestellung lautet: Sind Figuren Stellvertreter realer Verhältnisse oder reine Unterhalter? 

Thesen zur Analyse von Guy Ritchie’s The Covenant

Implizit geht es mir um die (auch allgemein übergreifend stellbare Frage), ob Filme wie The Covenant über bloßes Action-Entertainment hinausgehen oder auch als pars pro toto für reale Schicksale – in diesem Fall afghanischer Dolmetscher, die nach dem US-Abzug 2021 von versprochenen Special Immigrant Visas (SIV) betrogen wurden – dienen. Der Film greift bekannte Fakten auf – 50.000 Dolmetscher arbeiteten für US-Truppen mit Visaversprechen –, ist aber fiktiv; Figuren wie John Kinley und Ahmed symbolisieren Tausende reale Fälle von Verrat und Gefahr durch Taliban-Jagd.

Folgende Thesen möchte ich zur Diskussion stellen:

  • Figuren als Symbol für Realität: Ahmed und Kinley verkörpern universelle Motive wie Pflicht (A Bond, A Pledge, A Commitment), Trauer und widerwillige Loyalität jenseits von Freundschaft oder Kultur – ein „Bund“ trotz Abneigung, der reale Dolmetscher-Schicksale (Blacklists, Morde) repräsentiert. Die Protagonisten (Außenseiter in fremden Systemen) dienen als Bindeglied, um Themen wie Sprachbarrieren und die entmenschlichte Bürokratie zu vermitteln.
  • Unterhaltung vs. gesellschaftlicher Appell: Ritchie und Gyllenhaal betonen in Interviews Kameradschaft und „amerikanisches Ethos“ (Nobody left behind) als Unterhaltungselement, nicht Politik; dennoch lenkt der Film indirekt auf anhaltende Visa-Probleme (z. B. Backlogs, Todesfälle).
  • Systemkritik durch Individuen: Bürokratie ist der „wahre Feind“ (ähnlich Kafka/Fallada/Heller); Selbstjustiz (Kinley rettet Ahmed) glorifiziert Individuen, kritisiert aber subtil das Militär und fordert Erfüllung von Versprechen.

Inhaltliche Zusammenfassung von Guy Ritchie’s The Covenant

Zu Kinleys Männern in Afghanistan zählt auch der einheimische Dolmetscher Ahmed (Dar Salim), der die Soldaten bei ihrer Mission unterstützt, sich damit aber auch aktiv gegen die Taliban engagiert. Die Situation eskaliert, als die Truppe auf ein Waffenlager stößt und bis auf John und Ahmed niemand überlebt. Auf sich allein gestellt kämpfen sie sich durch die karge Landschaft, bis John schwer verletzt wird. Ahmed schafft es unter Einsatz seines Lebens, den Verwundeten bis zum heimischen Stützpunkt Bagram zu schleppen, dann trennen sich ihre Wege. Während Ahmed mit seiner Familie untertauchen muss, wird John zurück in die Staaten transportiert. Dort erst erlangt er allmählich seine Erinnerung an die Vorfälle zurück. Nachdem er sich vollständig erinnern kann, versucht er alles, um Ahmed ein Visum zu beschaffen, um ihn und seine Familie aus der lebensbedrohlichen Lage zu befreien.

Guy Ritchie’s The Covenant– eine wahre Begebenheit?

In der öffentlichen Wahrnehmung wird häufig gefragt, ob Guy Ritchie’s The Covenant auf einer wahren Begebenheit beruht oder ob es sich nur um reine Fiktion handelt. Gerade die Konstellation „US-Soldat und afghanischer Dolmetscher“ erinnert viele Zuschauerinnen und Zuschauer an reale Schicksale, etwa afghanische Dolmetscher, deren Visa-Anträge nach dem Abzug der US-Truppen ab 2021 ins Stocken gerieten. Die Frage nach „The Covenant wahre Begebenheit“ und nach den realen „Afghanistan Dolmetscher Visa“-Programmen verweist damit auf einen Schnittpunkt von Unterhaltungskino, konkretem historischen Hintergrund und ungelöste politische Verpflichtungen.

Fakt ist, den von Gyllenhaal gespielten US-Sergeant gibt es nicht, das gilt auch für den von Salim verkörperten Dolmetscher. Dennoch fungiert die erzählte Geschichte stellvertretend für sämtliche Beziehungen von in Afghanistan stationierten US-Soldaten und ihren Dolmetschern, ist in diesem Sinne ein figurales Pars pro Toto für die Situation, die sich nach dem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan im Jahr 2021 ergab. Im einleitenden Vorspann werden Hintergrundinformationen eingeblendet:

„7th October 2001. In retaliation to the 9/11 terror attacks in American 1,300 U.S. troops were deployed to Afghanistan. By December 2011 this number had risen to 98,000 U.S. troops deployed. 50,000 Afghan Interpreters were employed by the U.S. Military, under the agreement that they would be eligible to apply for Special Immigration Visas and relocation to America.“[2]

 „Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September wurden 1.300 US-Soldaten in Afghanistan stationiert. Bis Dezember 2011 stieg die Zahl auf 98.000 US-Soldaten an. 50.000 örtliche Dolmetscher arbeiteten für das US-Militär und waren dadurch dazu berechtigt Sondervisa zu beantragen und in den USA zu leben.“[3]

Das Ziel der US-Streitkräfte war der Sturz des herrschenden Taliban-Regimes. Mitte April 2021 kündigte US-Präsident Joe Biden den Abzug aller US-Streitkräfte aus Afghanistan bis zum 11. September 2021 an, an dem sich alle im Land stationierten Streitkräfte aus anderen Ländern beteiligten. Was das konkret bedeutete, wird weiter unten deutlich. Doch sei einführend erwähnt, dass die Dolmetscher zurückgelassen und den wieder erstarkenden Taliban ausgeliefert waren, weil sie die US-Regierung grob gesagt nicht mehr verantwortlich zeigte.

Geschichtenerzählen als Mission

Vorweg möchte ich erwähnen, dass trotz humanistischer Ambitionen eines nicht vergessen werden darf: Filme dienen der Unterhaltung und sind Teil des kapitalistischen Systems. Zugleich sind sie aber auch Mittel zur Inszenierung der öffentlichen Aufmerksamkeit. Ich erkenne hierin eine Gemeinsamkeit mit dem Film Wind River von Taylor Sheridan. Dieser sah seine Aufgabe beim Verfassen des Drehbuchs darin, Stereotype zu zerschmettern – in seinem Film geht es um amerikanische Ureinwohner. Seine Mission als Geschichtenerzähler bestehe darin, Wege zu finden, um zu zeigen, wie ähnlich Menschen sind und nicht wie unterschiedlich. [4] Mit seinem Film hoffte Sheridan, Brennpunkte in Reservaten zu zeigen und auf die vorhandene Gewalt aufmerksam zu machen, damit sie bekämpft wird. Hier zeigt sich etwas Essenzielles: Das persönliche Interesse des Autors ist gekoppelt an den Wunsch, auf akute Missstände hinzuweisen. Dabei geht es nicht um Belehrung, sondern um Inszenierung – Aufmerksamkeit erzeugen.

Ähnlich geartet ist meines Erachtens Guy Ritchie‘s The Covenant, in dem das Band zwischen in Afghanistan stationierten US-Soldaten und ihren Dolmetschern exemplarisch genauer betrachtet wird, und zwar an den Figuren US-Sergeant John Kinley (Jake Gyllenhaal) und Ahmed (Dar Salim). In einem Interview mit ›Time Magazin‹ wurde Ritchie gefragt, ob sein Film politischer Natur sei und er Aufmerksamkeit auf die Verpflichtung gegenüber den zurückgelassenen Dolmetschern lenken wolle.[5] Dies lehnt er ab. Er interessiere sich für das Band zwischen Individuen und was sie bereit sind zu tun, um dieses Band zu ehren. Interessant ist, dass Ritchie wie Sheridan die richtige Balance zwischen emotionalem Interesse und intellektueller Anregung (hier bezüglich der Darstellung von Gewalt) finden wollen. Gewalt sei eine Komponente, die unterhält. Relevant sei ein überzeugendes Alibi, um sich das Geschehen anzusehen, so Ritchie.[6]

Ritchies Simpelheit: Kameradschaft statt Kriegspolitik

Dabei hält Ritchie seine Geschichte simpel. Ihm gefällt, dass man nicht die Maschinerie hinter der politischen Geographie kennen muss, um zu verstehen, was zwischen den beiden Figuren passiert. Angesichts der politischen Geographie musste man nur verstehen, dass der eine Mann zutiefst motiviert ist, eine Schuld zu bedienen, die der andere ihm auferlegt hat. Ritchies zentrales Interesse im Film liege darin, eine bestimmte Form von soldatischer Kameraderie als die zentrale antreibende menschliche Macht dazustellen.[7] Bei The Covenant ginge es ihm vor allem darum, eine bestimmte Art von Soldatenkameradschaft als Triebkraft der Menschheit darzustellen. Laut diesen Aussagen muss davon ausgegangen werden, dass der Brite kein Interesse daran hat, die Politik des Afghanistan-Krieges, seine Ursprünge, seinen Zweck oder seine schmerzhaft lange Dauer filmisch zu verhandeln. Jake Gyllenhaal, spielte beispielsweise bereits 2005 in dem Biopic und Antikriegsfilm Jarhead die Rolle des Protagonisten. Die beiden Filme seien bezüglich ihrer thematischen Ausrichtung widersprüchlich. Ersterer sei ein zutiefst zynischer Film, der die Erfahrung des jungen US-Soldaten als gewalttätiges, betäubendes Fegefeuer schildert. Letzteres sei eine pro-militärische Heldengeschichte, in welcher die USA ebenso glorifiziert würden.[8]

Zusammenarbeit – trotzdem: Verbindung, Verpflichtung, Versprechen

In einem Bericht der ›Los Angeles Times‹ aus Oktober 2022 wurde darauf hingewiesen, dass einige der vom Militär angeheuerten Dolmetscher nicht einfach zurückgelassen, sondern komplett auf die schwarze Liste gesetzt wurden.[9] ›Al Jazeera‹ schrieb einen Bericht darüber, wie betrogen afghanische Bürger sich fühlten, weil sie vom US-Militär im Stich gelassen wurden.[10]

Kritisch äußert sich der Film in der Tat nicht über das US-Militär. Und auch Jake Gyllenhaal ist deutlich, wenn er sagt, dass ihn das Lesen des Scripts Stolz gemacht habe, ein Amerikaner zu sein.[11] „Wir haben das Ethos, dass niemand zurückgelassen wird. Und darum geht es in der Story.“[12] Es geht darum, trotzdem – trotz Ablehnung oder nicht vorhandener Sympathie Gutes zu tun – und zwar ohne Sentimentalität.[13] Weil es richtig ist.

Die (weißen) Protagonisten sind in The Covenant Außenseiter, die erzwungenermaßen in einem fremden Land agieren, dem sie nicht angehören bzw. einem System, das sich gegen bestimmte Gruppen richtet.

Warum Dolmetscher US-Soldatenleben retten – The Covenant Szene

Dolmetscher sind in Kriegsgebieten die Lebensversicherung der US-Soldaten. Diese sind auf die Richtigkeit der Übersetzungen angewiesen. Ahmed fällt John als Anführer unangenehm auf, weil er sich nicht in die militärische Hierarchie einordnen kann, eigenständig denkt und Befehle hinterfragt. Doch wichtiger scheint hier die Richtigkeit seiner Angaben. Eine Szene zeigt, in welche Gefahr sich die Soldaten begeben, wenn sie sich auf die Ratschläge der einheimischen Dolmetscher verlassen und demonstriert auch, wie ernst Ahmed seine Verpflichtung nimmt.[14] (Inwiefern das mit der erwähnten Ermordung seines Sohnes durch die Taliban zusammenhängt, wird nicht thematisiert). Bei einer Aufklärungsfahrt bittet Ahmed John um einen Stopp. Er vermutet einen Hinterhalt, eingefädelt von dem zweiten Dolmetscher Hadee. John reagiert ungehalten. Ahmed sei nur der Dolmetscher, alles Weitere erledigen die Soldaten. Ahmed antwortet, dass er sich eher als Ausleger betrachte. John versteht dies als Überschreitung der Grenzen zwischen ihm als Vorgesetzen und dem einheimischen Dolmetscher. Überprüfen lässt er Ahmeds Warnung dennoch. Als Ahmed den anderen Dolmetscher Hadee bedroht und ihn Verräter nennt, platzt John der Kragen. Er muss aber feststellen, dass dieser mit seiner Einschätzung richtig lag. Auf dem von Hadee vorgeschlagenen Weg befindet sich ein Hinterhalt, der die gesamte Truppe getötet hätte, denn er arbeitet für die Taliban. John verdankt Ahmed bereits an diesem Punkt sein Leben und muss auch vor seinem Vorgesetzten zugeben, dass er seine Arbeit gut macht. Hier soll noch einmal kurz zu dem einer Aussage von Jake Gyllenhaal zurückzukommen sein: „Einer von meinen engsten Freunden ist ein Marine und seinem Dolmetscher verdankt er sein Leben. Er würde es selbst sagen, aber jetzt spreche ich für ihn.“[15]

Sprache als Bindeglied in The Covenant

In The Covenant scheint es Differenzen kommunikativer Natur zwischen den Figuren zu geben. Bezeichnend ist, dass nicht nur die Kommunikation zwischen Dolmetscher und Soldat gestört ist, sondern neben den kriegführenden Parteien sind auch die gleichsprachigen Landesbewohner uneins. Das Unbehagen des im Medium dargestellten Außenseitertums ist so auf mehreren Ebenen auch für das Publikum außerhalb des Mediums erfahrbar. Diese Kluft wird jeweils durch übersetzende mehrsprachige Instanzen im Film gelöst. In The Covenant überbrücken Dolmetscher den sprachlichen Abgrund, der als Teil einer fremden Kultur jedoch für die fremden Eindringlinge arbeitet. Der Dolmetscher ist jeweils das Bindeglied für gelingende und sogar lebenswichtige Kommunikation, wie der Film als mediales Bindeglied für kulturell relevante Themen betrachtet werden kann.

Von Bedeutung für diese Feststellung ist, dass der von Gyllenhaal gespielte US-Sergeant und sein Dolmetscher Ahmed sich nicht sonderlich mögen.[16] Die Abneigung beruht auf kulturellen Unterschieden und damit einhergehenden Missverständnissen in der Hierarchie. Wenn etwa Ahmed versucht, Sergeant Kinley zu helfen und ihm unaufgefordert Tipps gibt, dann wird das als Untergraben der Autorität oder Ungehorsam gewertet, nicht als Hilfsleistung.[17] Die Erkenntnis, wie derartiges Verhalten zu deuten ist, kommt den Figuren – wie im wahren Leben – auch erst später.

Deutlich wird jedenfalls an diesem Aspekt, dass über die Figuren kulturelle Differenzen verhandelt und inszeniert werden, anhand der Dialoge und den Handlungen wird die entgegengebrachte Abneigung zugleich zwischen den Personen sowie medial kommuniziert. Die Sprachbarriere ist der deutlichste Aspekt dieser Kluft. Ein freundschaftliches Verhältnis verbindet beide nicht. Doch letztlich rettet Ahmed als Dolmetscher John trotzdem unter Einsatz seines Lebens und auch John setzt sein Leben für den Zurückgebliebenen ein. Nicht aus Freundschaft, sondern aus Pflichtgefühl. Weil es das Richtige ist.

Ahmed schleppt Kinley durch die Hölle: Schuldenpflicht entsteht

Die Auslöschung des gesamten Trupps kann allerdings nicht verhindert werden. Auf ihrer Flucht agieren John und Ahmed zunächst als Team, bis John verletzt wird. Wiederholt rettet Ahmed ihn, baut eine Trage für den Transport und schleppt den Verwundeten durch das Land. Mehrfach gerät er in Situationen, in denen er ihm und sich das Leben rettet. Unter Bewältigung vieler Gefahren schafft Ahmed es tatsächlich, John zum US-Luftwaffenstützpunkt Bagram zurückzubringen, woraufhin dieser zurück in die Staaten transportiert wird. Dort kann John sich kaum an die Vorfälle erinnern. Erst durch einen Freund erfährt er von Ahmeds Schicksal: Dieser ist aufgrund seines Rettungstrips zu einer Art Volksheld geworden und wird von Taliban gesucht. Auf ihn ist nun ein Kopfgeld ausgesetzt. John weiß, er schuldet Ahmed sein Leben.

Trauer und Bund: Die universelle Verbindung von Kinley und Ahmed

Die Frage, was Menschen allgemein verbindet, auch und gerade über kulturelle Grenzen hinweg, wird in beiden Filmen an für die Handlung relevanten Passagen dargestellt. Ganz allgemein setzt The Covenant hier auf die am Ende benannten Schlagworte des Pflichtgefühls: A Bond. A Pledge. A Commitment.[18] (Ein Bund. Ein Versprechen. Eine Verpflichtung.) Die Frage nach der Verpflichtung der eigenen Kultur gegenüber oder dem Band, das jemand zu seinem Land hat oder zu einem aus eigener Motivation geschlossenen Vertrag wird an den Figuren auf die Probe gestellt und inszeniert. Man erfährt bereits am Anfang des Films, dass Ahmed einst für die Taliban im Heroingeschäft gearbeitet hat.[19] Sein Sohn wurde von ihnen getötet, daraufhin nahm er das Angebot an für das US-Militär als Dolmetscher zu arbeiten. Über tiefergehende Motivation wird nichts preisgegeben, doch das vom US-Militär versprochene Visum dürfte ein großer Anreiz gewesen sein, denn Ahmeds Frau ist hochschwanger. Am Ende des Films trägt sie auf der Flucht einen Säugling im Arm. Trauer ist ein kulturüberschreitendes Phänomen – sogar Tiere trauern –, ein grundlegendes Merkmal lebendiger Existenz.

Ein Bund: Widerwillige Pflicht jenseits Freundschaft

Ahmed erfüllt widerwillig seinen „Bund“ – rettet Kinley trotz Wüste, Familie, Taliban-Kopfgeld. Nicht Sympathie treibt ihn, sondern Imperativ: Trauma (Sohnstod) kanalisiert Pragmatismus (Visum) in posttraumatisches Wachstum. Kinley zahlt zurück: Hypothek, Rückkehr, Selbstjustiz. Archetypisch faszinierend – Ethik siegt über Ego.

Ahmeds Hintergrund in The Covenant – geprägt durch den Heroinhandel für die Taliban und den brutalen Verlust seines Sohnes – enthüllt eine komplexe Psychologie des Überlebenswillens, der Rache und der ambivalenten Loyalität. Ursprünglich in die Strukturen des Feindes eingebunden, wechselt er die Seiten nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern aus nacktem Pragmatismus: Das US-Visum verspricht Sicherheit für seine schwangere Frau, doch der Sohnstod zementiert eine tiefe, unterschwellige Verbitterung, die sich in seiner distanzierten, fast mechanischen Pflichterfüllung äußert. Diese widerwillige Loyalität gegenüber Kinley – frei von sentimentaler Freundschaft, getrieben allein vom „Bund“ als moralischem Imperativ – fasziniert universell, weil sie archetypische menschliche Konflikte anspricht: den Zwiespalt zwischen Egoismus und Ethik, den Adrenalinrausch der Schuldenbegleichung und die Katharsis der Selbsttranszendenz. Psychologisch gesehen entspricht das dem Konzept der „posttraumatischen Wachstumsdynamik“, wo Trauma (Sohnsverlust) nicht zerstört, sondern umlenkt – Ahmed opfert sich nicht heldenhaft, sondern transzendiert seine Isolation durch einen Akt, der seine Menschlichkeit gegen kulturelle und kriegerische Entmenschlichung behauptet, was Zuschauer emotional mitreißt, da es die fragile Universalität von Pflicht jenseits von Nationen oder Sympathie offenlegt.

Bürokratie vs. Bund: „Pay your debts!“

Tatsächlich argumentiert The Covenant, dass zusätzliche militärische Maßnahmen durchaus die Lösung des Problems sein könnten. Es gibt eine längere Szene, in der Kinley mit verschiedenen Bürokraten telefoniert und versucht, die Überfahrt für Ahmed und seine in Afghanistan untergetauchte Familie zu arrangieren.

Kinley ringt monatelang mit Bürokraten – Warteschleifen, Weiterleitungen, Militär-Versagen am Visum-Versprechen.[20] In der Welt von The Covenant ist die Bürokratie der wahre Feind. Das kennen Leserinnen und Leser bereits aus Hellers Catch 22, Kafkas Der Prozess oder Falladas Kleiner Mann, was nun? Und das sind nur wenige Beispiele, die auch schon Jahrzehnte zurückliegen. Hier handelt es sich um aktuelle Filme, in denen es unter anderem um genau dieses Thema geht.

Zermürbt konfrontiert Kinley letztlich seinen Vorgesetzten: „Pay your debts! Kein Kompromiss.“[21] Individuelles Heldentum siegt, wo Systeme scheitern. Während die Figur im Film das bürokratische System konfrontiert, erklärt Schauspieler Jake Gyllenhaal das im Film visualisierte amerikanische Ethos: Niemand wird zurückgelassen.[22] Zugleich erwähnt er auch, dass der Film unterhalten solle – die Großartigkeit Amerikas. Er glaube an die Macht der Filme und dass sie Licht auf emotionale Begebenheiten werfen können.[23] Ich verstehe darunter einen Fokus auf bislang wenig belichtete Begebenheiten, denen durch das Medium mehr Aufmerksamkeit zukommt.

Storytelling, Pflichtgefühl und moralischer Appell

Aber sind Sprache und Handeln sowie eigenständiges Agieren und Nachahmung nicht unterschiedliche Dinge? Man muss beachten, dass eben diese Thematiken direkt an den Figuren ausgestellt werden, ist Ahmed immerhin Dolmetscher. Gyllenhaal erklärt: „Bei einem Übersetzer würde man denken, es ginge um Sprache. Dabei geht es um das Verhalten.“[24] Wenn Gyllenhaal sagt, er sei stolz auf das, was getan werden kann, dann redet er von den Handlungen im Film, die aber in der Realität anders aussahen. Damit viele Menschen erreicht werden, muss ein Film unterhaltsam sein. Und dies sei über die visualisierte Emotionalität möglich, so Gyllenhaal.[25] Man könne Aufmerksamkeit auf Themen lenken, die noch einmal überdacht werden könnten.[26] Insofern darf sich der Film implizit als Appell an das US-Militär richten mit den Worten: „Pay your debts!“[27] Natürlich muss man den Aspekt des Storytellings mit einbeziehen. Denn wie bereits erwähnt, gab es viele Gerüchte, ob der Film auf einer wahren Begebenheit beruht. Filmisches Storytelling ist hochfunktionell. Wie die Botschaft von wem wie aufgefasst wird hängt von anderen Aspekten wie etwa den Bildungsstand oder gesellschaftliche Stellung ab. In diesem Sinne stellen alle hier von mir aufgeführten Schlussfolgerungen zu den anfangs genannten Thesen meine Ansichten dar, die ich mit Zitaten untermaure.

Immerhin verweisen die vor dem schwarzen Abspann eingeblendeten Worte The Covenant A Bond  A Pledge  A Commitment am Ende des Films auf die Figuren Ahmed und John, deren Verbindung und die daraus resultierende Schuld einzig durch die von der US-Regierung für die Unterstützung als Übersetzer zustande kam. Ahmed hat seine Schuldigkeit erfüllt und John als Stellvertreter für das US-Militär letzten Endes ebenfalls. Kritik ist im Film, wenn überhaupt, meines Erachtens nur unterschwellig am Reden und Handeln der Figuren erkennbar. Einzelne werden zu erfolgreichen Initiatoren, US-Soldaten am Ende als Retter glorifiziert. Und doch ist die Aufforderung zum Handeln, die Aufforderung zum Einhalten der Bringschuld immanent. Gerade das Zusammenspiel aus realen Fakten, der Rettung Ahmeds, den sich anblickenden Männern und der unterlegten Musik zusammen mit den zeitversetzt eingeblendeten Schlagworten bekräftigt die von John vormals gegenüber seinem Vorgesetzten getätigte Aussage: „Pay your debts.“

Von Hollywood zu echter Politik: Selbstjustiz oder Systemreform?

Ob individuelles Handeln und Selbstjustiz vor einem dysfunktionalen System gerechtfertigt sind, bleibt bewusst offen – denn genau diese Frage soll beim Publikum nachklingen. Deutlich wird aber, dass über das Reden und Handeln von Figuren und ihren nachvollziehbaren menschlichen Emotionen und Motivationen im Kontext kultureller Erfahrungen vielfältige Interpretationen mit Bezügen zur Realität möglich werden. Eben dies macht Figuren zu Stellvertretern für alle, die nicht für sich selbst sprechen können, Unterhaltung hin oder her.

Gerade vor dem Hintergrund der visumrelevanten Debatten nach 2021 – um gefährdete Ortskräfte, abgelehnte Anträge und verschleppte Verfahren – wird deutlich, dass Figuren wie Ahmed mehr sind als bloße Projektionsflächen für Hollywood-Heldentum. Wenn Filme wie The Covenant Lücken eines Systems ins Bild rücken, das diejenigen zurücklässt, auf deren Loyalität es sich einst verlassen hat, dann kann die Antwort nicht in Selbstjustiz liegen, sondern in der politischen Verpflichtung, zugesicherte Schutzmechanismen tatsächlich umzusetzen. Anstatt das Ideal „Nobody gets left behind“ allein im Kino zu feiern, müssten visapolitische Entscheidungen, Beschleunigung von Verfahren und effektive Schutzprogramme zeigen, dass dieses Ethos auch außerhalb der Leinwand gilt.

Quellen

Filme

Ritchie, Guy: Guy Ritchie’s The Covenant [Film] United States, Metro-Goldwyn-Mayer, 2023.

Andere Beiträge

Amnesty International: USA: Sexualisierte Gewalt an indigenen Frauen nimmt epidemische Ausmaße an: online unter: https://www.amnesty.de/informieren/aktuell/usa-sexualisierte-gewalt-an-indigenen-frauen-nimmt-epidemische-ausmasse-an (zuletzt abgerufen am 17. Mai 2022).

Castillo, Andrea: ‘Blacklisted’ Afghan interpreters were disqualified from U.S. visas. Now they’re in hiding, 2. Oktober 2022, online unter: https://www.latimes.com/world-nation/story/2022-10-02/afghan-interpreters-blacklisted-special-immigrant-visas (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

Frietsch, Martina: Die Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner heute, online unter: https://www.planet-wissen.de/kultur/voelker/indigene_voelker_nordamerikas/pwieindigeneheute100.html (zuletzt aufgerufen am

Jalal Shajjan, Sayed: ‘Betrayed’: The Afghan interpreters abandoned by the US, online unter: https://www.aljazeera.com/features/2021/6/13/betrayed-the-afghan-interpreters-abandoned-by-the (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023.

Luscombe, Belinda: Guy Ritchie on Trying His Hand at Serious Violence for a Change, 20. April 2023, online unter: https://time.com/6272569/guy-ritchie-interview-the-covenant/ (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

McClure, Deven: Jake Gyllenhaal & Dar Salim Discuss Guy Ritchie’s The Covenant, 04:12-04:21., online unter: https://www.youtube.com/watch?v=chcg0C2PNh4 (zuletzt abgerufen am 03.09.2023).

Osteried, Peter: «Yellowstone»-Showrunner und Drehbuchwunderkind: Der umtriebige Taylor Sheridan, 18. Juli 2023. Online unter: https://www.cineman.ch/article/yellowstone-showrunner-und-drehbuchwunderkind-der-umtriebige-taylor-sheridan (zuletzt abgerufen am 03.09.2023).

Ritchie, Guy: Guy Ritchie’s The Covenant [Film] United States, Metro-Goldwyn-Mayer, 2023.

Roman, Julian: Guy Ritchie’s The Covenant | Jake Gyllenhaal and Dar Salim Interview, 19. April 2023, 1:35-1:38, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=XCXKAuBQ4HA (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

Seibold, Witney: Guy Ritchie’s The Covenant Isn’t Based On A True Story, But It’s Not Far Off, 24. April 2023, online unter: https://www.slashfilm.com/1264306/guy-ritchie-the-covenant-not-based-on-true-story-but-not-far-off/ (zuletzt abgerufen am 03.09.2023).

Simon, Scott: Investigating A Murder In ‚Wind River‘, 5. August 2023, online unter: https://www.npr.org/2017/08/05/541774348/investigating-a-murder-in-wind-river (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).


[1] Ritchie, Guy: Guy Ritchie’s The Covenant [Film] United States, Metro-Goldwyn-Mayer, 2023.

[2] Ritchie, 2023, 00:00:34-00:01:12.

[3] Ritchie, 2023, 00:00:34-00:01:12.

[4] Simon, Scott: Investigating A Murder In ‚Wind River‘, 5. August 2023, online unter: https://www.npr.org/2017/08/05/541774348/investigating-a-murder-in-wind-river (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

[5] Luscombe, Belinda: Guy Ritchie on Trying His Hand at Serious Violence for a Change, 20. April 2023, online unter: https://time.com/6272569/guy-ritchie-interview-the-covenant/ (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

[6] Ebd.

[7] Seibold, Witney: Guy Ritchie’s The Covenant Isn’t Based On A True Story, But It’s Not Far Off, 24. April 2023, online unter: https://www.slashfilm.com/1264306/guy-ritchie-the-covenant-not-based-on-true-story-but-not-far-off/ (zuletzt abgerufen am 03.09.2023).

[8] Ebd.

[9] Castillo, Andrea: ‘Blacklisted’ Afghan interpreters were disqualified from U.S. visas. Now they’re in hiding, 2. Oktober 2022, online unter: https://www.latimes.com/world-nation/story/2022-10-02/afghan-interpreters-blacklisted-special-immigrant-visas (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

[10] Jalal Shajjan, Sayed: ‘Betrayed’: The Afghan interpreters abandoned by the US, online unter: https://www.aljazeera.com/features/2021/6/13/betrayed-the-afghan-interpreters-abandoned-by-the (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023.

[11] Roman, Julian: Guy Ritchie’s The Covenant | Jake Gyllenhaal and Dar Salim Interview, 19. April 2023, 1:35-1:38, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=XCXKAuBQ4HA (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

[12] Ebd., 1:39-1:43.

[13] Ebd., 1:42-1:54.

[14] Ritchie, 2023, 00:20:16-00:24:15.

[15] Roman, Julian: Guy Ritchie’s The Covenant | Jake Gyllenhaal and Dar Salim Interview, 19. April 2023, 4:11-4:23, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=XCXKAuBQ4HA (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

[16] Ebd. 1:52-2:04

[17] Ritchie, 2023, 00:06:21-00:08:31 (So sollen John und sein Trupp auf der Suche nach Verstecken der Taliban Häuser durchsuchen. Während Ahmed erwähnt, dass John in den anvisierten Häusern nichts finden wird, nennt dieser ihn spöttisch ein Orakel und durchsucht letztlich eine Heroinhöhle, in der sich zugedröhnte Einheimische aufhalten.); 00:13:38-00:16:21 u.a.

[18] Ritchie, 2023, 01:55:55-01:56:05.

[19] 00:16:40-00:17:10.

[20] Ritchie, 2023, 01:10:18-01:12:39.

[21] Ebd., 01:24:12-01:26:55.

[22] Roman, Julian: Guy Ritchie’s The Covenant | Jake Gyllenhaal and Dar Salim Interview, 19. April 2023, 1:42-1:45, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=XCXKAuBQ4HA (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

[23] Ebd., 03:10-04:09.

[24] McClure, Deven: Jake Gyllenhaal & Dar Salim Discuss Guy Ritchie’s The Covenant, 04:12-04:21., online unter: https://www.youtube.com/watch?v=chcg0C2PNh4 (zuletzt abgerufen am 03.09.2023).

[25] Roman, Julian: Guy Ritchie’s The Covenant | Jake Gyllenhaal and Dar Salim Interview, 19. April 2023, 3:57-4:10, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=XCXKAuBQ4HA (zuletzt aufgerufen am 03.09.2023).

[26] Ebd.

[27] Ritchie, 2023, 01:26:44-01:26:48.

Katrin Beißner

Bildquellen

Worum geht es?

Dieser Blog dient dem Interpretieren von Literatur, Filmen und Kunst, individuellen Erfahrungen und der Realität. Die Analysen und Interpretationen erfolgen als Gedankenexperimente im Rahmen einer Beschäftigung mit dem Erzählen, literarischen Figuren, historischen Personen sowie realen Menschen unter Anwendung literaturwissenschaftlicher Theorien und Methoden.

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