Zuletzt aktualisiert am 26. März 2026
Gedanken zur Instrumentalisierung des Weiblichen im Einhorn-Mythos
Das Einhorn ist ein Tier der Reinheit. So heißt es zumindest vielfach in der Überlieferung, wird dies auch in der mittelalterlichen Bestiarium-Tradition immer wieder betont. Doch was ist Reinheit? Ein genauerer Blick auf die frühchristliche Tradition zeigt, dass es sich dabei um keinen besonders vorbildlichen Zustand handelt, sondern um eine theologische Qualifikation, die vor allem in Verbindung mit der Jungfrau als Christus‑Empfängerin fungiert. Reinheit ist demnach keine Eigenschaft, sondern eine Rolle, eine Funktion, über die verfügt wird: die Jungfrau als Ort der Reinheit, nicht als Trägerin von individuellen Tugenden. Im Physiologus, der einflussreichen frühchristlichen Naturlehre in griechischer Sprache aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, tritt die Jungfrau nicht als Subjekt auf, sondern als Bindeglied: zwischen dem wilden Tier und der männlichen Ordnung, die es einzufangen begehrt.
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Die Jungfrau mit dem Einhorn: eine Funktion, kein Subjekt
Der Physiologus beschreibt das Einhorn als unbezwingbar — „ein Jäger kann sich ihm nicht nähern, weil es sehr stark ist“[1]. Es gilt als Symbol eines göttlichen oder uneinnehmbaren Wesens. Nur eine „reine, schön gekleidete Jungfrau“[2] kann das wilde Tier durch ihre Keuschheit zähmen „und es springt ihr auf den Schoß“[3], heißt es im Physiologius. Bereits hier wird die biblische Verbindung des Einhorns als Christus‑Symbol in Verbindung mit Maria gefestigt. Was auf den ersten Blick wie eine Erhöhung der Frau wirkt – sie vermag, was kein Mann kann – entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als die vollständige Verdrängung weiblicher Individualität.
Denn die Jungfrau wird im Text als Typus beschrieben, nicht als Person. Sie erscheint als Struktur, nicht als Subjekt mit individueller Geschichte. Reinheit und Keuschheit zeichnen sie zwar aus, doch sind dies keine persönlichen Eigenschaften oder Wesensmerkmale. Es handelt sich um eine theologische Bedingung, die erfüllt sein muss, damit der Mechanismus der Einhorn-Zähmung funktioniert und das Tier gezähmt bzw. gefangen werden kann.
Die Jungfrau als strukturelles Objekt im Dienst der Männlichkeit
Das Einhorn erscheint ihr nicht, weil sie besonders ist. Es erscheint ihr, weil die Überlieferung es so vorschreibt. Wenn es dann im Physiologus weiter heißt „und die Jungfrau nährt das Tier und bringt es dem König in den Palast“[4] wird deutlich, dass die Jungfrau im Dienst des männlichen Herrschers steht. Dieser begehrt das Einhorn zu besitzen und will es sich aneignen. Weil er es selbst nicht kann, instrumentalisiert er die Jungfrau, enteignet sie. Mit Enteignung meine ich hier die symbolische Leerung der Jungfrau zu einem Ort der Reinheit. Damit einher geht die biografische Verfügbarmachung ihres Subjekts, das keine eigene Geschichte, keine eigenen Wünsche und keine Entscheidungsfreiheit besitzt. Wenn überhaupt, dann steht alle Individualität in Einklang mit dem übergeordneten Herrscherwunsch – der Aneignung des Einhorns für das männliche Begehren. Es erscheint darüber hinaus selbst schöpfergleich und okkupiert alles fleischgewordene Göttliche.
Der Schoß als Nicht-Ort
Besonders aufschlussreich ist die räumliche Logik der Allegorie. Das Einhorn legt seinen Kopf in den Schoß der Jungfrau — ein Bild, das in der mariologischen Deutung unmittelbar mit der Inkarnation Christi verknüpft wird: Marias Schoß als Ort der Menschwerdung Gottes. Das Einhorn steht für Jesus Christus als „Sinnbild des Erlösers“[5], die Jungfrau steht allegorisch für „den Leib der wahrhaft reinen Jungfrau Maria.“[6] Doch dieser Schoß ist kein Raum, der ihr gehört. Er ist ein Durchgang, eine Schwelle für implizite Gewalt. Der weibliche Körper erscheint als Behälter – nicht als handelndes Subjekt, sondern als Ort einer männlich kodierten Transaktion. Das Einhorn kommt, ruht, wird gefangen, wohingegen die reine Jungfrau verschwindet. Ihre Rolle endet mit dem Gelingen des Akts und der Übergabe des gezähmt-gefangenen Tieres an den König. Sie wird funktional eben nur als Übergang zwischen Aneignung und Enteignung instrumentalisiert.
Keuschheit als Enteignung
Der spätantike Kirchenlehrer und Gelehrte Isidor von Sevilla verstärkt die Lesart der nährend-mütterlichen Aufnahme durch die Jungfrau in seinen Etymologien noch: „if a virgin girl is set before a unicorn, as the beast approaches, she may open her lap and it will lay its head there with all ferocity put aside, and thus lulled and disarmed it may be captured.“[7] Das Tier legt all seine Wildheit ab und legt seinen Kopf auf den offenen Schoß der Jungfrau. Das Einhorn legt sich nieder, alle Wildheit weicht. Was im Physiologus mit der Überführung des gezähmten und genährten Tiers an den Herrscher benannt ist, wird bei Isidor expliziert, sodass in moderner Lesart auch eine sexuelle Lesart möglich wird. Dadurch erhält das Bild der Zähmung eine Schieflage, denn man muss sich fragen, um wessen Zähmung es geht. Nicht nur die des Tiers. Auch die Frau ist gezähmt – nein, sie war bereits gezähmt. Oder nicht einmal das, sie war gefüllt mit Dienstvorgaben für die männliche Jagd: Reinheit.
Ihre Reinheit, ihre Demut, ihre Tugendhaftigkeit sind Indizien kulturellen Drucks und weibliche Sozialisation, die sich auf festgeschriebene Rollenvorgaben und stereotypische Bilder stützen. Die Keuschheit bzw. Reinheit der Jungfrau ist nicht das Ergebnis ihrer freien Entscheidung, sondern Voraussetzung ihrer Verwendbarkeit, der Funktionalisierung in religiöser sowie gesellschaftlicher Prämisse. Ersteres macht sie zum passiven Gefäß für Christus, das Pendant findet sich mit Maria und der unbefleckten Empfängnis bereits in der Bibel, ein „zweiter modus“ der Natur. Doch sind Allegorien – auch die des Einhorns – vielgestaltig auslegbar.
Instrumentelle Polyvalenz der allegorischen Deutung
Mehrdeutigkeit liegt in der Natur einer Allegorie und auch hier „lässt die Darstellung von Einhorn und Jungfrau auf mütterliche Beziehungen – Säugen, In-den-Schlaf-Wiegen – ebenso schließen wie auf sexuelle, wenn es um den Schoß der Jungfrau, das Horn und die in den bildlichen Darstellungen häufig angedeutete Penetration geht.“[8]
Modern gelesen ist Keuschheit keine Tugend, die eine Frau als individuelle Eigenschaft besitzt — sondern ein aufgestülptes Zurichtungsobjekt, das zudem noch die sexualisierte Überwältigung in sich trägt. Die Frau darf nur wirken, solange sie sich selbst nicht gehört. Ihr Körper ist verfügbar für das göttliche, klerikale sowie männlich-herrschaftliche Drama, weil er für sich selbst unzugänglich gemacht wurde. Dies gilt für den herrschaftlichen Bereich, in dem der Körper relevant für die Zeugung von Nachkommen wird, ebenso wie für den religiösen Bereich, in dem Reinheit wiederum die Nachfolge Christi determiniert. Weibliche Reinheit als Nullstelle des Selbst.
Gerade in dieser Lesart tritt die Struktur der Erzählung offen zutage. Die vorgestellte Lesart bedeutet nämlich auch, dass die reine und tugendhafte Jungfrau implizit eine Jägerin ist, obwohl das Gewalttätige der Jagd nicht genannt wird. Die Jagd beginnt nicht mit dem Jäger – sondern mit der Zurichtung der Jungfrau. Insofern trifft die eigentliche Zähmung nicht das Tier, sondern die Frau. Auch in den berühmten Darstellungen der „Dame mit dem Einhorn“ verschiebt sich diese Struktur nicht grundlegend, sondern wird ästhetisch überformt. Die Jagd tritt in den Hintergrund, die Szene erscheint befriedet, doch die Funktion bleibt erhalten: Die reine Frau als ruhiger Pol, als Ort der Anziehung, an dem das Einhorn sich niederlässt – und damit ganz verfügbar wird.
Kulturelle Formierung scheinhafter Reinheit
Die vermeintliche tugendhafte Macht, mit der die Jungfrau das Einhorn zähmen kann, entpuppt sich als eine ihr einverleibte Kraft, die sich nur durch ihre eigene Entleerung entfalten kann. Sie erscheint als Mittlerin, vermittelt jedoch nichts Eigenes, sondern ermöglicht durch die ihr zugeschriebenen Eigenschaften eine implizit gewalttätige Transaktion, die eine individuelle Person als nichtig ausschließt. Das Einhorn wird gezähmt, doch die eigentliche Zurichtung hat zuvor an der Figur der Jungfrau stattgefunden. Ihre Reinheit ist nicht Ausdruck von Selbstbestimmung, sondern durch männliche Herrschaft auferlegte Bedingung ihrer Verfügbarkeit für das patriarchale Prinzip. So gelesen erzählt der Einhorn-Mythos weniger von der wundersamen Zähmung eines wilden Tieres als von der kulturellen Formierung eines weiblichen Körpers, der nur dort wirksam werden darf, wo alles Individuelle ausgelöscht ist.
Die Struktur, die sich hier offenbart, ist keineswegs auf den Physiologus beschränkt. Sie verweist auf ein wiederkehrendes Muster, in dem Weiblichkeit als vermittelnde Instanz konzipiert wird: als Ort, an dem Bedeutungen realisiert werden, ohne dass ihr selbst Handlungsmacht zukommt. Was als Reinheit erscheint, ist die Voraussetzung dieser Verschiebung: Nur wer sich selbst entzogen ist, kann vollständig verfügbar werden. Die Jungfrau ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel – eine Figur, an der sich zeigt, wie sehr das Weibliche in kulturellen Ordnungen als Mittel gedacht wird, nicht als Ursprung.
Weiterführend kann es lohnend sein, die Manifestation dieser Mechanismen in der modernen Gesellschaft zu untersuchen und ihre subtilen Fortwirkungen auf heutige Vorstellungen von Weiblichkeit und Verfügbarkeit zu reflektieren.
Verwendete Literatur
Barney, Stephen A.: The Etymologies of Isidore of Seville with the collaboration of muriel hall. New York 2006.
Physiologus. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger. Stuttgart 2001.
Roling, Bernd; Weitbrecht, Julia: Das Einhorn. Geschichte einer Faszination. München 2023.
[1] Physiologus. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger. Stuttgart 2001, S. 39. [2] Ebd. [3] Ebd. [4] Ebd. [5] Ebd. [6] Ebd. [7] Barney, Stephen A.: The Etymologies of Isidore of Seville with the collaboration of muriel hall. New York 2006, S. 252. [8] Roling, Bernd; Weitbrecht, Julia: Das Einhorn. Geschichte einer Faszination. München 2023, S. 51.
Bildquellen
- Einblattdr_0393_Einhorn voller Tugend_klein: Beschreibung des wundersammen Thiers/deß Einhorns/von seiner Tugend/Art / in: Die Einblattdrucke der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg. Bearbeitet von Christina Hofmann-Randall. Erlangen 2003 (Schriften der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg / 42), online unter: urn:nbn:de:bvb:29-bv017611624-7 (zuletzt abgerufen am 26.03.2016).
